15.03.2018 Renate Franke

Der Himmel über Berlin

Die Großstadt als Schule des Sehens: Das Motto „Schönheit“ begleitet eine berauschende Ausstellung mit Berliner Bildern von Eduard Gaertner bis Rainer Fetting, die bis zum 26. August im Museum Ephraim-Palais zu sehen sind.

„Schönheit“ ist nicht gerade das  erste Stichwort, das beim Blick auf Berlin in den Sinn kommt.  Die dramatisch wechselnden Schicksale der Stadt brachten im Lauf der Zeit soviel Zerstörung,  dass das Stadtbild unübersehbaren Schaden erlitt. Kenner – und Künstler – sehen aber nicht nur die äußere Erscheinung: ihr Blick reicht weiter, sie machen Entdeckungen und gucken auch mal in finstere Ecken hinter den stolzen Fassaden.

Die Stiftung Stadtmuseum Berlin ist als Serviceleister für Berlin-Maler unermüdlich aktiv. Sie sammelt, sie sorgt für Aufbewahrung, Bearbeitung, Erhaltung und nicht zuletzt für die attraktive Präsentation der Berlin-Bilder. Jetzt schritt man wieder zur Tat: Mit einer  durchdacht und geistreich konzipierten, gut organisierten Ausstellung im Museum Ephraim-Palais wird anhand einer Vielzahl von Berlin-spezifischen Kunstwerken Aufmerksamkeit auf die Reize der Stadt gelenkt. Mit viel Erfolg: Der Ausstellungsbesucher ist  vom ersten bis zum letzten Moment im Bann der Bilder, die Künstler sich von Berlin und seinen Schönheiten machten.

Ernst Ludwig Kirchner: Straßenbahn und Eisenbahn, 1914. @ Die Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus, Reproduktion: Michael Haydn
Ernst Ludwig Kirchner: Straßenbahn und Eisenbahn, 1914. @ Die Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus, Reproduktion: Michael Haydn

Es wird nicht nur Schönheit im klassischen Sinn präsentiert: „Arm aber sexy“, der Satz, mit dem Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit einst den eigentümlichen Charakter Berlins umschrieb, kann auch als Schlagzeile für die Bildauswahl gelten. Berlin zeigt nicht nur die Schokoladenseite – unterschiedlichste Perspektiven reizen den Blick.

Ludwig Meidner: U-Bahn-Bau in Berlin-Wilmersdorf, 1911. Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, Stadtmuseum Berlin. Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch

120 Gemälde und Zeichnungen, 120 Perspektiven

Geprägt von der altbekannten Erkenntnis  „man sieht nur, was man weiß“ inszeniert  Kurator Professor Dr. Dominik Bartmann die Ausstellung als eine Schule des Sehens. Die Schau will Wissen zum Dargestellten vermitteln, den Blick des Betrachters schärfen und anschaulich machen, welche Sichtweisen und Darstellungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Eine Auswahl von 120 hochkarätigen Berlin-Malereien  leistet vor Ort Überzeugungsarbeit:  Gemälde, Zeichnungen und Mischtechnik-Werke präsentieren unterschiedlichste Perspektiven, Berlin-Maler gucken auch hinter Kulissen und stolze Fassaden – man wird überrascht und immer wieder auf’s Neue begeistert.

Eduard Gaertner: Blick vom Dach der Friedrich-Werderschen Kirche auf das Friedrichs-Forum, 1835. Stadtmuseum Berlin, Repro Michael Setzpfandt

Vom „Kiez“ bis zur „Baustelle Berlin“

Anstatt einer chronologischen Ordnung sorgen Themenbereiche für Gliederung. „Über den Dächern“, „Baustelle Berlin“,  „Die Großstadtnacht“, „Die zerrissene Stadt“, „Geschichtslandschaften“, oder „Im Kiez“ von Bild zu Bild wächst die Überzeugung: Berlin hat Vielfalt zu bieten!

Es können nicht alle Namen aufgezählt werden: Eine kleine Auswahl von besonders Berlin-typischen Werken soll Neugier wecken und erste Hinweise auf die Qualitäten der Ausstellung geben: Zum Auftakt bietet Eduard Gaertner einen originellen, eng ans Naturvorbild gebundenen „Blick vom Dach der Friedrichswerderschen Kirche“ (1835), Matthias Koeppel zeigt ein traumhaft blau in blau getöntes  Szenario am „schönen blauen Landwehrkanal“ (1966). 

Moriz Melzer: Brücke-Stadt, 1921. Renate Kneifel / Stadmuseum Berlin, Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch, Berlin
Moriz Melzer: Brücke-Stadt, 1921. Renate Kneifel / Stadmuseum Berlin, Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch, Berlin

Die Kunst von Moriz Melzer galt den Nazis als „entartet“ 

Verdienstvoller Weise verschafft die Ausstellung  auch einen Auftritt für Moriz Melzer, für einen  Meister, der nicht zu Ruhm kommen konnte, weil Funktionäre des NS-Regimes sein Werk als „entartet“ deklarierten und mit Ausstellungsverbot belegten: „Brücke-Stadt“ (1921).  Friedrich Kaiser erfindet ein Sinnbild zum „Tempo der Gründerjahre“ (1875),  Hans Meid zeigt den „Abbruch des Bellevue-Hotels“ in finsterer Nacht (1928), Max Beckmann und Lesser Ury malen den „Nollendorfplatz“, der Eine bei Tag, der Andere bei Nacht. G. L. Gabriel gestaltet die effektvolle Ansicht vom „Sowjetischen Ehrenmal am Brandenburger Tor“ (1995) und Malerpoet Karl Oppermann riskiert einen traurig gestimmten Blick über Mauer und Stacheldraht am Potsdamer Platz (1973). Jedes Bild verdient Sonderlob. So kann es am Ende auch nur ein Fazit geben: Berlin ist sehenswert – egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit!

Lesser Ury: Bahnhof Nollendorfplatz bei Nacht, 1925, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Oliver Ziebe
Lesser Ury: Bahnhof Nollendorfplatz bei Nacht, 1925, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Oliver Ziebe

Service

Ausstellung

Die Schönheit der großen Stadt
Berliner Bilder von Gaertner bis Fetting

Sonderausstellung im Museum Ephraim-Palais
bis 26.08.2018