25.05.2016 Matthias Ehlert

Im Dresdner Schloss die Welt entdecken

„Weltsicht und Wissen um 1600“ heißt eine neue Dauerausstellung im Dresdner Schloss. Sie erlaubt einen faszinierenden Einblick in die Anfänge kurfürstlichen Sammelns

Kurfürst August, der von 1553 bis 1586 Sachsen regierte, war ein vielseitig interessierter Mann. Vor allem Technik und Wissenschaft hatten es dem Landesvater angetan. Er begeisterte sich für Astronomie und Astrologie ebenso wie für Gartenbau und das Tischlerhandwerk. Von Eberhard Baldewein ließ er sich die schönste und größte Planetenlaufuhr seiner Zeit konstruieren, eigenhändig pflanzte er – laut sächsischen Chroniken – neue Obstbaumsorten an und mehr als 180 hinterlassene Objekte aus Elfenbein zeugen von seiner Liebe zur Drechselei.

In die Amtszeit von August fällt auch die Einrichtung einer Kunstkammer im Dresdner Schloss um 1560. Es ist eine der ältesten überhaupt, in ihren Kabinetten lagerten nach einem Inventar von 1587 allerlei nützliche Dinge wie Lesegläser, Schrittzähler oder Hirnschalenbohrer. Als größter Schatz der Kammer wird ein drei Ellen langes Einhorn vermerkt, das an einer goldenen Kette an der Decke befestigt war.

Dort hängt es nun zwar nicht mehr, aber dafür – und ebenfalls an goldenen Ketten – in einer Vitrine der neuen Dauerausstellung „Weltsicht und Wissen um 1600“, die jüngst im Georgenbau des Residenzschlosses eröffnet wurde. Es ist eine wunderbare Ansammlung von Objekten, die zurückverweist auf die Anfänge des Sammelns am kurfürstlich-sächsischen Hof. Sachsen war damals ein wohlhabendes Land, in dem Bergbau und Handwerk blühten. Ein echtes Einhorn, das in Wirklichkeit ein Narwalzahn war, konnte man sich hier aus der Portokasse leisten. Doch in erster Linie ging es bei der Einrichtung der Kunstkammer nicht um das Auftrumpfen mit Kuriositäten, sondern darum, sich einen Überblick zu verschaffen, erläutert Dirk Syndram, der als Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer die Ausstellung konzipiert hat. „Der Kurfürst weilte gern auf seinen verschiedenen Jagdschlössern und wollte einfach wissen, wo sich seine Werkzeuge befanden.“

Zu Recht. Denn was für prächtige Werkzeuge das waren, davon kann man sich gleich im ersten Raum überzeugen. Unter der Überschrift „Der Kurfürst als artifex“ versammelt er Spaten, Pflanzhölzer, Laubsägen mit Elfenbeingriffen, aber auch Brecheisen, mit denen man Türen aus den Angeln heben konnte. Meist sind die Stücke üppig verziert und ungeheuer fein gearbeitet, wie etwa die zwei Hobel aus der Werkstatt von Leonhard Danner aus Nürnberg. Auch das Vorgängermodell eines Schweizer Taschenmessers, ein schmales Metallobjekt, aus dem sich 14 Kleinwerkzeuge aufklappen lassen, ist zu bewundern.

 

Weiter geht es in den nächsten der insgesamt sieben Räume, der sich der „Ordnung der Dinge“ widmet. Blickfang ist hier ein imposanter Kunstkammerschrank, den Kurfürst Johann Georg I. 1615 vom Hoftischler Hans Schifferstein erwarb. Er verfügt über 121 teils sichtbare, teils verborgene Fächer, ist kunstvoll mit Marketerien aus Ebenholz und Elfenbein gestaltet und hat als Clou eine herausziehbare Tischplatte mit einer in Elfenbein gravierten Weltkarte. Schön ist auch die Gegenüberstellung zweier reich bestückter Augsburger Schränke, von denen einer dem Kurfürsten als Werkzeugkabinett, der andere seiner Gemahlin als Tischkabinett mit Spinett diente. Die Gepflogenheiten am Dresdner Hof um 1600 werden so leicht vorstellbar, man taucht ein in den Alltag einer privilegierten Schicht. Während die Damen musizierten, sich mit Näharbeiten oder Kartenspielen die Zeit vertrieben, frönten die Herren der kostspieligen Jagd mit Falken oder deftigen Trinkwettbewerben, wovon ein aus den Kurfürstengemächern stammender Trinktisch samt robusten Stühlen erzählt.

 

Wer exotische Kuriositäten sucht, für die Kunst- und Wunderkammern berühmt wurden, auch der kommt in Dresden auf seine Kosten. Turboschnecken- und Kokosnusspokale, das Rostrum eines Sägezahnrochens, eine Kelchschale aus Rhinozeroshorn sowie die vielleicht erste Darstellung einer Safari auf einem Olifanten aus Elfenbein berichten von abenteuerlichen Erkundungen in einer immer zugänglicher werdenden Welt.

Einen Sonderplatz in der Ausstellung nimmt der Raum mit den Kombinationswaffen ein. Sie sind im eigentlichen Sinne keine Kunstkammerobjekte, sondern wurden früher in der Rüstkammer aufbewahrt. Doch für Dirk Syndram erscheint es durchaus sinnvoll, diese martialischen Männerspielzeuge, die meist Schuss- mit Hieb- oder Stichwaffen verbinden und mehr der fantasievollen Berauschung als dem praktischen Gebrauch dienten, hier zu zeigen: „Wir können diese exquisite Sammlung nun viel besser würdigen. Zudem soll sie ein Scharnier zu dem angrenzenden Langen Gang bilden, in dem wir im nächsten Jahr die Gewehrgalerie wieder einrichten wollen.“

Da spricht der Schlossherr von heute, der Mann, der seit den frühen Neunzigerjahren maßgeblich an der Wiederbelebung des Dresdner Residenzschlosses mitgewirkt hat. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die dieses Haus beharrlich an die erste Liga der Weltmuseen herangeführt hat. Anders als in Berlin, wo demnächst eine architektonische Hülle mit Inhalt gefüllt werden muss, ist man hier schrittweise vorgegangen und hat das Haus organisch entwickelt. Nach der Eröffnung des Historischen und Neuen Grünen Gewölbes (2004/06), der Türckischen Cammer (2010), der Rüstkammer im Riesensaal (2013) und des Münzkabinetts (2015) ist nun mit „Weltsicht und Wissen um 1600″der nächste Meilenstein erreicht.

Dabei hat man, wie schon in den Jahren zuvor, einen klugen Mittelweg zwischen historischer Rekonstruktion und zeitgemäßer Präsentation beschritten. Doppelt entspiegelte Vitrinen und eine ausgefeilte Beleuchtung lassen selbst feinste Details der kostbaren Objekte sichtbar werden. Sie sind in einer übersichtlichen, nachvollziehbaren Auswahl mit knappen, pointierten Informationen vorgestellt und lassen so sächsische und europäische Geschichte genauso lebendig werden wie die unnachahmlichen Fertigkeiten der größten Kunsthandwerker der frühen Neuzeit.

So vollendet sich das Dresdner Residenzschloss im Zentrum der Altstadt immer weiter. Bei Dirk Syndram spürt man, dass er mit seinen Gedanken schon bei der nächsten Etappe im Aufbau dieses vitalen Kunst- und Geschichtsmuseums ist. „Fort- setzung folgt“, verspricht er nach unserem einstündigen Rundgang und spielt damit auf die kommenden Vorhaben im Renaissanceflügel an: das originalgetreu rekonstruierte Audienzgemach und weitere prachtvolle Räume des zweiten August auf dem kurfürstlichen Thron. Der regierte mehr als hundert Jahre später und trug den Beinamen der Starke. Doch das ist eine andere Geschichte.

Dieser Beitrag erschien in WELTKUNST Nr. 115/2016