Kunstreisetipps für Westspanien

Extremschön

Von der Extremadura war schon Wolf Vostell fasziniert. Seinem Museum folgten in der jüngsten Zeit viele weitere Kunstorte, die die raue Region in Westspanien leuchten lassen

Von Alexandra Gonzáles
13.02.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 250

Sie heißen Schnecke, Hai oder Galgen. In Abermillionen Jahren haben Wind und Wasser die bizarren Formationen aus Granit geschaffen. Zwischen den Felsriesen verbreitet Weißer Ginster seinen Honigduft, am Himmel ziehen Adler ihre Kreise. Als Wolf Vostell, Pionier der Medienkunst und Fluxus-Bewegung, das Schutzgebiet Los Barruecos erstmals besuchte, fühlte er sofort, dass die Natur hier zu seiner Sparringspartnerin werden könnte. Seine Vision: ein Zentrum für Avantgardekunst inmitten des archaischen Felsenmeers. 1976 überließ ihm die Gemeinde Malpartida de Cáceres dafür die halb verfallene Wollwäscherei am Ufer eines historischen Stausees. Heute ist das Museo Vostell Malpartida einer dieser magischen Kunstorte im Südwesten Spaniens, die von den Massen in Frieden gelassen werden.

Lange galt die abgeschiedene Region an der Grenze zu Portugal als Armenhaus Spaniens, bestenfalls ein Geheimtipp für Naturmenschen. Idyllisch zwar, aber karg. Vor allem Gourmets bekannt, weil im Schatten der Kork- und Steineichen die schwarzborstigen Ibérico-Schweine weiden und den teuersten Schinken der Welt liefern. Oder Ornithologen auf der Suche nach seltenen Geierarten. Vielleicht noch ein paar unerschrockenen Jakobspilgern, die auf der Vía de la Plata die Steppen der Extremadura queren.

Katharina Grosses Sprayarbeit „Faux Rocks“ (2006) ist Teil der Sammlung von Helga de Alvear, die sich ein Museum bauen ließ
Katharina Grosses Sprayarbeit „Faux Rocks“ (2006) ist Teil der Sammlung von Helga de Alvear, die sich ein Museum bauen ließ. © Joaquin Cortes/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Dabei besitzt die Gegend so viel mehr Reize, als unversehrte Naturparadiese für gewöhnlich bereithalten. Sie ist eine wahre Schatzkammer voll römischer Relikte und maurischer Baukultur, Schauplatz der Reconquista und Wiege von gleich einem Dutzend Eroberer wie Francisco Pizarro oder Hernán Cortés, die mit Schwert und Kreuz die Neue Welt unterwarfen. Und nun ist hier auch das zeitgenössische Spanien angekommen: Im Laufe der Jahre hat sich eine völlig neue Kunstlandschaft geformt. Aufregende Museen, skurrile Installationen, Weltklassekunst ziehen ein internationales Publikum an. Auf diese Entwicklung haben zuletzt auch Hotellerie und Gastronomie reagiert. Landhäuser bieten Naturpools und das Aroma von Wildgärten, Stadthotels treffen den richtigen Ton im Interior Design, die Küche erstaunt mit Experimentierfreude und lokalen Produkten.

Malpartida, „die schlecht Geteilte“, also. Der Name des 4000-Seelen-Dorfs musste Vostell, der zwischen der Mauerstadt Berlin, wo er 1998 starb, und der Provinz Cáceres pendelte, wie ein Zeichen erschienen sein. Doch was hatte den deutschen Exzentriker überhaupt in diese verlassene Ecke Spaniens gelockt, noch dazu während der Franco-Diktatur? Er ist dem eleganten Mystizismus Francisco de Zurbaráns nachgereist. Aus dem ohnehin betörenden Werk des Barockmalers ragt der vollständig erhaltene Bildzyklus für das Königliche Kloster von Guadalupe heraus, eingearbeitet in das Dekorationssystem der Sakristei. Wolf Vostell sah das Wunder und blieb. Fand in Guadalupe ein Studio und heiratete 1959 die Dorfschullehrerin Mercedes Guardado, seine Muse und Mitstreiterin.

Findlinge und Seen prägen den Naturpark Los Barruecos, unweit davon schuf Wolf Vostell seinen Skulpturenpark.
Findlinge und Seen prägen den Naturpark Los Barruecos, unweit davon schuf Wolf Vostell seinen Skulpturenpark. © Gabino Cisneros/Courtesy Extremadura Tourist Board/TURESPAÑA

Ein lautes Klappern übertönt die Melodien der kinetischen Skulpturen im Museumspark. Das Balzritual der Weißstörche, die auf Vostells gigantischem Objekt aus aufgetürmten Kampfjet-Teilen, Autos und Computerbildschirmen nisten. Neben Vostells sperrigen Arbeiten beherbergen die sorgsam restaurierten Gemäuer aus dem 18. Jahrhundert, in denen einst Schafe gewogen, geschoren und Wolle gewaschen wurden, Werke von Weggefährten wie Nam June Paik sowie die Fluxus-Kollektion aus der Schenkung Gino Di Maggios. Unter dem Ziegelsteingewölbe rumpelt und rattert es. An einen Cadillac montierte Metallrechen kratzen über Eisenplatten voller Porzellanteller. Typisch Vostell, typisch Fluxus, dem profansten Alltagsgegenstand eine kultische Bedeutung zuzuschreiben. Fernseher flimmern. Immense Ölgemälde erinnern an Picassos Antikriegsgemälde „Guernica“. Einem Theatervorhang gleich hängt eine Assemblage aus Motorrädern der Guardia Civil, stärkste Stütze in Francos Polizeiapparat, vor einer Wand. Salvador Dalí hat das abgründige Werk bereits 1929 erdacht. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1948 sympathisierte der Surrealist mit dem Machtsystem. 1988 wurde „Das Ende von Parzival“ durch Vostell realisiert. Die Wucht der Exponate in diesem Museum ist gewaltig, man spürt die Widersprüche und Tragödien des 20. Jahrhunderts geradezu körperlich.

Dieser Effekt, sich ganz im Jetzt zu fühlen und dennoch die Vergangenheit auf Schritt und Tritt zu spüren, ist einer der Gründe, weshalb man sich in die Extremadura verliebt. Das Schlaraffenland für Kunstinteressierte bietet überwältigende Raumerlebnisse und hat ein großes Herz für Visionärinnen und Exzentriker, ohne die alle Schönheit blutleer geblieben wäre.

Nächste Seite