Bodensee 1. Tag

Entlang der Seepromenade

Stadt oder Landschaft, das ist die erste Frage, die jeder Besucher der Bodensee-Region für sich beantworten muss. Wählt man als Ausgangspunkt gleich die altehrwürdigen Mauern von Konstanz oder Lindau, oder lässt man Geschichte erst mal Geschichte sein und beginnt mit einem möglichst unverbauten, grünen Blick auf den See? Wir entscheiden uns für die Naturvariante und beziehen Quartier in Steckborn auf der Schweizer Seite. Das kleine, auf einer Halbinsel im westlichen Untersee liegende Landstädtchen strahlt eine angenehme Entspanntheit aus und verfügt über eine idyllische Seepromenade, die in baumbestandenen Wiesen endet.

Innenräume das Schlosses Arenenberg
Die aus napoleonischer Zeit stammenden Innenräume das Schlosses Arenenberg sind original erhalten geblieben (Foto: Helmuth Scham)

Von hier aus ist es nicht weit zum Schloss Arenenberg in Mannenbach-Salenstein. Auf einer Anhöhe gelegen, von der man einen grandiosen Blick auf die Insel Reichenau hat, ist es das schönste Schloss am Bodensee, umgeben von einem herrlichen, die Hänge emporkletternden Landschaftspark. Im 16. Jahrhundert erbaut, erwarb es 1817 Hortense de Beauharnais, Schwägerin Napoleons I. und Mutter von Napoleon III., dem letzten Kaiser der Franzosen. Der verbrachte hier unbeschwerte Kindheits- und Jugendjahre, während seine Mutter die verschlafene Region mit ihrem Pariser Glamour in den Bann zog. Die Originalausstattung der Salons aus dieser Zeit mit den farbenfrohen Tapeten und charmanten Empiremöbeln ist erhalten geblieben und vermittelt einen interessanten Einblick in die Lebensumstände der kaiserlichen Familie im Exil – von den geselligen Musik- und Spielzimmern bis zu den kargen Dachkammern der Zofen. Mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, bei Madame Hortense zum Tee eingeladen zu sein.

Vom benachbarten Ermatingen nehmen wir dann die Fähre, die von allen Verkehrsmitteln am Bodensee das empfehlenswerteste ist, und setzen über zur Insel Reichenau. Zugleich steigen wir einige Jahrhunderte tiefer in die Vergangenheit. Die »reiche Au« wurde 724 von dem Wanderbischof Pirmin entdeckt. Der war von ihrer Fruchtbarkeit und Schönheit so begeistert, dass er trotz der Menschenleere dort ein Benediktinerkloster errichtete. Heute ist die Insel mit Gewächshäusern gepflastert und hat so einiges von ihrem ursprünglichen Zauber einge­ büßt. Mit ihren frühromanischen Kirchenbauten, die wie St. Georg in Oberzell fantasti­sche Malereien aus dem 10. und 11. Jahrhundert beherbergen, zählt sie zum Weltkulturerbe. Doch Achtung! Wer die selte­nen Zeugnisse karolingischer Kunst im Original sehen möch­te, der sollte sich vorher über die wenigen öffentlichen Füh­rungen informieren. Aus Denk­malschutzgründen ist die Kirchentür von St. Georg nämlich meist verschlossen.

St. Georg in Oberzell auf der Insel Reichenau
St. Georg in Oberzell auf der Insel Reichenau ist ein architektonisches Denkmal der frühen Romanik (Foto: Privat)

Von Reichenau geht es mit der Fähre weiter nach Höri, noch einem wundervollen Fleckchen Erde, um dessen Name sich die nicht ganz ernst gemeinte Legende rankt, dass der liebe Gott nach der Erschaf­fung gesagt haben soll: »Das ist so schön, jetzt hör i auf.« Hier­ hin, nach Hemmenhofen, hatte sich der große Maler Otto Dix mit seiner Familie während der Nazizeit zurückgezogen und hier blieb er bis zu seinem Tod 1969. Die Familie bewohnte ein stattliches Haus in bester Hügellage, das heute ein kleines Museum ist. Der Besuch lohnt sich, auch wenn kaum Origina­le von Dix zu sehen sind. Aber die Aura seines Ateliers, die erhaltenen Wohnräume und der hervorragende Audioguide, auf dem sein Sohn Jan freimütig Auskunft über die Gepflogen­heiten der Familie gibt, machen diesen Mangel mehr als wett. Es fühlt sich an, als blättere man in einer dreidimensionalen Familienbiografie. Auch von Otto Dix ist übrigens ein Zitat über Höri überliefert. Er fand die Gegend »zum Kotzen schön«.

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