19.08.2018 Peter Dittmar

Viva Roma: Lang lebe die ewige Stadt

Rom entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert zum Melting Pot der europäischen Kunstszene. Lüttichs Museum La Boverie erzählt, wie Künstler die ewige Stadt damals sahen

Rom-Lob und Rom-Verdruss lagen wohl allzeit dicht beieinander. „O, rief er, hier todt zu liegen, das wäre ja schön, unendlich schöner, als in Deutschland zu leben“. Das soll nach dem Zeugnis des Barons von Güldenstubbe Goethe gesagt haben, als er von Rom Abschied nehmen musste. „Roma in Roma non è“ (In Rom findet man Rom nicht mehr), die Klage wird meist Petrarca zugeschrieben, stammt aber von dem weitgehend vergessenen Manieristen Girolamo Preti. Und „Rome n’est plus“ (Rom ist nicht mehr) hatte zuvor bereits Joachim Du Bellay, einer der Gründer von „La Pléiade“, in seinen Les regrets in Verse gegossen. Das hinderte die Künstler nicht, in die „ewige Stadt“ zu streben, auf Zeit oder für immer. Dort allerdings blieben sie weitgehend unter sich. Das war bei den niederländischen und flämischen Bamboccianti nicht anders als später bei den Deutschrömern. 

Roma antica

Aber was sie gemalt und gezeichnet haben, verband sie, gleichgültig aus welchem Land sie kamen. Und das kreiste mehr oder weniger um ein Thema: um „Roma antica“ als „Roma contemporanea“. Und so begegnet man in scheinbar unendlichen Variationen dem Forum Romanum, dem Kolosseum, dem Blick auf die Engelsburg, wie über die Stadtgrenzen hinaus auf Tivoli und den Vesuv. Das wurde „gemalt wie gesehen“ oder eigenwillig und attraktiv aus den Ruinen und Fragmenten zu einem Capriccio kombiniert. Die berühmte Vase der Villa Borghese diente dabei immer wieder als Versatzstück, mal neben antiken Ruinen, vor denen Petrus predigt, mal unweit der Cestius-Pyramide oder bildfüllend mit dem Kolosseum im Hintergrund, während vor ihr ein Zeichner sitzt – in dem sich Hubert Robert wohl selbst gesehen hat. Das alles führt „Viva Roma! Le voyage des artistes à Rome“ in Lüttichs La Boverie mit 170 Gemälden, Zeichnungen und einigen Abgüssen antiker Skulpturen vor. 

Von Pieter Yver bis James Ensor

Die Schau beginnt mit Zeichnungen des Laokoon, wobei Pieter Yver, François Bernard Racle oder Barthélémy-Joseph Colinet nicht gerade zu den vertrauten Künstlern gehören. Bei den ungewöhnlich großen Blättern des „Borghesischen Fechters“, der „Venus Medici“, des „Satyrs mit Becken und Fußklapper“ sowie einer männlichen Karyatide ist das anders. Sie sind eine Überraschung: Denn James Ensor hat sie als 18-Jähriger während des Studiums in Brüssel gezeichnet. Und natürlich werden auch die Meister der Renaissance gewürdigt. Da schwebt auf einem großen Gemälde „Merkur“ dem Betrachter entgegen, wie ihn Ingres nach Raffaels Dekoration in der Villa Farnesina malte und wie ihn einst Marcantonio Raimondi oder ein Anonymos festhielten – ehe er sich im Zuge der französischen Revolution auf Jean-Baptiste Regnaulds „La Liberté ou la Mort“ vom Gott der Diebe zur Imagination der Freiheit wandelte. 

Römische Ruinen, um 1629 © Bartholomeus Breenbergh © Ville de Grenoble/Musée de Grenoble © J-L. Lacroix
Römische Ruinen, um 1629 © Bartholomeus Breenbergh © Ville de Grenoble/Musée de Grenoble © J-L. Lacroix

 

Mit solchen überraschenden Bildern geizt die Ausstellung nicht. Wer Charles Gleyre, den der Louvre unlängst als „Reumütigen Romantiker“ dem Vergessen zu entreißen versuchte, nur als Salonmaler und Lehrer von Gérome und Whistler, Renoir und Monet kennt, traut ihm die Drastik der „Römischen Banditen“ nicht zu. Sie hängen zwischen einem halben Dutzend Gemälden, die dem verklärenden Mythos der Briganten huldigen. Aber bei Gleyre haben drei Banditen einen Mann an einen Baum gefesselt und losen nun mit dem populären „Schere – Stein – Papier“ aus, wer die junge Frau, die sie festhalten, zuerst vergewaltigen wird. Das ist eine Kolportage im Großformat von 130 mal 150 Zentimetern. Davon heben sich die sehr ansprechenden Kleinformate von Pierre-Henri de Valenciennes ab, kaum größer als zwei Postkarten, die, obwohl in Öl gemalt, wie Aquarelle die Stadt stimmungsvoll als Idee spiegeln. 

Rom zwischen Utopie und Melancholie

In seiner unsentimentalen Beschaulichkeit nicht minder ungewöhnlich ist der nur wenig größere Fensterausblick in einen sonnenhellen Hof von Christoffer Wilhelm Eckersberg – der als Akademiedirektor in Kopenhagen den Klassizismus des nordischen „Goldenen Zeitalters“ prägte. Neben diesen intimen Impressionen, die sich der Stadt unbeschwert von den Gewichten der Überlieferung nähern, fehlen natürlich die charakteristischen „Vue pittoresque“ von Hubert Robert, Giovanni Paolo Pannini und weniger bekannten Malern nicht. Aber es sind nicht nur die Säulen, Tempelfragmente und Ruinen, die das Rom des 18./ 19. Jahrhunderts – getragen von Antikensehnsucht, Renaissanceverehrung und romantischer Nostalgie – zu Bildern gerinnen lassen. In Lüttich begegnet man, wie das letzte Kapitel überschrieben ist, einem „Rom zwischen Utopie und Melancholie“. Und so gilt auch hier, was Goethe nach dem Besuch der Ausgrabungen in Pompeji notierte: „Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude bereitet hätte.“

Service

Dieser Beitrag erschien in

Kunst und Auktionen Nr. 13 / 2018

Ausstellung

„Viva Roma! Le Voyage des artistes à Rome“,
La Boverie,
bis 26. August