Jahrhundertwende

Auch wenn man die erstklassige Sammlung an Klimts und Schieles im Oberen Belvedere schon einmal besucht hat: Es wird sich gewiss etwas noch nicht Bekanntes finden, etwa die leicht verstörenden Porträts des Anton Romako aus dem 19. Jahrhundert oder die extrem grimassierenden »Charakterköpfe« des Barockbildhauers Franz Xaver Messerschmidt.

Inszenierung in einer Wiener Villa, um 1900 (Foto: IMAGNO/Sammlung Christian Brandstätter)
Das Photoinstitut Bonartes zeigt zurzeit Fotografien in exzentrischen Rahmen, darunter diese neckische Inszenierung in einer Wiener Villa, um 1900 (Foto: IMAGNO/Sammlung Christian Brandstätter)

Langsam, aber sicher könnte man nun zu dem vordringen, wofür die Kunst dieser Stadt bekannt ist, nämlich in die Zeit der Jahrhundertwende. Auch wenn man die erstklassige Sammlung an Klimts und Schieles im Oberen Belvedere, das – wie das Untere – im Auftrag des Prinzen Eugen vom Barockarchitekten Johann Lucas von Hildebrandt errichtet wurde, schon einmal besucht hat: Es wird sich gewiss etwas noch nicht Bekanntes finden, etwa die leicht verstörenden Porträts des Anton Romako aus dem 19. Jahrhundert oder die extrem grimassierenden »Charakterköpfe« des Barockbildrs Franz Xaver Messerschmidt. Und allein die barocke Anlage und der berühmte Canaletto-Blick lohnen den Besuch. Wer nun ein Mittagessen benötigt, dem sei der gutbürgerliche Gmoakeller am Heumarkt empfohlen; hier bekommt man klassische Wiener Küche. Das Schüttbild an der Stirnwand des hinteren Saals stammt übrigens von einem nicht besonders bekannten Künstler und nicht von Hermann Nitsch, auch wenn die Signatur Gegenteiliges behauptet. Diese dürfte einst ein angeheiterter Gast, offenbar mit Lippenstift, hinzugefügt haben.

Nun könnte man einen kleinen Verdauungsspaziergang im nahen Stadtpark einlegen. Dort stößt man auf Donald Judds Stage Set, eine große Outdoor- Skulptur: Sie entstand 1991 im Zuge einer Ausstellung im Museum für angewandte Kunst, wo Judd (wie etwa auch Jenny Holzer, Barbara Bloom oder Franz Graf) eine der zahlreichen Schausammlungen gestaltete. 1863 gegründet, war das Museum ursprünglich als Mustersammlung für Künstler und Handwerker gedacht. Es liegt gleich neben dem Stadtpark, und heute erkunden wir die Abteilung »Wien um 1900«: Formal reduzierte Teetassen von Josef Hoffmann, fein ornamentierte Möbel von Dagobert Peche und Dekorstoffe von Koloman Moser vermögen das Publikum jeder Generation in ihren Bann zu ziehen.

Wer nun noch immer Lust auf Kunst hat, der findet unweit von hier das kleine, feine Photoinstitut Bonartes: Unter der Leitung der einstigen Albertina-Fotokuratorin Monika Faber wird hier akribisch Fotografie von deren Anfängen bis in die 1930er-Jahre erforscht und in Ausstellungen, die sich ganz besonderen Fragestellungen widmen, präsentiert – derzeit sind dort unter dem Titel »Gerahmtes Gedächtnis« Fotografien in exzentrischen Bildrahmen, etwa aus Geweihen oder Hufeisen, zu besichtigen (Voranmeldung notwendig).
Zum Abschluss bietet sich ein Abend im Café Engländer an, das gern von der Kunstszene der Stadt besucht wird: Vom Studenten über den Starkünstler bis hin zur Museumsdirektorin trifft man sich hier allabendlich auf ein Achtel Wein oder ein Seidel Bier. Ein bisschen ist das Engländer wie ein Zeitloch: Irgendwie bleibt
man hier immer hängen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Heimreise am nächsten Tag nicht allzu früh startet.