Erst berühmt, dann vergessen: Im Barock gab es in den Niederlanden und in Flandern zahlreiche Malerinnen von Rang. Eine eindrucksvolle Schau in Gent holt sie aus der Anonymität
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08.05.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 255
Sie trägt ein Seidenkleid mit Spitzenkragen. In der Hand hält sie Palette und Pinsel. Judith Leyster war etwa 21 Jahre alt, als sie 1630 ihr Selbstporträt malte. Auf dem Bild lächelt sie die Betrachter selbstbewusst an. Drei Jahre später wurde sie in die angesehene Malergilde von Haarlem aufgenommen.
Obwohl sie zu Lebzeiten Erfolg hatte, geriet Leyster nach ihrem Tod im Jahr 1660 schnell in Vergessenheit. Schon in einem Haushaltsinventar, aufgestellt nachdem ihr Mann, der Künstler Jan Miense Molenaer, 1668 gestorben war, fehlt ihr Name. Über ihre Bilder heißt es dort anonym, sie stammten von der „Ehefrau des Verstorbenen“. Später schrieb man sie Molenaer oder Frans Hals zu. Doch nun steht Judith Leyster wieder im Rampenlicht. Und sie ist nicht die Einzige, der in der Ausstellung „Unvergesslich: Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600–1750“ im Museum der schönen Künste in Gent späte Gerechtigkeit widerfährt. Catrina Tieling etwa malte ländliche Szenen, sie hat kürzlich ein niederländischer Kunsthistoriker wiederentdeckt. Ihre Werke hielt man lange für die ihres Bruders Lodewijk, obwohl sie deutlich mit „CT“ signiert waren.
Die Kuratorinnen Virginia Treanor und Frederica Van Dam stellen eine einleuchtende These auf: Frauen waren damals in der Kunst keine Randfiguren, sie unterhielten eigene Werkstätten, hatten eigene Sammler. Sie sahen die Malerei nicht als Zeitvertreib, sondern als Beruf. Zeitgenössische Biografien belegen, dass sie hoch angesehen waren. Der Genter Katalog nennt 179 Künstlerinnen, die im 17. und 18. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen Niederlande und Nordbelgiens arbeiteten.
Jahrzehntelange Forschungen waren nötig, um die Geschichten dieser Frauen aus den Archiven ans Tageslicht zu bringen. An den vielen internationalen Leihgaben kann man erkennen, dass ihre Werke Eingang in die renommiertesten Sammlungen fanden. Sobald Institutionen gezielt nach Arbeiten von Frauen suchen, ist das verfügbare Material offenbar umfangreicher als bisher allgemein angenommen. Viele der über 40 Malerinnen in der Ausstellung wurden bereits zu Lebzeiten gefeiert. Stillleben von Maria van Oosterwijck, die nie geheiratet hatte, schmückten Palastwände in ganz Europa. In einer Vanitas-Allegorie von 1668 unterstrich sie ihre Autorschaft mit einem kleinen Selbstporträt, das sie in der Spiegelung auf einer Vase unterbrachte.
Johanna Koerten hatte sich auf filigrane Silhouetten-Schnittarbeiten spezialisiert. 1697 besuchte sie der russische Zar Peter I. in ihrem Haus in Amsterdam. Ein Werk, das sie für die Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches anfertigte, soll ihr mehr als das Doppelte dessen eingebracht haben, was Rembrandt für „Die Nachtwache“ erhielt. Viele Künstlerinnen aus dem Bürgertum traten in die Fußstapfen ihrer Väter oder Brüder, wie Maria Schalcken, die ihren illusionistischen Malstil bei ihrem Bruder Godefridus erlernte.
Als sich im 19. Jahrhundert Kunstgeschichte als eigenständige Disziplin etablierte, taten die damals fast ausschließlich männlichen Kunsthistoriker Künstlerinnen als Nachahmerinnen ab. Rachel Ruysch zum Beispiel verdiente mit ihren Blumenstillleben so gut, dass sie zehn Kinder großziehen konnte. Trotzdem galt sie den Gelehrten auf einmal nur noch als bessere Kopistin.
Ins Abseits verbannt wurden insbesondere die angewandten Künste, in denen Frauen brillierten, der Scherenschnitt, die Kalligrafie oder Spitzenklöppelei. Spitzenarbeiten erzielten im 17. Jahrhundert astronomische Preise, andere Frauen, die Fächer, Schleier, Schürzen oder Geschirr herstellten, wurden geringer entlohnt. Diese Künstlerinnen blieben anonym und signierten ihre Werke mit einem „X“. In Gent sind einige dieser Objekte zu sehen.
„Es ist wichtig, nicht nur die Malerei, sondern auch andere Disziplinen zu betrachten“, sagt Kuratorin Van Dam. „Indem wir bildende und angewandte Kunst zusammen präsentieren, erhalten wir einen besseren Überblick über den Anteil der Frauen am wirtschaftlichen Aufschwung jener Zeit.“ Insgesamt muss man sagen, dass ihre Situation damals uneinheitlich war. Selbst Angehörige der Elite mussten oft Hindernisse überwinden, Luise Hollandine etwa. Von königlichem Geblüt, verbrachte sie eine privilegierte Kindheit in Den Haag. Später entwickelte sie sich zu einer Porträtmalerin von Freunden und Mitgliedern ihrer Familie.
1657 schloss sie sich den Benediktinerinnen an und vermied es so, ihren Neffen heiraten zu müssen, wie es ihre Familie wünschte. Im Kloster wandte sie sich religiösen Genreszenen zu. Die Ausstellung zeigt Selbstporträts aus beiden Lebensabschnitten. In einem frühen stellt sie sich kühl und unnahbar dar, mit ihrem farbenfrohen Gewand und dem großen, mit Bändern geschmückten Hut. Später ist dieser Glanz verflogen: Hollandine posiert in einem schwarz-weißen Nonnenhabit.
Ein Abschnitt der Schau dokumentiert die Präsenz der Künstlerinnen in europäischen Sammlungen des 17. und 18. Jahrhunderts. Johanna Vergouwen aus Antwerpen fand einen Platz im globalen Handelsnetzwerk, indem sie Kopien flämischer Meister von Rubens bis van Dyck anfertigte. Diese wurden vor allem in die spanischen Kolonien exportiert.
Die in Frankfurt geborene Malerin und Insektenforscherin Maria Sibylla Merian arbeitete mit der Künstlerin Alida Withoos und der niederländischen Kunstsammlerin Agnes Block zusammen. Block war eine der ersten Europäerinnen, der es gelang, erfolgreich eine Ananas zu kultivieren (die dann Merian malte). Merian führte mit ihren Töchtern ein Familienunternehmen in Amsterdam, reiste in die niederländische Kolonie Surinam und fertigte Pflanzenbücher an. Sie war also auch eine Geschäftsfrau, die Wissenschaft und Kunst verband.
Merians Leben, das legt die eindrückliche Ausstellung nahe, war nicht ganz so ungewöhnlich, wie man lange dachte. Und es gab viele Frauen, die wie sie eigene Wege gingen. Aber nicht, weil sie gesellschaftliche Erwartungen über Bord warfen. Sondern weil sie beharrlich Widerstände überwanden und in ihrer Zeit uneingeschränkt akzeptierte Talente waren.
„Unvergesslich: Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600–1750“,
Museum der schönen Künste (MSK), Gent,
bis 31. Mai