Gustave Courbet in Wien

Felsen auf der Leinwand

Mann vieler Talente: Das Leopold Museum feiert Gustave Courbet, die zentrale Figur der französischen Kunstgeschichte um 1850

Von Tim Ackermann
20.04.2026
/ Erschienen in Nr.254

Im Mai 1854 sieht der Maler Gustave Courbet die Zeit für die große Bilanz gekommen. „Im Laufe meines Lebens habe ich viele Selbstporträts angefertigt – stets im Spiegel meines sich wandelnden Geisteszustands“, erklärt er in einem Brief an seinen Sammler Alfred Bruyas. „Mit einem Wort: Ich habe mein Leben geschrieben.“ In diesen von Pathos nicht freien Zeilen steckt eine komische Pointe: Als er den Brief abschickt, ist der Verfasser keine 35 Jahre alt, erfreut sich geistig bester Gesundheit und steht erst am Anfang einer bemerkenswerten Karriere.

Die vielen Selbstbildnisse der 1840er-Jahre, mit denen nun auch die Courbet-Retrospektive im Leopold Museum beginnt, zeugen wohl eher vom Versuch eines jungen Talents, das eigene Gesicht öffentlich bekannt zu machen – und so Auftraggeber zu gewinnen. Dem erwähnten Sammler Alfred Bruyas aus Montpellier imponierte diese Chuzpe: Er ließ sich 1854 im Bild „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“ verewigen, wie er vor dem Maler den Hut zieht. Bruyas’ Diener senkt dazu ehrerbietig den Kopf. Diese gemalte Geste der Selbstermächtigung eines Künstlers stach seinen Zeitgenossen als Eitelkeit ins Auge.

Was die fantastische Retrospektive mit zahlreichen Leihgaben aus Frankreich aber wieder deutlich macht: Courbet ist die zentrale Gestalt der französischen Kunstgeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts. Frühe Berühmtheit brachte ihm sein Bild „Nach dem Abendessen in Ornans“. Courbet vergrößerte hier eine Genreszene auf monumentale zweieinhalb mal zwei Meter. Wir sehen vier Männer um einen Tisch, einer spielt Geige, die anderen sind vor ihren halb ausgetrunkenen Weingläsern in andächtiges Zuhören versunken. Die Szene wurde als authentische Darstellung des französischen Savoir-vivre verstanden. Mit diesem Gemälde beginnt Courbets Realismus – und das in einem Format, das zuvor der Historienmalerei vorbehalten war. Ein mutiger Konventionsbruch, für den der Dreißigjährige 1849 verdient die Goldmedaille im Pariser Salon erhielt.

Gustave Courbet,
Gustave Courbet, "La Vallée de Manbouc | Das Tal von Manbouc", 1865/66. © Leopold Museum, Wien

In Wien hängt die Abendgesellschaft neben der kleineren Variante eines bahnbrechenden Bildes, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde: In „Die Steinklopfer“ stellte Courbet um 1849 das Tagwerk zweier Straßenarbeiter dar. Schwere Plackerei ließ sich danach nie wieder in der Kunst romantisieren, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Es ist aber auch keineswegs so, dass dieser Maler seine gesamte Schaffenszeit mit der Anklage sozialer Missstände verbracht hätte.

Sein berühmtestes Bild etwa entstand für einen reichen Auftraggeber: Der osmanische Diplomat Khalil Bey bestellte 1866 „L’Origine du monde“ – den zielgerichteten Blick zwischen die gespreizten Beine einer liegenden Frau, deren Gesicht unerkannt bleibt. Khalil Bey verbarg das Werk in seinen Privatgemächern hinter einem grünen Vorhang. Interessant ist, dass es nun im Leopold Museum allein an einer roten Wand hängend jegliche Spur von Intimität vermissen lässt. Stattdessen konfrontiert es die, die davorstehen, kraftvoll mit ihrem eigenen Voyeurismus. Man kann sich vorstellen, dass der Maler dieses Gefühl des Ertapptseins gutgeheißen hätte. Auch wenn er die erotischen Fantasien seiner männlichen Kunden gern bediente. Im selben Raum zeigt das Bild „Die Schläferinnen“ zwei eng umschlungene nackte Schönheiten nach dem Liebesspiel. Die zerrissene Perlenkette liegt als Zeugnis wilder Leidenschaft noch auf dem Laken.

Gustave Courbet, „L’Origine du monde | Der Ursprung der Welt“, 1866. © Hervé Lewandowski/musée d’Orsay/GrandPalaisRmn
Gustave Courbet, „L’Origine du monde | Der Ursprung der Welt“, 1866. © Hervé Lewandowski/musée d’Orsay/GrandPalaisRmn

Es gibt eben nicht den einen typischen Courbet. Zu viel hat dieser Maler erprobt. Liebhaber des Juragebirges etwa werden die Grotten und Flusstäler in der Umgebung der Stadt Ornans, wo Courbet 1819 geboren wurde, in zahlreichen Landschaftsbildern der 1860er-Jahre wiederkennen. Bei seiner lokalpatriotischen Pleinairmalerei trug er die Farbe eigentlich viel zu dick auf, was ihm den Spottnamen „Spachtelmeister“ einbrachte. Aber wie er mit diesem Spachtel die Felsen seiner Heimat auf der Leinwand nachmodellierte, das wirkt dann eben wieder sehr einzigartig und wahrheitsgetreu.

Zum Schluss nimmt Courbets Biografie noch eine krasse Wendung: Als gewählter Repräsentant der Pariser Kommune wird er 1871 ungerechterweise für deren Angriff auf die Vendôme-Säule zu sechs Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Gefängniszeit entsteht das „Selbstporträt in Sainte-Pélagie“, in dem er sich an einem vergitterten Fenster sitzend wiedergibt. Seine frühere pathetische Idee vom gemalten Leben hat sich hier wie eine Prophezeiung erfüllt. Aus Angst vor einer Neuaufnahme seines Prozesses geht Courbet ins Schweizer Exil. Er stirbt 1877 im Alter von 58 Jahren. Viel zu früh.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Gustave Courbet: Realist und Rebell“,

Leopold Museum,

bis 21. Juni

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