Kunstherbst München

Winckelmann: Der Götter Advokat

Vor hundert Jahren kam Joachim Winckelmann in Triest bei einem Raubüberfall um. Eine Ausstellung in der Münchner Antikensammlung würdigt den berühmten Archäologen und Kunsttheoretiker

Von Stefan Weixler
17.10.2018

Am 8. Juni 1768 wird der berühmte Archäologe, Kunsttheoretiker und Bibliothekar Johann Joachim Winckelmann, der es als Schustersohn zum Generalkonservator des Kirchenstaates gebracht hatte, in Triest erstochen – Raubmord, sagen die Akten. „Wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht zwischen uns nieder“, erinnert sich Johann Wolfgang von Goethe in „Dichtung und Wahrheit“. Dramatisch gestorben war nicht nur der Spiritus Rector einer klassizistischen Ästhetik, der das Wesen hellenistischer Bildwerke auf die Formel „edle Einfalt, stille Größe“ gebracht hatte. Gestorben war auch ein offen homosexueller Freigeist, von dem Giacomo Casanova in seinen »Memoiren« schrieb, er habe auf den Spuren der alten Griechen mit den „hübschesten Burschen von Rom“ ein libertäres Liebesleben geführt. So hatte die Welt mehr als einen Deuter der Vergangenheit verloren: Winckelmann war das Gesicht des modernen Europa.

Otto Philipp Donner von Richter, Brustbildnis Johann Joachim Winckelmanns, Teilkopie nach dem Gemälde von Angelika Kauffmann, Öl auf Leinwand, 1860/70, Leihgabe Winckelmann-Gesellschaft Stendal © Archiv Winckelmann-Gesellschaft Stendal
Otto Philipp Donner von Richter, Brustbildnis Johann Joachim Winckelmanns, Teilkopie nach dem Gemälde von Angelika Kauffmann, Öl auf Leinwand, 1860/70, Leihgabe Winckelmann-Gesellschaft Stendal © Archiv Winckelmann-Gesellschaft Stendal

In der Ausstellung zum 250. Todestag zeigen die Antikensammlungen diverse Skulpturen – etwa den „Winckelmann’schen Faun“, über den er einst sagte: „Es ist mein Ganymed, den ich ohne Ärgernis in Gegenwart aller Heiligen küssen kann.“ Winckelmann selbst taucht in Angelika Kauffmanns Porträt von 1764 auf, dem Erscheinungsjahr seiner „Geschichte der Kunst des Altertums“. Primär aber illustriert die Schau anhand von Wedgwood-Keramiken, Möbeln, Silberarbeiten – Leihgaben aus der Sammlung „Arcadia ca. 1800“ von Sven Kielgas und Falk Weber –, wie die „Ära Winckelmann“ mit dem barocken Ancien Régime brach und dem „Goût grec“ verfiel. Beseelt von der „Geistesleistung der Aufklärung“, die – wie Kielgas zur Eröffnung sagte – „die Grundlage für unsere Freiheit und unseren innergesellschaftlichen Frieden bildet“.

Service

Ausstellung

„Tod in Triest“

Staatliche Antikensammlung München

bis 9. Dezember

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 149/2018

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