Seit Generationen inspiriert Frida Kahlo nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern ganze Bürgerrechtsbewegungen. Eine Ausstellung in Houston zeigt ihr Werk und ihren Einfluss – das ist im Amerika von heute mutig
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15.01.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 249
Was sich alles an Frida Kahlos Selbstporträt von 1949 ablesen lässt: Die Künstlerin ist voller Schmerzen und Trauer, Tränen rollen über ihre Haut, und auf ihrer Stirn prangt wie das spirituelle dritte Auge der Erleuchtung das Gesicht von Diego Rivera, der großen Liebe ihres Lebens. „Ich hatte zwei schwere Unfälle in meinem Leben“, hat sie einmal gesagt. „Der erste war, als mich eine Straßenbahn überfahren hat, der andere war Diego.“ Ihr offenes Haupthaar verbindet sich auf dem Bild mit dessen Lockenschopf und schlingt sich wie eine Umarmung – oder wie ein Würgegriff? – um ihren Hals.
Ihre auffällige Gesichtsbehaarung trägt sie mit Stolz, die prominente Monobraue, die zu ihrem Markenzeichen wurde, ebenso wie den Damenbart. Es heißt, dass sie damit dem mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata gehuldigt habe, der für Bauern und Ureinwohnerinnen gekämpft hat. Frida Kahlo kultivierte mit ihren Outfits auch deren traditionelle Tracht. Der Kragen ihrer Tehuana-Bluse ist unter den schwungvollen Pinselstrichen der Haare zu erkennen. In blutroter Schreibschrift hat die Künstlerin den Werktitel festgehalten, „Diego y yó“, Diego und ich. Im Juni 1949 war sie 41 Jahre alt, und die Beziehung zu ihrem Mann war so turbulent und leidenschaftlich wie zu Beginn. 1929 hatte sie den zwanzig Jahre älteren, damals schon berühmten Künstler geheiratet, sich zehn Jahre später scheiden lassen und ihn im Jahr darauf erneut geheiratet. Als sie das Selbstbildnis malte, hatte er gerade wieder eine Affäre – mit einer Schauspielerin, einer Freundin von ihr. Dem Selbstporträt lässt sich ihr Liebeskummer ablesen. Doch die Ehe mit ihm, und auch die Freundschaft mit ihr, würden bis zu Kahlos Lebensende 1954 halten. Affären hatte auch sie, mit Männern und mit Frauen, das sahen sie und Diego meistens nicht so eng.
Was sich dem Bildnis nicht ablesen lässt: Frida Kahlo hat den Fokus ausnahmsweise so nah auf ihr Gesicht gelegt, dass es keinen Platz für Attribute gibt, die man sonst von ihr kennt, keine Affen, Papageien, Katzen oder Hunde, mit denen sie in der Casa Azul in Coyoacán lebte, heute einem Teil von Mexiko-Stadt. Auch zeigt sie sich hier ganz ohne Schmuck, der doch so eine wichtige Rolle in ihrer Selbstdarstellung spielt, seien es aufwendige Blumengebinde im Haar, archaische Steinketten, die sie selbst auffädelte, Korallen, die an Blutbahnen erinnern, gefasste Dollarmünzen, silberne Votivbilder oder Ohrringe aus der Schmuckwerkstatt ihrer Pforzheimer Verwandtschaft väterlicherseits. Sie war eine Trendsetterin in der Mode, trat auch mal in Männerkleidung auf, kombinierte Farben und Muster verschiedener Kulturen, vor allem der mexikanischen, doch von alldem hier: nichts. Ebenfalls ausgespart ist ihr Körper, der ihrem Leben so viele Schmerzen bereitete, seit sie an Kinderlähmung erkrankte und erst recht seit sie bei dem Straßenbahnunfall als Teenager von einer Stange durchbohrt wurde. In anderen Werken hat sie ihr Krankenbett, ihre zertrümmerte Wirbelsäule, medizinische Gerätschaften wie das orthopädische Stahlkorsett oder den Rollstuhl gemalt, auf den sie zeitweise angewiesen war. Auch ihre ungewollte Kinderlosigkeit und traumatische Fehlgeburten thematisierte sie in ihrer Malerei. Leben und Kunst sind bei Kahlo eng verwoben.