25.04.2019 Gloria Ehret

Zerkleinern, zerstoßen und pulverisieren

Die ganze Kulturgeschichte des Mörsers wird bei Lempertz in Köln aufgefächert, wenn am 17. Mai mit der Schwarzach Collection Teile der bedeutendsten Sammlung Europas unter den Hammer kommen – für Preise zwischen 500 und 30.000 Euro

Die Anfänge des Mörsers liegen in vorgeschichtlichen Zeiten. Seine Entwicklung und Verbreitung erfolgte unabhängig voneinander kontinent- und kulturübergreifend. Denn der Mensch hatte seit Anbeginn etwas zu zerkleinern, zu zerstoßen oder zu pulverisieren. Dazu dienten in Vorzeiten wohl Holz- oder Steinmörser. Aus der Antike kennen wir Alabastermörser. Später waren auch Elfenbein-, Serpentin- oder Porzellanmörser in Gebrauch. Doch als Material schlechthin erwies sich über Jahrhunderte die Bronze. 

Hachmann-Mörser, Kleve, Albert Hachmann zugeschrieben, 1547, Goldbrauner Bronzeguss mit schwarzbrauner Patinierung, H 15,1, D 15,7 cm. Gewicht 4,95 kg, Passendes Pistill in Schlüsselform beigegeben, Foto: Lempertz
Hachmann-Mörser, Kleve, Albert Hachmann zugeschrieben, 1547, Goldbrauner Bronzeguss mit schwarzbrauner Patinierung, H 15,1, D 15,7 cm. Gewicht 4,95 kg, Passendes Pistill in Schlüsselform beigegeben, Foto: Lempertz

Seinen Aufstieg zu einem unverzichtbaren Gerät in Haushalt und Apotheke erlebte der Bronzemörser im Mittelalter; kamen doch mit den Kreuzzügen viele Gewürze und Spezereien nach Europa. Seine Glanzzeit fällt ins 16. und 17. Jahrhundert. Alsbald eroberte er auch Werkstätten unterschiedlichster Gewerbe. Sein Ende besiegelte die industrielle Herstellung von Pulver und Puder im 19. Jahrhundert.

Mörser und Glocken – eine überraschende Verwandtschaft

Die meisten Mörser sind in Glockengießerwerkstätten hergestellt worden. Bedeutende Städte wie Augsburg, Nürnberg, Regensburg oder Straßburg verfügten über ansässige Gießereien. Daneben gab es Wandergießereien, denn es war einfacher, Glocken an Ort und Stelle zu gießen als über große Entfernungen zu transportieren. Nicht nur die Gefäße selbst, auch der Reliefzierrat und die aus Buchstaben zusammengesetzten Inschriften wurden oft aus denselben Modeln geformt wie für Glocken. 

Iranischer Mörser, Khorasan, zugeschrieben, 12 Jh., Bronzeguss, mit hohem Kupferanteil, Kupfertauschierung, braunrote Patina, Vergoldung, Anflug von Grünspan. H 18, D 24,3 cm. Gewicht 6,60 kg, Foto: Lempertz
Iranischer Mörser, Khorasan, zugeschrieben, 12 Jh., Bronzeguss, mit hohem Kupferanteil, Kupfertauschierung, braunrote Patina, Vergoldung, Anflug von Grünspan. H 18, D 24,3 cm. Gewicht 6,60 kg, Foto: Lempertz

Bronze, eine Legierung aus bis zu 90 Prozent Kupfer und Zinn, ist das edelste unter den unedlen Metallen und war wegen ihrer Härte und Festigkeit das Material der Wahl. Kupfer und Zink ergibt Messing, das leichter zu gießen ist. Beim sogenannten Rotguss, aus dem viele Mörser des 18. und 19. Jahrhunderts bestehen, handelt es sich um eine Kupfer-Zinn-Zink-Blei-Legierung. Oft lassen sich Mörser aus den verschiedenen Materialien auf den ersten Blick kaum unterscheiden.

Gestaltung und Bedeutung

Der früheste datierte, europäische Mörser aus dem Jahr 1308 im Yorkshire Museum trägt eine umlaufende Inschrift von Bruder William of Towthorpe und stammt aus dem Siechenhaus der Saint Mary’s Abbey in York. Mit dem Aufkommen der Zünfte wurden Mörser zum beliebten Insignum von Apotheken. So zeigt das Siegel des Magisters und Apothekers Wernher in Konstanz von 1264 einen zweihenkeligen Mörser mit vertikalen Rippen, das des Luitfried in Augsburg von 1302 einen Mörser mit horizontalen Bändern und Pistill.

Mörser mit Krokodilgriffen, Frankreich, zugeschrieben, 16. Jh. Bronzeguss, schwarzbraune Patina, H 12, D 14,5 cm. Gewicht 2,50 kg, Späteres Krücken-Pistill beigegeben, Foto: Lempertz
Mörser mit Krokodilgriffen, Frankreich, zugeschrieben, 16. Jh. Bronzeguss, schwarzbraune Patina, H 12, D 14,5 cm. Gewicht 2,50 kg, Späteres Krücken-Pistill beigegeben, Foto: Lempertz

Die meisten nordeuropäischen Mörser des 14. und 15. Jahrhunderts haben, im Gegensatz zu den becherförmigen Südeuropas, eine schlanke, nach oben leicht ausschwingende Form, oft mit rippenartiger Verstärkung und einer oder zwei rechteckigen Handhaben. Ein einhenkeliger Nürnberger Mörser mit sechs Rippen im Germanischen Nationalmuseum trägt die Aufschrift „Paul Scharrer Anno 1459″. Die selten erhaltenen Pistille, Stößel oder Stampfer variierten von einfacher Keulenform bis zum Doppelpistill. Mit der Entwicklung der Kriegstechnik kam der Beruf des Geschütz- und Stückgießers auf, der auch Mörser goss. Gelegentlich erinnern diese formal an Kanonenrohre. Bei gleichem Rauminhalt gingen sie im 16. Jahrhundert in deutschsprachigen Regionen in die Breite; nun mit horizontal umlaufenden Rillen, Profilen und/oder Relieffriesen.

Löffler-Mörser, Innsbruck, Peter Löffler (genannt Laminger), 1500, Goldbrauner Bronzeguss mit schokoladenfarbener Patina, Reste von Überlackung, H 21,4, D 20,6 cm, Gewicht 9,85 kg, Foto: Lempertz
Löffler-Mörser, Innsbruck, Peter Löffler (genannt Laminger), 1500, Goldbrauner Bronzeguss mit schokoladenfarbener Patina, Reste von Überlackung, H 21,4, D 20,6 cm, Gewicht 9,85 kg, Foto: Lempertz

Handhaben wurden oft künstlerisch als Zapfen, Ringe, oder Griffe gestaltet. Seit der Renaissance waren Delfinhenkel besonders beliebt. Sie wurden in der Regel zusammen mit Inschriften, ornamentalen oder figürlichen Reliefs auf dem Wachshemd vor dem Auftragen des Mantels angebracht. 

Prunkmörser mit aufwendigem Dekor

Neben Gebrauchsgerät haben sich nun prächtige Schaustücke etwa als Wahrzeichen der Offizinen erhalten. Zu den Glanzleistungen gehört ein in vier Varianten bekannter becherförmiger Nürnberger Prunkmörser um 1550 (in Museen in Berlin, London und Cleveland), zu dem Georg Laue ein weiteres Exemplar, heute im Metropolitan Museum in New York, anbieten konnte. Die allegorischen Szenen dieser exklusiven Luxusobjekte gehen auf Plaketten von Peter Flötner zurück und sind auf allen fünf Mörsern gleich. Die Naturabgüsse von Insekten, Fröschen, Schlangen, Eidechsen oder Heilkräutern unterscheiden sich, weil die Pflanzen und Tiere bei der Herstellung verbrannt sind. 

Norditalienischer Mörser, Venedig, Werkstatt Alberghetti, zugeschrieben, Mitte 16. / Anfang 17. Jh, Goldfarbener Bronzeguss mit brauner, silbrig schimmernder Patina, H 27,8, D 25,6 cm. Gewicht 17,2 kg, Foto: Lempertz
Norditalienischer Mörser, Venedig, Werkstatt Alberghetti, zugeschrieben, Mitte 16. / Anfang 17. Jh, Goldfarbener Bronzeguss mit brauner, silbrig schimmernder Patina, H 27,8, D 25,6 cm. Gewicht 17,2 kg, Foto: Lempertz

Wappen, Monogramme und Umschriften

In Kleve betrieben Albert und dessen Sohn Wilhelm Hachmann eine Werkstatt, aus der sich 1554, 1560 und später datierte Prunkmörser erhalten haben. Das Bayerische Nationalmuseum besitzt einen stattlichen, 1617 datierten Doppelhenkelmörser, den Caspar Gras, der Nachfolger von Hubert Gerhard am Innsbrucker Hof, laut Umschrift für den Schwazer Gastwirt Hans Daunhauser gefertigt hat. Ende des 17. Jahrhundert lösten Gravuren mit Wappen, Monogramm oder Besitzernamen vielfach den Reliefdekor ab.

Im Weltkrieg eingeschmolzen

Die beiden Weltkriege haben den immensen Bestand an Mörsern deutlich reduziert, denn die kostbaren Artefakte wurden zwangsweise als „Metallspenden“ zu Patronenhülsen verarbeitet. Mit dem pharmazeutischen Großhandel wurde der Mörser als wichtiges Apothekengerät obsolet – doch zu Zeiten, als man das alte Kunsthandwerk sehr zu schätzen wusste, waren alte Mörser begehrte Sammelobjekte.

Service

Auktion

„Highly important early mortars from the Schwarzach Collection”
Lempertz, Köln
17. Mai

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 153/2019