11.02.2019 Sebastian Preuss

Meissen geht immer

Ein Rückblick auf das vergangene Jahr in Porzellan: Europäische Stücke behaupten sich im Spitzensegment mit erstaunlichen Zuschlägen, aber auch im Mittelfeld bleibt der Markt stabil. Der Höhepunkt war die Auktion der legendären „Twinight Collection“

Der Niedergang des historischen Kunsthandwerks wird gern und häufig diagnostiziert. Grundsätzlich lässt sich diese ungute Entwicklung nicht abstreiten, aber man muss das Marktgeschehen genauer betrachten. Denn beim Porzellan etwa ist die Situation durchaus erfreulich. Von einer Blütezeit oder gar von einem Boom mag man nicht sprechen, auch hier liegt das allgemeine Preisniveau deutlich unter den einstigen Höhen. Aber dennoch: Dort, wo es normalerweise auf diesem Feld schon dünn wird, im Bereich ab 10 000 Euro, hat sich im vergangenen Jahr erstaunlich viel getan. So war 2018 auch ein Porzellanjahr.

KPM-Teller mit Mikromosaikmalerei aus der „Twinight Collection
KPM-Teller mit Mikromosaikmalerei aus der „Twinight Collection", um 1815, Zuschlag 100 000 Euro bei Lempertz, Foto: Lempertz, Köln

Prominente Vorbesitzer treiben Preise in die Höhe

Die einsame Spitze lief im Mai sozusagen außer Konkurrenz: 22 Teile des berühmten „Marly Rouge“-Services, um 1807/09 von der Manufaktur Sèvres für Kaiser Napoleon hergestellt. Tatsächlich preistreibend war aber wohl eher die Herkunft aus der Sammlung von David und Peggy Rockefeller, sodass der Hammer am Ende bei 1,5 Millionen fiel. Bonhams in London hatte wenig später zwölf Teller aus demselben Service im Angebot, doch ohne Rockerfeller-Pedigree. Sie erreichten 65 000 Pfund, immer noch ein beachtlicher Preis. Bonhams hatte zudem die zweitteuerste Trophäe des Jahres zu verzeichnen, eine feinst bemalte Terrine mit Unterteller, als Clou eine grazil vergitterte Goldmontierung, die besonders den Deckel über den Porzellanfarben überzieht. Das exquisite Stück war ursprünglich im Besitz von Kaiser Karl VI., das trug seinen Teil zum imperialen Zuschlag von 440 000 Pfund bei.

Der Porzellanmarkt in Deutschland

Eine Erkenntnis aus dem Auktionsjahr 2018 ist, dass sich die Stabilisierung des Porzellanmarkts vor allem im deutschsprachigen Raum abspielt. Im Zentrum des Interesses von Sammlern, die bereit sind, höhere vier- und auch fünfstellige Summen zu investieren, bleibt unangefochten das Meissener Porzellan vom frühen Böttgersteinzeug bis ungefähr 1760. Den Höchstzuschlag erzielte Metz mit einem 18-teiligen Kaffee- und Teeservice von 1723/24, vom Hauptmeister Hoeroldt bemalt und im originalen Reisekoffer untergebracht. 190 000 Euro ließ sich ein Sammler das Ensemble kosten. Ein höfisches Liebespaar nach Kaendler-Modell brachte 50 000 Euro, während ein zauberhaftes Pirolpaar von 1734 auf 42 000 Euro kam.

Pirolenpaar, Meissen, 1734, Zuschlag 42 000 Euro bei Metz
Pirolenpaar, Meissen, 1734, Zuschlag 42 000 Euro bei Metz

Das Heidelberger Auktionshaus hatte ein höchst ertragreiches Jahr und kann auf eine stolze Reihe von Losen im fünfstelligen Bereich zurückblicken. Der größte Coup bei Metz waren dann im Dezember eine Privatsammlung von 44 Meissener Tabatièren, deren Hammerpreise sich am Ende auf rund 680 000 Euro addierten.

Ein Schwanenservice, eine Kammerzofe und eine schlafende Diana erzielen Rekorde

Kunsthistorisch bedeutendes Meissen geht immer: Dieser alte Satz bleibt gültig. So auch bei Lempertz in Köln, wo ein Tafelleuchter aus dem berühmten Schwanenservice des Grafen Brühl die Untertaxe von 60 000 Euro erzielte. Koller war mit einem seltenen Leuchter von Johann Jakob Kirchner erfolgreich (65 000 Franken). Und selbst in einem kleinen Haus wie Peege in Freiburg konnte ein mit Seelandschaft und Tieren bemaltes Tee-Koppchen samt Untertasse von (womöglich etwas fahrlässig taxierten) 200 auf 10 500 Euro springen. Aus Nymphenburg mit seinem genialen Modelleur Bustelli tauchte nicht viel auf, dafür stieg eine grazil verdrehte Kammerzofe aus der Sammlung des verstorbenen Porzellan-Experten Alfred Ziffer bei Neumeister auf Anhieb von 2000 auf 62 000 Euro.

Kammerzofe, Nymphenburg, um 1755, Zuschlag 62 000 Euro bei Neumeister
Kammerzofe, Nymphenburg, um 1755, Zuschlag 62 000 Euro bei Neumeister

Bemerkenswert, dass bei Metz auch Figuren der lange zu tief bewerteten Manufaktur Frankenthal aus dem dreistelligen in den mittleren vierstelligen Bereich vorstießen, spektakulär übertroffen von einer „Schlafenden Diana“, die sich ein Sammler 12 000 Euro kosten ließ.

Höhenflug des Klassizismus

Das Großereignis des Porzellanjahres aber galt dem Klassizismus. Der legendäre amerikanische Sammler Richard Baron Cohen trennte sich von seiner „Twinight Collection“ mit vielen grandiosen Stücken von KPM, Sèvres und der Wiener Manufaktur aus der Zeit um 1800. Ein wahres Feuerwerk von Topzuschlägen spielte sich in der Berliner Dependance von Lempertz ab. Zwei prachtvoll bemalte KPM-Vasen erzielten 220 000 und 170 000 Euro, 100 000 wurde für ein Berliner Service mit Mikromosaikmalerei bewilligt, 38 000 für einen einzelnen Teller in dieser Technik, 65 000 bis 115 000 für hauchzart gemalte Porzellanbilder mit Berliner Interieurs. Doch schon für einige Tausend Euro konnten sich Liebhaber andere Einzelstücke aus den 150 Losen sichern. In Erinnerung bleiben auch die 18 000 bis 48 000 Euro, die Schloss Ahlden mit vier großen Volkstedter Art-déco-Grotesken von Hugo Meisel und Arthur Storch realisieren konnte. Nicht zu vergessen die Denkwürdigkeit, dass sich eine Meissener Neuauflage des Schwanenservices, hergestellt zu DDR-Zeiten um 1976, mit 90 000 Euro als Spitzenstück im Dorotheum erwies.

Porzellan-Großplastik „Höllenhund“, Volkstedter Porzellanmanufaktur, Entwurf Arthur Storch, 1920/21, Foto: Kunstauktionshaus Schloss Ahlden
Porzellan-Großplastik „Höllenhund“, Volkstedter Porzellanmanufaktur, Entwurf Arthur Storch, 1920/21, Foto: Kunstauktionshaus Schloss Ahlden
Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 153/2019