23.03.2017 Christiane Meixner

Jana Sterbak. Life Size. Lebensgröße

Das Lehmbruck Museum gibt Einblick in Jana Sterbaks Welt.

Wenn Jana Sterbak im Lehmbruck Museum ihr Werk ausbreitet, wird eines sofort klar –woher Lady Gaga 2010 die Idee hatte, mit einem Fleischkostüm bei den „MTV Video Music Awards“ aufzutreten. „Vanitas: Fleisch­kleid für ein magersüchtiges Albino“ heißt eine von Sterbaks Arbeiten. Dafür hat sie ein Kleid aus gesalzenen Rumpsteaks genäht, die während der nächsten Wochen langsam ledrig werden. Das erste Kostüm dieser Art entstand jedoch schon in den Achtzigerjahren. Damals wählte die tschechisch-kanadische Künstlerin das verderbliche Material als Symbol für Vergänglichkeit. Und als Kontrast: Ausgerechnet Fleisch zum Anziehen für Magersüchtige, die doch nicht essen wollen und sich bis zur Auslöschung nach ihren Vorstellungen modellieren.

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Jana Sterbak, "Fleischkleid für magersüchtige Albinos", 1987 (Foto: Jana Sterbak/MNAM - Centre Pompidou, Paris)

Sterbaks aktuelle Schau „Life Size. Lebensgröße“ spielt die vielschichtige Beziehung zum eigenen Körper in Installationen, Objekten und Filmen immer wieder durch. Es ist der erste große Überblick im deutschsprachigen Raum seit 2002, und die rund 40 Exponate sind in Duisburg bestens aufgehoben. Wilhelm Lehmbruck, dem ein ganzer Trakt im Haus gewidmet ist, wollte ab 1914 in seinen expressiven Skulpturen sichtbar machen, was der Krieg im Menschen anrichtet. Bei Sterbak, Jahrgang 1955, sind die Erfahrungen ebenso existenziell, wenn auch anderer Natur. Sie setzt Metallkleider unter Strom, die ihre Trägerin nahezu bewegungsunfähig machen, oder backt für ihre Installation „Brot Bett“ Möbel aus Teig. Brot wird so zum Mittel des Lebens, das einen von der Geburt bis zum Tod umfängt.
Dazu thematisiert die Künstlerin jene Gefängnisse, in die sich das Individuum selbst zwängt – Stereotype wie absurde Schlankheit oder wahnhafte Perfektion. Solche Themen haben der Künstlerin, die seit ihrem Beitrag für die Biennale von Venedig 1990 international bekannt ist, das Etikett feministischer Avantgarde eingebracht. Dabei lotet Jana Sterbak in ihren starken Bildern zuallererst die Grenzen zwischen dem Einzelnen und der Öffentlichkeit aus. Ist „Mask“ von 2015 noch ein Häkelkleid mit Gesichtskapuze oder doch eine tschadorartige Uniform? Auftakt zum Spiel mit Verhüllung oder blutiger Ernst – die Entscheidung liegt beim Betrachter.

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Jana Sterbak, "Cones Hand", 1979 (Foto: Denis Labelle/Jana Sterbak/Courtesy of the artist)

Service

ABBILDUNG GANZ OBEN

Jana Sterbak, Planetarium, 2003, Glas, 33 Objekte, Dimensionen variabel Ausstellungsansicht CIRVA – Centre
international de recherche sur le verre et les arts plastiques, Marseille, 2013 (Foto: Jana Sterbak)

AUSSTELLUNG

„Jana Sterbak. Life Size. Lebensgröße“, Lehmbruck Museum, Duisburg, bis 11. Juni

DIESER BEITRAG ERSCHIEN IN

WELTKUNST Nr. 126/2016