14.01.2019 Angelika Storm-Rusche

Zwischen Stillstand und Stillleben

Sotheby’s setzt am 30. Januar in New York auf Alte Meisterinnen

Nachdem einige Malerinnen früherer Jahrhunderte in viel beachteten Retrospektiven gewürdigt worden sind, setzt Sotheby’s New York auf eine Gruppe altmeisterlicher Werke ausdrücklich von Künstlerinnen – als wolle sich nun auch der Kunsthandel auf so etwas wie die „Quote“ besinnen. Man musste sich allerdings erst einmal gründlich in der Kunstgeschichte umschauen, um das Motto „The Female Triumphant“ erfüllen zu können, denn, so die Altmeister-Spezialistin Calvine Harvey, „the number of female Old Master artists … remains incredibly few.” Das mag vor allem daran liegen, dass man sie, wenn sie denn malen durften, bald nach ihrem Tod vergessen hat.

Ein Stillleben von Fede Galizia

Aufgespürt wurde zum Beispiel die Mailänder Bildnis- und Stilllebenmalerin Fede Galizia (um 1578 – 1630), Tochter und Schülerin des auch auf Miniaturen spezialisierten Malers Nunzio Galizia. Offenbar hatte sie bereits im Alter von 20 Jahren ihr Talent so weit entfaltet, dass sie zur Popularisierung des zu ihrer Zeit in Italien noch wenig bekannten Stilllebens beitragen konnte. In der Kunstgeschichte nämlich gilt Caravaggios „Früchtekorb“ von 1595 / 96 als erstes autonomes Stillleben im Land. Zu seiner Zeit kursierte in Italien noch die antike Legende der von Zeuxis gemalten Trauben, welche die Vögel zum Naschen verlockten. Mag sein, dass auch Fede Galizia davon wusste und die Früchte in ihrem Stillleben „Ein Glas mit Pfirsichen, Jasminblüten, Quitten und einer Heuschrecke“ zum Anbeißen echt malen wollte. Qualität und Rarität ihrer Bildtafeln könnten den Schätzpreis von 2 Millionen Dollar erklären.

Fede Galizia, „Ein Glas mit Pfirsichen, Jasminblüten, Quitten und einer Heuschrecke“, Öl / Holz, Sotheby’s New York, Foto: Sotheby’s, New York
Fede Galizia, „Ein Glas mit Pfirsichen, Jasminblüten, Quitten und einer Heuschrecke“, Öl / Holz, Sotheby’s New York, Foto: Sotheby’s, New York

Fede Galizia hat ihr schlichtes Früchtestillleben nach der Art der Niederländer in Aufsicht auf einer Tischplatte arrangiert, und dies wiederum in besonderer Nahsicht vor dunklem Hintergrund, so dass die Pfirsiche in der Glasschale und die zur Seite gelegten Quitten monumental wirken. Sie hat sich auf nur zwei Früchte des reifen Sommers konzentriert und sie mit einem zierlichen Zweig des zu dieser Zeit blühenden echten Jasmins dekoriert. Vielleicht soll das Insekt neben der halbierten und damit rasch verderblichen Quitte das Thema der Vergänglichkeit andeuten. Glanz und Transparenz des Glases beweisen die Kunstfertigkeit der Malerin. Sotheby’s erwähnt vergleichsweise die ebenso innovative flämische Malerin Clara Peters (um 1589 – 1657), deren Stillleben jedoch weniger sparsam sind.

Ein Gruppenbild von Angelika Kaufmann

Auch die Schweizerin Angelika Kauffmann (1741 – 1807) ging in die Lehre ihres Vaters, des Malers Johann Joseph Kauffmann, während die Mutter das sprachbegabte Mädchen überdies in der Musik unterrichtete. Ihr musisches Doppeltalent hat sie derart nachhaltig bewegt, dass sie noch 51-jährig im „Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Malerei“ ihren letztlich zugunsten der Malerei gewählten Lebensweg rechtfertigte. In diesem Gemälde hat sie sich einmal mehr als Gruppenmalerin bewährt, die – im Mythos wie im Porträt – geschickte Verbindungen ihrer Modelle untereinander zu schaffen wusste. Als Angelika Kauffmann 1766 nach London kam, war ihr der Ruf als begehrte Bildnismalerin vorausgegangen, da sie bereits etliche namhafte Engländer auf ihrer Grand Tour porträtiert hatte.

Angelika Kauffmann, „Porträt von Lady Georgiana Spencer, Henrietta Spencer und George Viscount Althorp“, Öl / Lwd., Sotheby’s New York, Foto: Künker, Osnabrück; Sotheby’s, New York
Angelika Kauffmann, „Porträt von Lady Georgiana Spencer, Henrietta Spencer und George Viscount Althorp“, Öl / Lwd., Sotheby’s New York, Foto: Künker, Osnabrück; Sotheby’s, New York

Gewiss hat sie auch die noblen Auftraggeber nicht enttäuscht, die ihre Kinder von ihr malen ließen, obwohl es doch die bewährten Porträtisten Joshua Reynolds, dem sie besonders verbunden war, und Thomas Gainsborough gab. Wie die berühmten Kollegen setzte sie nun ihre kleinen Modelle – Lady Georgiana Spencer, Henrietta Spencer und George Viscount Althorp –, die zu ihren ersten in England zählten, in die freie Natur und ließ sie nicht einfach posieren. Sie erlaubte ihnen vielmehr spielerische Bewegungen, wobei die älteren die jüngste in die Mitte nehmen sollten. Georgiana, schon ganz Lady, hält ein Blütenbukett wie ein kleines Stillleben in Händen; Henrietta tippt mit der Fingerspitze ihrer rechten Hand auf den Pfeil, der zum leicht angespannten Bogen des Knaben George gehört. Offenbar entsprechen sie dem rötlich blonden, hellhäutigen englischen Typ mit rosigen Wangen.

Meisterin der Stofflichkeit

Elegant sind sie alle drei, modisch noch einem legeren Rokoko verpflichtet, wozu die prächtigen Hauben passen. Die feinen Stoffe hat Angelika Kauffmann derart präzise gemalt, dass man ihre seidigen Qualitäten unterscheiden kann. Diese Kinder werden in einigen Jahren bedeutende Rollen in der englischen Aristokratie einnehmen. Angelika Kauffmann, die als Schweizerin zu den Gründungsmitgliedern der Royal Academy gehörte, wird sowohl in England als auch später in Rom künstlerisch und gesellschaftlich so erfolgreich bleiben, wie es sonst kaum einer Malerin vergönnt war. Als sie 1781 England verlassen hatte, schrieb ein Verehrer: “The whole world is angelicamad.” Sotheby’s taxiert das liebenswerte Gruppenporträt auf 600 000 Dollar.

Service

Auktion

Sotheby’s 
New York
Auktion 30. Januar
Besichtigung 25.-30. Januar

Dieser Beitrag erschien in

Kunst und Auktionen Nr. 1/2019