13.05.2019 Gloria Ehret

Reinen Tisch machen

Das Bayerische Nationalmuseum in München sucht Erben von in der Nazizeit geraubtem Silber 

Dies ist eine sehr bedrückende Ausstellung. Denn es geht nicht um die 112 Silbergegenstände des 17. bis 19. Jahrhunderts – klassische Antiquitäten –, sondern um die tragischen Schicksale, die mit ihnen verbunden sind. Sie sind Zeugnisse der grausamen Judenvernichtung im Dritten Reich. Ab Februar 1939 musste die jüdische Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit alle Edelmetallgegenstände sowie Edelsteine und Perlen gegen eine geringe Entschädigung abgeben. 

Suche nach Besitzern

Eine offizielle Annahmestelle war das Städtische Leihamt München. Vom dort abgegebenen „Fassonsilber“ erwarb das Bayerische Nationalmuseum 322 Objekte. 207 konnten seit 1951 an die Eigentümer oder deren Erben zurückgegeben werden.

Silbernes Gewürzgefäß Johann Balthasar Stenglin / Johann Alois Seethaler 1815‒1816 © Bayerisches Nationalmuseum, München Foto: Walter Haberland
Silbernes Gewürzgefäß Johann Balthasar Stenglin / Johann Alois Seethaler 1815‒1816 © Bayerisches Nationalmuseum, München Foto: Walter Haberland

Für 112 Silberteile wurden bislang keine Anspruchsberechtigten gefunden, doch sind diese Objekte dank der akribischen Provenienzforschung des BNM gut dokumentiert. Nun werden sie erstmals im Museum ausgestellt – alphabetisch nach den Namen der ehemaligen Besitzer und NS-Opfer geordnet. Damit wächst die Hoffnung, weitere Erben ausfindig machen und die Objekte restituieren zu können.

Familienschicksale

Fast hautnah kann man ein Schicksal bis zu den heutigen Erben verfolgen: Ein Augsburger Pokal aus dem 17. Jahrhundert und ein Gewürzgefäß von 1815/1816 wurden 1939 von Dina Marx beim Städtischen Leihamt abgegeben. Zu diesem Zeitpunkt befand sich ihr Ehemann Leo Heinrich Marx bereits im Konzentrationslager Sachsenhausen. Im Juni 1939 konnte er dennoch von Bremen aus nach Shanghai emigrieren. Im Dezember 1948 kehrte er nach Deutschland zurück; er starb 1972 in Saarbrücken.

Silberobjekte des 17. bis 19. Jahrhunderts aus jüdischem Eigentum (›Leihhausaktion‹ 1939/40) © Bayerisches Nationalmuseum, München Foto: Walter Haberland
Silberobjekte des 17. bis 19. Jahrhunderts aus jüdischem Eigentum (›Leihhausaktion‹ 1939/40) © Bayerisches Nationalmuseum, München Foto: Walter Haberland

Seine Ehefrau Dina wurde gemeinsam mit ihren beiden Söhnen Gert und Joel Marx am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert und dort fünf Tage später im Fort IX ermordet. Zur Ausstellungseröffnung war Sohn Michael Marx aus der zweiten Ehe von Leo Heinrich Marx in München. Wie so viele Opfer des NS-Terrors hat der Vater mit seinem Sohn nie über die schlimmen Jahre der Verfolgung gesprochen.

Service

Ausstellung

„Silber für das Reich“

Bayerisches Nationalmuseum, München
bis 10. November

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 157/2019