Von der Jahrhunderthalle zum Nationalmuseum

Wieder nehmen wir die Straßenbahn, in östlicher Richtung, und fahren zur Hala Stulecia, zur Jahrhunderthalle, einem bombastischen Kuppelbau aus Stahlbeton, den der Architekt Max Berg 1911–13 zur Weltausstellung errichten ließ – das römische Pantheon mutet im Vergleich bescheiden an. Die Halle ist Teil eines wunderschönen Ensembles mit dem Scheitniger Park, der nahe gelegenen Werkbundsiedlung mit Bauten namhafter Bauhaus-Architekten und dem Caférestaurant Pergola. Rund 100 Meter in die Höhe reckt sich die Iglica, ein spitzer Metallturm, mit dem man 1948 den Sieg des Kommunismus und die „wiedergewonnenen“ Gebiete in Schlesien feierte. Vor einigen Monaten wurde der Vier-Kuppel-Pavillon von Hans Poelzig wiedereröffnet, der nun als Zweigstelle des Nationalmuseums die exquisite Sammlung polnischer Moderne und Gegenwartskunst präsentiert. Bis Januar 2017 sind dort auch ausgewählte Werke der Sammlung Marx aus dem Hamburger Bahnhof Berlin zu sehen.

Jan Dobkowskis
Jan Dobkowskis "Women on Fire, meaning Ecstasy" von 1967, zu sehen im Vier-Kuppel-Pavillon (Foto: The Four Domes Pavilion – The Branch of National Museum in Wrocław)

Mittags essen wir in einem weiteren Wunder aus Stahl­beton, der Markthalle (Hala Targowa) in der nördlichen Innenstadt. Unter den hohen parabolischen Trägern, die den Eindruck einer Industriekathedrale vermitteln, kann man in der Bar Karmazyn Piroggen und andere polnische Hausmannskost genießen. Danach geht es in die Galerie BWA in der ulica Wita Stwosza, wo derzeit ukrainische Künstlergruppen ein Bild der Kunstszene dieses unruhigen Landes vermitteln. Die BWA hat noch zwei weitere Galerien vor Ort, darunter eine nur für Gegenwartskunst aus Glas und Keramik. Beide Materialien haben in Schlesien reiche kunsthandwerkliche Tradition.
Nun stehen noch zwei Museen auf dem Programm: das sehr gute Architekturmuseum, das in einer mittelalter­lichen Benediktinerabtei untergebracht ist, und das nahe Nationalmuseum, das seit dem Umzug der zeitgenössischen Kunst in den Vier-Kuppel-Pavillon mehr Platz für seine schlesischen, polnischen und internationalen Meisterwerke hat. Besonders die mittelalterliche Sammlung lohnt den Besuch.

Die Betonrotunde mit dem Panorama von Racławice (Foto: Adam Dziura/Wikimedia)
Die Betonrotunde mit dem Panorama von Racławice (Foto: Adam Dziura/Wikimedia)

Wir beenden den Tag an einem Ort, der noch einmal die wechselvolle Geschichte Breslaus und ganz Polens bündelt: Das Panorama von Racławice, ein mehr als 100 Meter breites Gemälde, zeigt den Sieg der Polen über die Russen in der Schlacht von Racławice 1794. Das Bild entstand zum 100. Jahrestag der Schlacht und war jahrzehntelang in Lemberg ausgestellt, der Stadt, aus der viele Bewohner Breslaus stammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es nach Schlesien geschafft, aber man hielt es unter Verschluss, aus Angst, die mächtige Sowjetunion mit diesem kleinen Triumph der Polen zu vergrätzen. Seit 1985 ist es wieder in einer eigens dafür errichteten Rotunde zu sehen – und gehört als Monument nationaler Selbstvergewisserung zu den meistbesuchten Ausstellungen in Polen.