Jahresübersicht

Wie entwickelt sich der Markt für Bücher?

Der internationale Markt bewies auch in den vergangenen zwölf Monaten seine Vitalität. Seltenheit, Provenienz und kulturelle Bedeutung sorgten für Zuschläge bis in zweistellige Millionenhöhe

Von Peter Dittmar
07.09.2026
/ Erschienen in Kunst und Auktionen Nr. 14/26

Ein Mann betritt eine Buchhandlung und fragt angesichts des überquellenden Non-Book-Angebots: „Verkaufen Sie auch Bücher?“ Denn auch das traditionelle Buchgewerbe kann sich den Veränderungen des Marktes nicht entziehen. Jedoch noch lange nicht mit Leib und Seele. „Die Kunst ist alt“, hat Christian Schad einmal notiert und hinzugefügt: „und die alte Kunst ist oft neuer als die neue.“ Da kann man getrost „Kunst“ durch „Buch“ ersetzen. Was gestern, vorgestern und noch früher gedruckt, gar geschrieben wurde, erweist sich weiterhin als gesucht und begehrt. Das bezeugen die Antiquariate ebenso wie die Auktionen. Mit bemerkenswerten Angeboten – und mit manchmal nicht minder bemerkenswerten Preisen.

Das teuerste Objekt der vergangenen zwölf Monate war allerdings noch nicht einmal hundert Jahre alt. 1938 wurde es gedruckt und für 10 Cent verkauft. Es als Buch zu bezeichnen, ist eigentlich vermessen. Denn es handelt sich um „Action Comics No. 1“ mit dem ersten Auftritt von Superman. 15 Millionen Dollar soll Anfang 2026 ein Sammler für das Exemplar gezahlt haben, vermittelt durch den New Yorker Comic-Händler Metropolis Collectibles / ComicConnect.

Cover eines Comics mit bunter szenischer Darstellung
„Action Comics No. 1“, 1938. © Metropolis Collectibles und ComicConnect

1996 war es noch für 150.000 Dollar zu haben. Danach gehörte es dem Schauspieler Nicolas Cage, dem es 2000 gestohlen, jedoch 2011 zurückerstattet wurde. Kurz danach verkaufte er es über eine Auktion bei ComicConnect für rund 2,2 Millionen Dollar. Diese Provenienz hat bei dem neuerlichen Handel gewiss nicht preismindernd gewirkt.

Auch das zweitteuerste Objekt ist kein Buch, obwohl es als Buch die Beat-Generation geprägt hat. Es ist die 37 Meter lange Rolle aus aneinandergeklebten Bögen Transparentpapier, auf die Jack Kerouac 1951 in einem dreiwöchigen Rausch den ersten Entwurf von „On the Road“ tippte.

Original-Schreibmaschinenmanuskript
Jack Kerouac, „On the Road“, Original-Schreibmaschinenmanuskript, 1951. © Christie‘s Images Ltd. 2026

Für 10 Millionen Dollar (Taxe 2,5 Millionen Dollar) ersteigerte sie der Country-Sänger Zach Bryan am 12. März bei Christie’s New York – 2001 war sie dort noch für 2,2 Millionen Dollar (Taxe 1 Million Dollar) zugeschlagen worden. Künftig soll sie in dem geplanten Kerouac Centre in dessen Geburtsstadt Lowell / Massachusetts zu sehen sein.

Damit waren die Millionenzuschläge jedoch noch nicht ausgeschöpft. 5,2 Millionen Dollar (Taxe 5 Millionen Dollar) waren am 5. Februar bei Sotheby’s in New York für den Wiener „Rothschild-Mahzor“ zu zahlen. Das großformatige Gebetbuch für die Festtage Rosh Hashana und Yom Kippur wurde 1415 wohl in Wien geschrieben und mit ornamentalen Buchstaben, häufig von allerlei fantastischen Tieren umrankt, illuminiert.

Doppelseite eines Buches mit Schriftzügen und Bemalung
„Rothschild Vienna Mahzor“, vollendet 1415 in Wien vom Schreiber Moses, Sohn des Menachem. © Sotheby’s, New York

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Besitz der Rothschild-Familie und nach der Besetzung Österreichs von den Nationalsozialisten requiriert, gelangte der Mahzor nach dem Krieg unkatalogisiert in die Österreichische Nationalbibliothek, die ihn 2023 schließlich restituierte. Teurer waren unter den mittelalterlichen hebräischen Handschriften bislang nur der „Luzzato-Mahzor“, den Sotheby’s 2021 für 7 Millionen Dollar zuschlug, das 1999 ebenfalls von Wien restituierte „Rothschild-Gebetbuch“ mit taxgerechten 12 Millionen Dollar bei Christie’s im Jahr 2014 sowie der „Codex Sassoon“ mit 33,5 Millionen Dollar (Taxe 30 Millionen Dollar) bei Sotheby’s im Mai 2023.

Siebenstellig verkauften sich bei Christie’s London im Juli 2026 außerdem noch der dem „Meister der Lütticher Apokalypse“ zugeschriebene illuminierte „Clermont-Tonnerre Grail“, der in drei Teilen die Geschichten um König Artus erzählt, für 1,8 Millionen Pfund. Bereits im Juni 2025 konnte Christie’s New York zudem 1,5 Millionen Dollar (Taxe 1 Million Dollar) für William Blakes „Songs of Experience“ und taxgerechte 1 Million Dollar für eines der fünf ersten Exemplare seiner „Songs of Innocence“, zuletzt im Besitz des Illustrators und Autors von Kinderbüchern Maurice Sendak, verbuchen.

Ein aufgeschlagenes altes Buch
Der „Clermont-Tonnerre Grail“, illuminierte Handschrift auf Pergament, Metz, 1290-1310. © Christie’s Images Ltd. 2026

Die in San Francisco beheimatete Website Rare Book Hub, spezialisiert auf den Kauf und Verkauf antiquarischer Bücher, hat unlängst ausgerechnet, welche Durchschnittspreise die Auktionshäuser anhand ihrer fünfzig besten Ergebnisse des Jahres 2025 erzielten. Sotheby’s New York kam dabei auf 57.128 Dollar, die Londoner und Pariser Verkäufe nicht eingerechnet. Genazym, das auf Judaica spezialisierte Haus in Monsey / New York, rückte mit 56.938 Dollar auf den zweiten Platz, Christie’s London mit 51.736 Dollar auf den dritten.

Von den kontinentalen Häusern rangiert Ketterer, München, mit 7728 Dollar auf Platz elf vor Koller, Zürich, mit einem Durchschnitt von 6965 Dollar. Nur zweimal konnte bislang mehr als 1 Million Euro erzielt werden: 2017 mit 1,1 Millionen Euro (Taxe 150.000 Euro) für Luthers „Disputatio pro Declaratione virtutis indulgentiarum“ von 1517 bei Reiss & Sohn und 2019 mit 1,05 Millionen Euro für eine „Biblia latina“ in zwei Bänden von 1462 aus der Werkstatt von Fust und Schöffer bei Ketterer in Hamburg – hier allerdings nur brutto: Der Zuschlag hatte bei 840.000 Euro (Taxe 1 Million Euro) gelegen.

2025 sind weltweit 26 Zuschläge zu verzeichnen, die mehr als 1 Million Dollar eintrugen. Im Jahr zuvor waren es sogar noch drei mehr, während sich 2023 mit zwölf siebenstelligen Ergebnissen begnügen musste. Bei Christie’s, wo im Februar und Juli 2026 insgesamt 343 Lose der Sparte „Books and Manuscripts“ aufgerufen wurden, brachten 38 Zuschläge mehr als 100.000 Dollar ein, bei 43 Rückgängen.

Einband des Buches mit Schriftzug des Titels
Isaac Newton, „Philosophiae naturalis principia mathematica“, London, 1687.© Koller, Zürich.

Die erste Auflage von Isaac Newtons „Philosophiae naturalis principia mathematica“ aus dem Jahr 1687, die etwa 400 Exemplare umfasste, ist noch etwa zur Hälfte erhalten, weshalb sie regelmäßig in Auktionen präsent ist. Kaum ein Werk zeigt jedoch deutlicher, wie stark Erhaltung, Provenienz, Einband und Vollständigkeit den Wert beeinflussen können. Bei Koller brachte ein Exemplar im September 250.000 Franken (Taxe 200.000 Franken). Christie’s konnte im November 2025 dafür in Paris 650.000 Euro (Taxe 400.000 Euro), im Februar 2026 in New York noch einmal 610.000 Dollar (Taxe 500.000 Dollar) und im Juli in London sogar 720.000 Pfund (Taxe 600.000 Pfund) erlösen. Diese Exemplare stehen freilich im Schatten der 3,1 Millionen Dollar (Taxe 1 Million), die das Auktionshaus im Dezember 2016 in New York für ein eigens für König James II. gebundenes Exemplar erzielte.

Zu den frühen Drucken, die erstaunlich oft zu erstaunlich unterschiedlichen Preisen angeboten werden, gehört Schedels „Weltchronik“ beziehungsweise der „Liber chronicarum“ (5). Entscheidenden Einfluss haben hier unter anderem Kolorierung, Vollständigkeit, Erhaltung und Einband. In der jüngsten Saison trieb Christie’s New York im Februar eine kolorierte lateinische Ausgabe auf 130.000 Dollar (Taxe 100.000 Dollar). Mit 50.000 Pfund (Taxe 40.000 Pfund) erreichte das Haus im Juli in London zudem den zweitbesten Preis der Saison. Preislich folgt Koller mit taxgerechten 40.000 Franken für ein schwarz-weißes deutsches Exemplar, während bei Reiss & Sohn im Oktober 36.000 Euro (Taxe 30.000 Euro) und bei Ketterer im November in Hamburg 32.000 Euro (Taxe 30.000 Euro) erzielt wurden.

Es sind jedoch keineswegs nur Inkunabeln und Frühdrucke, die in dieser Preiskategorie rangieren. 650.000 Euro (Taxe 100.000 Euro) waren im Oktober bei Christie’s für Oscar Wildes „Salomé“ zu zahlen, eine um 1893 in Paris in 600 Exemplaren gedruckte Erstausgabe. Allerdings veredelt durch Wildes eigenhändige Widmung: „This book – this wonderful book – was decorated for me by Max Beerbohm: and by me given to Robert Ross. Oscar Wilde. Paris.“ Es handelte sich also um ein besonderes Exemplar: eine von Wildes Freunden Max Beerbohm und Charles Ricketts mit originalen Federzeichnungen ausgestattete und von Wilde seinem zeitweiligen Liebhaber Robert Ross – dem späteren Testamentsvollstrecker – gewidmete Gabe.

Es war nicht die einzige Wilde-Spezialität auf dem Markt. Im Februar wurden aus der umfangreichen Sammlung von James Mason bei Bonhams drei Exemplare von „De Profundis“ aufgerufen. Auf 380 Pfund (Taxe 300 Pfund) kam eines aus der ersten Auflage für den Handel. Für 17.000 Pfund (Taxe 4000 Pfund) wurde die große Version auf Japanpapier, von der es lediglich fünfzig Exemplare gibt, zugeschlagen. Und 20.000 Pfund (Taxe 5000 Pfund) erzielte eine Erstausgabe mit einem Eintrag von Robert Ross.

Eine weitere Erstausgabe wird momentan von Sotheby’s New York angeboten, nicht im Rahmen einer Auktion, sondern im Bereich der inzwischen recht umfangreich gewordenen Freiverkäufe. Auf Exklusivität bedacht, wird das Buch zusammen mit der silbernen Zigarettenspitze offeriert, die sich unter den Hinterlassenschaften Wildes im Pariser Hôtel d’Alsace fand. Die Spitze allein war 1997 bei Bonhams für 2400 Pfund und dann im Mai 2025 bei Irita Marriott im mittelenglischen Melbourne für nur 900 Pfund verkauft worden. Nun sollen Buch und Zigarettenspitze zusammen 12.760 Dollar kosten.

Und wem es nur um ein Erinnerungsstück an Oscar Wilde ging, der konnte im April bei Sotheby’s London auf ein Maniküre-Set bieten, das Ross einst Wilde geschenkt hatte. Mit einer Taxe von 10.000 Pfund landete es allerdings im Nachverkauf.

Da hatte das Haus zuvor mit der Serie von 86 Büchern, Spielsteinen und Zeichnungen zum Thema Schach, vorwiegend aus der Sammlung von Lothar Schmidt, dem Schachspieler, Schachsammler und Karl-May-Verleger, mehr Glück. 90.000 Pfund (Taxe 20.000 Pfund) brachte der „Trattato gioco de scacchi“, der 1620 in Rom erschienen war, gefolgt von 78.800 Pfund (Taxe 12.000 Pfund) für den „Trattato del nobilissimo essercicio de’ Scacchi“ von 1624. Beide Werke, gewissermaßen Inkunabeln der Schachliteratur, stammen von Gioachino Greco, der im 17. Jahrhundert als außergewöhnlicher Spieler galt.

Ebenfalls für 78.800 Pfund (Taxe 50.000 Pfund) wurde das „Libro di Giuocho di Scacchi“ von 1493 des Dominikaners Jacobus de Cessolis zugeschlagen, während sein „Schachzabelbuch“, zehn Jahre zuvor in Straßburg gedruckt, 96.000 Pfund (Taxe 50.000 Pfund) eintrug. Es gilt als eines der ersten Schachbücher, wenngleich die Regeln des Spiels darin vor allem als Gleichnis für ein von der ständischen Ordnung geprägtes gottgefälliges Leben erläutert werden.

Angesichts solcher bemerkenswerten Zuschläge gerät leicht aus dem Blick, dass sie nicht die Regel sind. Stefan Zweigs „Schachnovelle“ erforderte in der Luxusausgabe, von der nur fünfzig Exemplare gedruckt wurden, zwar 28.000 Pfund (Taxe 3000 Pfund). Die erste allgemeine Auflage, von der ebenfalls lediglich 250 Exemplare erschienen, begnügte sich jedoch mit 6000 Pfund (Taxe 1000 Pfund). Damit blieb sie im Rahmen der meist vierstelligen Zuschläge, die auch in München, Köln, Hamburg und andernorts bei Buchauktionen vorherrschen, wiewohl es mindestens ebenso oft bereits dreistellig „… und zum Dritten“ heißt.

Und schließlich: Der Glaube, Bücher könnten die Moral untergraben, führt nicht nur in Amerika dazu, allerlei Gedrucktes aus Schulbüchereien und öffentlichen Bibliotheken zu entfernen. Solcher Eifer hat inzwischen auch Christie’s in Paris erreicht. Als im Juni die „Collections du Château de Tournay“ zur Versteigerung anstanden, fand sich im Katalog bei den Erstausgaben von Genets „Querelle de Brest“ mit den Illustrationen von Jean Cocteau und Andréa de Nerciats „Le diable au corps“ mit unsignierten Kupferstichen anstelle der Titelseite lediglich groß gedruckt die Ermahnung: „Explicit Content – This lot contains explicit material and mature subject matter.“ Dabei handelte es sich keineswegs um pornografische Kuriositäten, sondern um Ausgaben literarischer Klassiker, versehen mit Illustrationen beziehungsweise Kupferstichen erotischen Inhalts. Die Käufer, die dafür bei 7000 Euro (Taxe 4000 Euro) beziehungsweise 4800 Euro (Taxe 5000 Euro) den Zuschlag erhielten, hat das offenbar nicht abgeschreckt.

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