19.05.2017 Stefan Weixler

Das Tier im Visier

Bassenge offeriert brasilianische Expeditions-Fotos

„Der Schütze preßt mit der rechten Hand das Mundstück fest wider den Mund und umfaßt und stützt zugleich das Rohr mit der Linken. Er visiert über das Rohr, das er allmählich aus seiner vertikalen Lage in die Richtung fallen läßt, in der sich das Wild befindet. Erscheint das Tier im Visier, so treibt er den Pfeil mit kurzem, scharfem Hauch durch das Rohr. Den Köcher hält er dabei gewöhnlich zwischen den Oberschenkeln, um die Geschosse bequem herausziehen zu können.“ So beschrieb der Anthropologe Theodor Koch-Grünberg (1872 – 1924) in der zweiten Auflage seines Reiseberichts Zwei Jahre unter den Indianern – Reisen in Nord West Brasilien, 1903 – 1905 „die Handhabung des Blasrohrs“. Zur Illustration diente ihm ein jagender Kaua-Indianer, den der Expeditionsfotograf George Huebner (1862 – 1935) am Rio Aiary abgelichtet hatte (Abb.). Huebner, ein gebürtige Dresdner, der sich bereits 1888 bis 1891 mit seinem Kollegen Charles Kroehle durch das peruanische Amazonasgebiet fotografiert hatte, um eine „reichhaltige Sammlung von Bildern und Typen zu schaffen“, unterhielt seit 1898 in Manaus ein eigenes Fotostudio. 

Bassenge offeriert am 31. Mai in Berlin 67 Vintage-Kollodium-Prints der Koch-Grünberg-Expedition, verteilt auf drei Lose zu je 1800 Euro. „Nur zu leicht ist der Laie geneigt“, so der Forschungsreisende, „auf die ‚Wilden‘ verächtlich herabzusehen, weil sie nackt gehen und eine andere Hautfarbe haben. Doch ohne ihre Unterstützung und Treue in oft gefährlichen Lebenslagen wäre die Reise unmöglich gewesen oder hätte ein plötzliches Ende gefunden.“

Service

Abbildung

George Huebner (1862-1935), Jagender Kaua-Indianer, Fotografie, 1903-05, ca. 12×16 cm (Foto: Bassenge, Berlin)

Auktion

Bassenge, Berlin
31. Mai

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Der vollständige Vorbericht erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 9/2017