Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Wir beginnen unseren ersten Tag im prächtigen Gyeongbokgung Palast, tauchen in die Welt der Videokunst im MMCA ein und lernen in der Arumjigi Foundation über die Traditionen Koreas

Unser Rundgang beginnt dort, wo sich Koreas Geschichte verdichtet: im Gyeongbokgung Palast, der prächtigsten der fünf Palastanlagen Seouls. Das Areal ist ein Sinnbild für Koreas Widerstandsfähigkeit. Erbaut von König Taejo im Jahr 1395, zerstört durch die japanische Invasion im 16. Jahrhundert, wiederaufgebaut im 19. Jahrhundert und erneut während der japanischen Kolonialzeit verwüstet, ist der Palast heute ein Lieblingsziel von Touristen wie Einheimischen.

Während sich im südlichen Teil der Anlage, in der man allein drei Tage verbringen könnte, die Hochhäuser des Regierungsviertels Gwanghwamun hinter den Pagoden am Himmel abzeichnen, liegt im nördlichen Teil die kürzlich wiedereröffnete Königliche Bibliothek Jibokjae. König Gojong ließ sie 1891 errichten, um Diplomaten zu empfangen und westliche Schriften zu studieren – Ausdruck seines Reformwillens in einer Zeit, in der Korea zwischen Isolation und Öffnung schwankte.

Vom Palast aus schlendern wir ins Viertel Samcheong. Holzhäuser im traditionellen Hanok-Stil mit geschwungenen Ziegeldächern stehen neben brutalistisch anmutenden Betonfassaden. In den kleinen Gassen reihen sich traditionelle Teehäuser neben junge Modelabels wie Umber Postpast und Galerien für Gegenwartskunst wie Choi & Choi, Hyundai und PKM.

Medienkünstlerin Tzusoo bringt den Screen im MMCA zum Flimmern
Medienkünstlerin Tzusoo bringt den Screen im MMCA zum Flimmern. © Hong Cheolki/MMCA, Seoul

Am Rand des Viertels liegt das Haupthaus des National Museum of Modern and Contemporary Art (MMCA). Bis zum 1. Februar 2026 stellt hier die junge Media-Künstlerin Tzusoo aus. Geboren in Seoul, lebt sie heute in Deutschland und unterrichtet an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Für ihre Videoarbeiten nutzt die 33-Jährige KI-Technologien und thematisiert mithilfe von Avataren Mutterschaft und Begehren. Im MMCA greift ihre Digitalinstallation in den realen Raum: als Skulptur aus Wasser und Moos.

Das Zusammenspiel von Natur und Maschine beschäftigt auch den Argentinier Adrián Villar Rojas nur wenige Schritte weiter. Er hat das Art Sonje Center, seit 1998 Herzstück der unabhängigen Kunstszene Koreas, zum Schauplatz der Apokalypse auserkoren. Bis 1. Februar 2026 überlässt er das gesamte Gebäude den Elementen – angefangen beim Haupteingang, den er mit Geröll versperrt hat. Erde bedeckt den Boden, Pflanzen sprießen aus der Decke, und mittendrin stehen Skulpturen wie Fossilien aus der Zukunft.

Einen Blick in die Vergangenheit wirft die Arumjigi Foundation, die sich der Bewahrung koreanischer Kultur verschrieben hat. Als das Land nach dem Krieg in den Sechzigern in beispiellosem Tempo aus der Armut zu einer wohlhabenden Hightech-Nation wuchs, wurden Traditionen dem Wirtschaftswachstum untergeordnet. Doch mit dem neuen Jahrtausend wollten viele Koreanerinnen und Koraner ihre Kultur wiederbeleben. Im Arumjigi-Haus lernt man nicht nur, sondern hat auch die beste Aussicht auf die Baumwipfel im Gyeongbokgung-Palast und findet hochwertige Souvenirs. Genau wie im neuen Ausstellungsraum Mosoon um die Ecke, der auf Keramik spezialisiert ist.

Die Arumjigi Foundation bewahrt die Kultur der Vorfahren
Die Arumjigi Foundation bewahrt die Kultur der Vorfahren. © Arumjigi Foundation

Bevor wir zum Abendessen aufbrechen, machen wir noch einen Abstecher zur Kukje Gallery. 1982 gegründet, zählt sie heute zu den führenden Galerien Asiens. Neben koreanischen Künstlern wie Lee Ufan vertritt sie auch internationale Größen wie Anish Kapoor und Candida Höfer.

Was wäre Korea ohne BBQ? Bei Kukbingwan wird am Tisch über glühender Holzkohle gegrillt. Dazu trinkt man Soju und Bier. Die Abenteuerlustigen mischen beides zu „Somaek“. Wer lieber Cocktails mag, bestellt nebenan auf der Dachterrasse der kleinen Bar Cham in Season Klassiker mit traditionellen koreanischen Zutaten wie Kaki oder Makgeolli-Reiswein.

Mit in die Nacht nimmt uns der DJ Joon Kwak. Er legt nicht nur im Technoclub Faust auf, mit seinem Kreativkollektiv Permit veranstaltet er regelmäßig Soundinstallationen an besonderen Orten wie dem neuen Museum Futura. 2026 findet dort eine Ausstellung der Set-Designerin Es Devlin – bekannt für ihre atemberaubenden Installationen für Chanel – statt.

Vor dem Schlafengehen vertreten wir uns die Beine im Cheongun-Park, einem der besten Aussichtspunkte auf die Stadt bei Nacht: Zu unseren Füßen liegt der Palastbezirk und über uns der Berg Inwangsan, auf den sich die beleuchtete Stadtmauer schlängelt.

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