13.04.2017 Matthias Ehlert

"Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!"

Der 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution ist der Anlass für eine Ausstellung im Kunstmuseum Bern, die das Spannungsverhältnis zwischen der Kunst der russischen Avantgarde und dem Sozialistischen Realismus beleuchtet.

Als die russische Revolution Anfang März 1917 den Zaren stürzte, saß ihr Vordenker Wladimir Iljitsch Lenin ahnungslos in der Zürcher Spiegelgasse und bereitete sich auf seinen täglichen Bibliotheksbesuch vor. Erst ein hereinstürmender Genosse, der mit Telegrammen wedelte, klärte ihn über die veränderte Lage auf. Das heiß ersehnte Ereignis wurde anschließend im Emigrantenkreis mit revolutionären Liedern gebührend gefeiert, bevor neue Probleme auf die Tagesordnung traten: Wie konnte der Führer der Bolschewiki, mitten im Krieg und dabei feindliche Linien kreuzend, schnellstmöglich nach Russland zurückkehren, um sich an die Spitze der Bewegung zu setzen?

Zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution beleuchtet eine Ausstellung im Kunstmuseum Bern die russische Avantgarde und versucht sich an einer Neubewertung des Sozialistischen Realismus.

Kasimir Malewitsch strebte den totalen Neuanfang in der Kunst an,
Kasimir Malewitsch strebte den totalen Neuanfang in der Kunst an, "Supremantistische Komposition", 1915 (Foto: Fondation Beyeler, Riehen/Basel)

Geradezu exemplarisch für die anfängliche Euphorie und spätere Enttäuschung, die bei der Avantgarde der Sieg der Oktoberrevolution auslöste, steht das Schicksal von Kasimir Malewitsch, dem Begründer des Suprematismus. Mit seinem radikal monochromen, gegenstandslosen „Schwarzen Quadrat“ (1913/15) wollte er – ebenso wie Lenin mit seiner Weltrevolution – einen „Nullpunkt“ in der Geschichte setzen. Nach der Revolution stürzt sich Malewitsch in neue Aufgaben: Er übernimmt die Aufsicht über die Kunstsammlungen des Kreml, dekoriert Kongresse gegen die Dorfarmut, gründet mit Chagall in Witebsk die „Volkskunstschule“ und führt mit großem Eifer Fraktionskämpfe gegen andere Erneuerer der Kunst. Nur fünfzehn Jahre später ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er kehrt, vermutlich aus Angst, zum figurativen Malstil zurück. Nützen tut es nichts: Nach seinem Tod 1935 wird er in der Sowjetunion zur Unperson.
Malewitsch ist auch der Ausgangspunkt für ein ehrgeiziges Ausstellungsprojekt, das ab Mitte April unter dem Titel „Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!“ in Bern zu sehen ist. Während der erste Teil der Schau im Zentrum Paul Klee den Entwicklungslinien der russischen Avantgarde und ihrer Inspiration für Minimal Art und Konzeptkunst „von Malewitsch bis Judd“ nachspürt, wird sich der zweite Teil, „von Deineka bis Bartana“, im Kunstmuseum an einer Neubewertung des Sozialistischen Realismus versuchen. Die Kuratorin Kathleen Bühler will hier zeigen, dass dieser ­bislang meist als Kitsch und Propaganda ­abgewertete Stil in gewisser Weise als Erbvollstrecker der Avantgarde auftrat.
Die Ausstellung beruft sich dabei auf den Kulturphilosophen Boris Groys, der 1988 in seinem Buch „Gesamtkunstwerk Stalin“ erstmals diesen Gedanken entwickelt hat. Für Groys war der Sozialistische Realismus nicht nur eine künstlerische Regression, die einem schlechten Massengeschmack huldigte. Als Kunstrichtung inszenierte er eine Wirklichkeit, die nicht real existierte, sondern sich erst im Verlauf der Geschichte mit der Schaffung des „neuen Menschen“ als „höhere Wahrheit“ durchsetzen würde. Das entspricht dem Programm, das sich auch die Avantgarde auf die Fahnen geschrieben hatte. Nur dass sie in ihrem künstlerischen Elfenbeinturm keinerlei Verbindung zum einfachen Volk herstellen konnte. Den an Ikonen geschulten, figürlichen Darstellungen eines Deineka, Brodski oder Gerassimow gelang das ohne Mühe, beliebt waren sie dennoch nicht. Vielmehr wirkte der von ihnen exerzierte Stil laut Groys abschreckend – in seinem „schulmeisterlichen Ton und dem völligen Mangel an Unterhaltungswert und Bezug zum realen Leben, worin er insgesamt dem Schwarzen Quadrat von Malewitsch an Radikalität nicht nachstand“.

Alexander Samokhvalov, "Tkazkij Zech" (Textilfabrik), 1929 (Foto: State Russian Museum, St. Petersburg © 2016 Pro LItteris, Zürich)

Und er lud zur Subversion ein. Anhand von Beispielen aus der DDR-Kunst und der Soz Art soll in Bern vorgeführt werden, wie die pathetischen Bildformeln der Stalinzeit subtil abgewandelt oder grell in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Zugleich wird gezeigt, dass der Sozialistische Realismus noch heute als Impulsgeber wirksam ist. Arbeiten jüngerer Künstler wie Norbert Bisky, Yael Bartana oder Vladimir Dubossarsky/Aleksander Vinogradov bedienen sich beim überholten sozialistischen Bildrepertoire – für die obszöne Verspottung utopischen Gedankenguts oder als manipulative Camou­flage, um Geschichtsvergessenheit zu kri­tisieren. Ein kollektives Erntedankfest kann so schnell zur pornografischen Orgie ausarten und die fiktive Rückkehr der Juden nach Polen zum Propagandafilm mutieren. Für die Schweiz ist das eine Premiere. Noch nie wurde diese Kunstrichtung hier in dieser Breite vorgestellt. Wladimir Iljitsch Lenin würde das Ganze als dialektischen Winkelzug der Geschichte begrüßen: Die nächste Revolution steht womöglich vor der Tür.

Service

ABBILDUNG GANZ OBEN

Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov, „What the Motherland Starts with“, 20016 (Foto: Vladimir Dubossarsky/Alexander Vinogradov)

AUSSTELLUNG

„Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!“, Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee, 12. April bis  9. Juli 2017

DIESER BEITRAG ERSCHIEN IN

WELTKUNST Nr. 125/2016