Auf die Freundschaft!

Die schönsten Ausstellungen im Herbst

Erstaunlich oft geht es in Ausstellungen in diesem Herbst um künstlerische Produktivität, die nur im Austausch entsteht. Wir haben die schönsten ausgewählt, die Freundschaft, Liebe oder Kollektive zum Thema haben. Teil 1: von der Brücke-Gruppe in Krefeld bis zur Mishpocha in Frankfurt am Main

Von Weltkunst Redaktion
25.08.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 259

Verbindlicher Ton

Nationalmuseum, Stockholm, bis 10. Januar 2027

Die New York Times war von Wilhelm Kåge so begeistert, dass sie ihn 1958 anlässlich einer Ausstellung in Manhattan als einen der drei bedeutendsten Keramiker der Welt würdigte, neben dem Briten Bernard Leach und dem Japaner Shōji Hamada. Zwei von ihnen bringt jetzt das Schwedische Nationalmuseum zusammen: „Wilhelm Kåge & Shōji Hamada“. Als prägender Künstler und Direktor der Keramikfabrik Gustavsberg hinterließ Kåge (1889–1960) in fast jedem Haushalt des Landes seine Spuren. Hübsche, moderne Gegenstände des Alltags, möglichst für alle leistbar: eine typisch schwedische Devise. Als Shōji Hamada (1894–1978) in den Fünfzigern seinen kalligrafischen Teller schuf, war er bereits „Lebender Nationalschatz“. Die beiden Töpfertitanen schätzten und besuchten sich gegenseitig in Schweden und Japan. Was sie einte, war der Glaube an die Kraft schöner, schnörkelloser Kunstwerke. 

Ein Foto von Wilhelm Kåge (li) und Shōji Hamada (re.) in der Töpferwerkstatt
Auf seiner zweimonatigen Japanreise im Jahr 1956 besuchte Wilhelm Kåge auch Shōji Hamada (re.) und machte sich mit dessen Werkstattbetrieb vertraut. © Gustavsbergs Porslin AB/ Nationalmuseum Stockholm

Gerettete Schätze

Christian Schad Museum, Aschaffenburg, bis 10. Februar 2027

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine kann die Sammlung des Khanenko Nationalmuseum in Kyjiw nicht mehr besucht werden. Einige der Meisterwerke gastierten bereits im Ausland, doch nun findet erstmals unter dem Motto „A European Collection“ eine umfassende Ausstellung im Christian Schad Museum statt. Diese besondere Verbindung zwischen zwei Häusern wirft Licht auf unser gemeinsames Kulturerbe, etwa auf das Triptychon „Die Versuchung des heiligen Antonius“ aus der Werkstatt des Hieronymus Bosch (um 1520–1550).

Mittelalterliche Darstellung einer kriegerischen Szene
Werkstatt des Hieronymus Bosch, Mitteltafel des Triptychons „Die Versuchung des heiligen Antonius" um 1520–1550. © Stefan Stark/ Museen der Stadt Aschaffenburg

Fantasie verleiht Flügel

MoMu, Antwerpen, bis 17. Januar 2027

Mit ihren progressiven Entwürfen revolutionierten „The Antwerp Six“ die Modeszene ab den 1980er-Jahren. 40 Jahre nach ihrem internationalen Durchbruch widmet das MoMu in Antwerpen den sechs Designerinnen und Designern eine Retrospektive. Die Arbeiten von Marina Yee, Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs und Dirk Van Saene thematisieren unter anderem Queerness und Diversität. Als Zeichen überraschender Extravaganz setzte etwa Van Beirendonck im Frühjahr/Sommer 2025 unter dem Titel „I Have Seen the Future…“ auf vielfach geeignete Partyhütchen zum flamboyanten Fransenlook.

Fotografie eines Mannes mit Fransenlook und orangenem Paryhütchen auf der Nase
Walter Van Beirendonck, „I Have Seen the Future…", 2025. © Alex Comu/ MoMu

We are family

Jüdisches Museum Frankfurt, bis 27. September

Ein Musiker ist selten einsam. Als Rapper hatte Mike D seine anderen beiden Beastie Boys um sich. Und als Kurator blickt derselbe Michael Diamond nun auf seine Wurzeln und lädt gleich die ganze „Mishpocha“ ins Jüdische Museum Frankfurt ein. Mit dem jiddischen Wort für „Familie“ betitelt der 60-jährige New Yorker also seine Schau und präsentiert langjährige Mitstreitende wie Geoff McFetridge. Der war Artdirector des Magazins Grand Royal der Beastie Boys, heute malt er poppige Bilder über das menschliche Zusammensein. Ebenfalls im Umfeld der Gruppe bewegte sich die Plattenlabel -Gründerin Tammy Rae Carland, deren Fotografie „One Love Leads to Another“ (2008) von Freunden aufgenommene Musikkassetten zeigt. Die Nineties lassen grüßen! Doch die Ausstellung schlägt noch einen viel weiteren Bogen: Es geht auch um Zugehörigkeit – besonders die jüdischer Menschen: Nirit Takele reflektiert in „Memory’s Touch“ (2025) ihre eigene Migrationsgeschichte als jüdische Äthiopierin in Israel, während Jessica Ostrowicz in „Grandma’s Plates“ das anhaltende Trauma der Schoah in zerbrochenen und mit Kieseln beklebten Porzellantellern verbildlicht. Die Schau könnte mit dieser melancholischen Note ausklingen. Aber der heterogene, dadurch umso reizvollere Parcours lädt noch zur Aktivität ein: Im letzten Raum erproben die Besuchenden die Kunst der Kollaboration live, wenn sie an vier Pulten gemeinschaftlich Techno-Tracks entstehen lassen. 

Gemälde mit zwei Personen in knalligen Farben. Die eine Freu legt der anderen Frau die Hand auf die Schulter
Nirit Takele, „Memory’s Touch", 2025. © Nirit Takele/ Jüdisches Museum Frankfurt

Französisches Gastspiel

Museum für Neue Kunst, Freiburg, 30. Oktober bis 28. Februar 2027

Hinter dem schönen Titel „Freundschaftsspiel“ verbirgt sich eine Kooperationsreihe des Museums für Neue Kunst in Freiburg, bei der die Darlings aus dem eigenen Lager immer auf eine auswärtige Sammlung treffen. Diesmal sind die französischen Champions der Art brut und der Naiven Kunst eingeladen: Aus dem Musée International d’Art Naïf Anatole Jakovsky in Nizza reisen Bilder wie die kleine Landschaft „Au bord du canal“ von Henri Rousseau an und begegnen nun Freiburger Publikumslieblingen wie rechts Melitta Schnarrenbergers „Großer Sessel“ (1985). 

Darstellung eines roten Sessels neben einem Ölgemäde
Melitta Schnarrenberger, „Grosser Sessel", 1985. © Alex Kilian/Melitta Schnarrenberger/ Museum für Neue Kunst Freiburg

Bücher als Beziehungsbasis

Liebermann-Villa am Wannsee, Berlin, 3. Oktober bis 18. Januar 2027

Die forschen Worte „Auf zu neuen Werken!“ schrieb der Maler Max Slevogt 1914 an den Verleger Bruno Cassirer, mit dem ihn nicht nur Geschäftliches, sondern auch Freundschaft verband. Slevogt illustrierte über 45 Publikationen, die nun zusammen mit dem Briefwechsel der beiden gezeigt werden. Dritter im Bunde ist Max Liebermann, der mit Slevogt in der Berliner Secession wirkte.

Illustration eine Pferdekutsche, umgeben von Bäumen und einem Hauseingang
Max Liebermann, „Abreise des Majors in der Chaise", 1920. Illustration zu Goethes „Der Mann von fünfzig Jahren". © Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V./ Liebermann Villa Wannsee

Lebe lieber ungewöhnlich

Tate Britain, London, 12. November bis 11. April 2027

Fast fünf Jahrzehnte teilten die Malerin Vanessa Bell und ihr Kollege Duncan Grant ein Heim und das Glück einer gemeinsamen Tochter – dabei hatte Bell bereits eine andere Familie, und Grant war eher an Männern interessiert. Dass Grant wie ein Dandy lebte, aber einen unauffälligeren Stil pflegte, belegt auch sein „Selbstporträt“ (ca. 1920). Die Tate Britain würdigt mit „Vanessa Bell & Duncan Grant“ den künstlerischen Flügel der avantgardistischen Bloomsbury Group, der auch Bells jüngere Schwester, die Schriftstellerin Virginia Woolf, angehörte. 

Selbstbildnis eines Mannes mit Brille, im Anzug mit rot-gestreifter Krawatte
Duncan Grant, „Selbstporträt", ca. 1920. © Estate of Duncan Grant/ Tate Britain/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die gemütliche Avantgarde

Haus Lange, Krefeld, 4. Oktober bis 7. März 2027

Auch wilde Maler mögen’s zu Hause wohnlich: Die Künstlerfreunde der Gruppe Brücke dekorierten ihr Lebensumfeld. Originell sind die geschnitzten Möbel von Karl Schmidt-Rottluff oder eine Tischdecke mit Akten, entworfen von Ernst Ludwig Kirchner und bestickt von dessen Lebensgefährtin Erna Schilling. Die Ausstellung „Kunst Hand Werk Brücke“ würdigt also auch die Frauen rund um den Männerbund. Etwa Lise Gujer, die in Kooperation mit Kirchner nach seinen Entwürfen Wandteppiche wie „Schwarzer Frühling“ (nach 1954–1965) schuf. 

Bunter Wandteppich mit der Darstellung von zwei Personen
Lise Gujer, „Schwarzer Frühling", 1954–1965. © Nachlass Gujer/ Brücke-Museum/ Haus Lange, Krefeld

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