Brancusi in Berlin

Glanz und Stille

Indem er die Dinge auf ihren Wesenskern reduzierte, erneuerte Constantin Brancusi die Skulptur. Eine Schau in Berlin lässt erkennen, wie er zum prägendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts wurde

Von Tim Ackermann
16.03.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 252

Das letzte Wort über die Kunstgeschichte darf man nicht den amerikanischen Zollbehörden überlassen. Daher sprang Marcel Duchamp selbst in die Bresche, um seinen Freund in Schutz zu nehmen und alle Zweifel auszuräumen: „Zu sagen, dass eine Skulptur von Brancusi keine Kunst sei, ist wie zu sagen, ein Ei sei kein Ei“, erklärte er gegenüber den Journalisten der New York Times im Februar 1927. Was aber war genau geschehen? Im vorangegangenen Oktober hatte der Bildhauer Constantin Brancusi mehrere Skulpturen für eine Galerieausstellung von Paris aus über den Atlantik geschickt, und sein Werk „Vogel im Raum“ war von einem Zöllner nicht als solches erkannt worden. Der Beamte hatte die polierte Bronzeform stattdessen in die Rubrik „Küchenutensilien und Krankenhausartikel“ eingeordnet, der Einfuhrzoll war entsprechend von null auf 40 Prozent gestiegen.

Brancusi, empört, klagte vor Gericht. Und als Duchamp in der New York Times die Ei-Analogie anbrachte, war der Prozess noch im vollen Gange. Erst im Jahr darauf entschied ein Richter, der „Vogel im Raum“ habe zwar keine Federn oder Füße – sei aber wohl doch das Werk „einer sogenannten neuen Schule der Kunst, deren Vertreter eher versuchen, abstrakte Ideen zu porträtieren, als die Natur zu imitieren“.

Der „Vogel im Raum“ von 1941 verkörpert die Idee des Flugs. Brancusi setzte oft Licht als dramatischen Effekt ein
Der „Vogel im Raum“ von 1941 verkörpert die Idee des Flugs. Brancusi setzte oft Licht als dramatischen Effekt ein. © Audrey Laurans / Succession Brancusi/VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Courtesy Staatlichen Museen zu Berlin

In der großen Brancusi-Ausstellung der Neuen Nationalgalerie wird man sich ab Ende März wieder an die bekannte New Yorker Anekdote erinnern. Denn sie bestätigt aus mehreren Blickwinkeln die Bedeutung dieses Künstlers: Als Bildhauer war Brancusi wirklich etwas Neues und der erste, der – ohne gänzlich abstrakt zu werden – seine Skulpturen so weit vereinfachte, dass die Figuren die Grenze zur elementaren Form überschritten. Die Berliner Schau präsentiert dazu einige frühe Hauptwerke aus den 1910er-Jahren, darunter zwei verschiedene Bronzen der „Schlafenden Muse“, den ebenfalls bronzenen „Prometheus“ oder die Gipsfassung der „Prinzessin X“. Und man erkennt an ihnen, wie wenig dieser Künstler überhaupt noch brauchte, um das Abbild eines Menschen zu schaffen. Gleichzeitig scheinen sich in den sparsamen Konturen solcher Werke tatsächlich die Gestalten von Ideen zu offenbaren, ihre „Urformen“, das von Duchamp gemeinte Naturgesetz, das Ei.

Constantin Brancusi
Ein Selbstporträt des Künstlers im Atelier um 1934. © Adam Rzepka/CNAC-MNAM/Dist. GrandPalaisRmn/bpk/ Succession Brancusi/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Brancusis Skulpturen wirken auf unsere Sinne so intuitiv vertraut wie lebendige Menschen oder Tiere und sind doch als Körper zweifellos fremdartig. Man versteht, wie anders diese Werke damals waren, wie sehr sie sich vom Vorangegangenen unterschieden. So sehr, dass sie auch Jahrzehnte später noch missverstanden werden konnten. Heute allerdings stößt sich niemand mehr an Brancusi. Im Gegenteil: Mit ihren elegant geschwungenen Formen und ihren golden glänzenden Oberflächen gehören seine Werke zu den Lieblingen in Museums- und Auktionssälen. In deutschen Ausstellungshäusern allerdings sind sie in größerer Zahl selten zu sehen. Und so ist es ein Glücksfall, dass das Centre Pompidou in Paris, das den Nachlass des Künstlers bewahrt, renoviert werden muss und daher rund 150 Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Filme und Archivmaterialien nach Berlin ausgeliehen hat. „Viele kennen natürlich die ‘Schlafende Muse‘, aber darüber hinaus ist Brancusi in Deutschland weniger bekannt, als man denken würde“, sagt Kuratorin Maike Steinkamp, die zusammen mit Direktor Klaus Biesenbach die Ausstellung konzipiert hat.

In der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie können nun alle Wissenslücken geschlossen werden. Zentrum der Schau ist die Teilrekonstruktion von Brancusis Atelier, um die sich die anderen Themenbereiche als Ring gruppieren. „Das Atelier war der absolute Mittelpunkt seines Lebens, weil er dort nicht nur gearbeitet hat, sondern auch Freunde dorthin einlud und es vor allem als Präsentationsfläche inszenierte, wenn er Sammler zum Kauf von Werken bewegen wollte“, erklärt Steinkamp den Ausstellungsaufbau.

Der anmutige „Kopf einer Frau“ (um 1908) aus dem Frühwerk
Der anmutige „Kopf einer Frau“ (um 1908) aus dem Frühwerk. © Georges Meguerditchian/Centre Pompidou, MNAM-CCI/Dist. GrandPalais Rmn / Succession Brancusi/VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Courtesy Staatlichen Museen zu Berlin

Nach Paris kam Constantin Brancusi 1904. Aufgewachsen als Sohn rumänischer Bauern, hatte der 28-Jährige bereits sein Kunstdiplom an der Akademie in Bukarest erlangt und schrieb sich nun zum erweiterten Studium an der renommierten École des Beaux-Arts ein. Durch Ausstellungsbeteiligungen im Salon de la Societé Nationale des Beaux-Arts und im Salon d’Automne wurde der Bildhauer Auguste Rodin auf ihn aufmerksam, der ihn einlud, als sein Assistent zu arbeiten. Das junge Talent hielt das vier Monate aus, bevor es sich verabschiedete mit der legendären Begründung, dass nichts im Schatten hoher Bäume gedeihe. Wie groß der Einfluss des berühmten Kollegen auf Brancusi tatsächlich war, beweisen die ältesten Arbeiten in der Berliner Schau. Beim Werk „Schlaf“ von 1908 etwa scheint sich das Gesicht einer ruhenden Frau ebenso behutsam aus dem massiven Marmorblock zu lösen, wie man es aus Rodins Arbeiten mit dem gleichen Titel kennt.

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