Potsdamer Straße

Auf der Potsdamer Straße kann man inzwischen edel neben Wühltischen und Wettbüros speisen. Von dieser bunten Mischung lassen sich auch die Galerien inspirieren. Manche findet man sofort, andere wollen entdeckt werden

Die Potsdamer Straße ist zur feinen Adresse geworden, das zeigen neue Läden wie der Flagship-Store des Modelables Acne oder das Restaurant Panama in einem kunstvoll rough gehaltenen Hinterhof. Dennoch bleibt die Gegend angenehm disparat, was eine Tour durch die Galerien rasch offenbart: Manche sind längst vielköpfige Unternehmen, andere nach wie vor ein Wohnzimmerprojekt.

Als ganz und gar unkommerziell verstehen sich seit Jahren die Kunstsaele in der Bülowstraße 90. Die Sammlerin Geraldine Michalke finanziert die großbürgerlichen Räume, in denen freie Kuratoren Ausstellungen nach eigenen Ideen gestalten – zum Gallery Weekend eine Soloschau der Berliner Malerin Friederike Feldmann. Ein Teil dieser Wohnung in der Beletage hat die Galerie Aanant & Zoo für ihre Künstler abgezwackt.
Ganz in der Nähe befindet sich die Dependance von Isabella Bortolozzi. Auf die Galerie selbst stößt man am Schöneberger Ufer 61, ihr Zweitraum Eden Eden aber liegt hinter den blinden Scheiben einer ehemaligen Apotheke, Bülowstraße 74. Hier geht es experimentell zu, Ende April ist der britische Designer Anthony Symonds mit seiner eigenwilligen Mode zu Gast. Auch Supportico Lopez, 2003 in Neapel als Projektraum gegründet, merkt man die informellen Wurzeln noch an. Wer in der kleinen Halle in der Kurfürstenstraße 14b ausstellt, ist häufig mehr ein Star der Kuratoren als Kunstmarktrakete. Die ausstellende Künstlerin Dara Friedman vereint allerdings beides und zeigt mit „Dancer“ eine gefilmte Tanzperformance. Die figurative Malerei von Van Hanos in der Galerie Tanya Leighton mutet dagegen fast klassisch an, obwohl die Sujets des New Yorkers ganz schön vertrackt sind.

Galerie Blain Southern: Jonas Burgert, „Nachtag“, 2016, Öl auf Leinwand, Courtesy the artist and Blain|Southern (Foto: Lepkowski Studios)
Galerie Blain Southern: Jonas Burgert, „Nachtag“, 2016, Öl auf Leinwand, Courtesy the artist and Blain|Southern (Foto: Lepkowski Studios)

Bei Tanja Wagner in der Pohlstraße 64 werden zum Weekend die Räume verzaubert. Die Künstlerin Kapwani Kiwanga arbeitet mit Interieur, Film und Licht – und oft erkennt man den Ort nach ihren Interventionen kaum wieder. Fremd wird sich in der Genthiner Straße 36 fühlen, wer hier früher einmal seine Einrichtung erstanden hat. Die Räume, in die Micky Schubert schon vor Längerem gezogen ist, dienten zuvor jahrzehntelang als Möbelhaus. Nun hängen hier zum Gallery Weekend Bilder von Marieta Chirulescu. Im selben Haus zeigt die Galerie Societé die grellen Videos der chinesischen Medienkünstlerin Lu Yang.
Von hier bis zur Galerie Aurel Scheibler am Schöneberger Ufer 71 ist es ein echter Zeitsprung, denn die Räume haben eine lange Geschichte: Sie dienten bereits Anfang der Dreißigerjahre den Brüdern und Kunsthändlern Nierendorf als Ausstellungsort. Scheibler zeigt mit Öyvind Fahlström einen Poeten der Pop-Art. Ein paar Meter weiter beherbergt Barbara Wien in ihrer Galerie (Schöneberger Ufer 65) die ebenso fragilen wie flüchtigen Skulpturen des Briten Ian Kiaer.
Mit einem Klassiker der Fotografie überrascht zum Weekend die Galerie Michael Janssen in der Potsdamer Straße 63. Kåre Kivijärvi, Jahrgang 1938, ist in Norwegen ein großer Name, hat hierzulande aber noch Entdeckerpotenzial. Fotografie vom Feinsten gibt es überdies nebenan bei Loock mit der Ausstellung „Frauen. Und in Farbe“. Gezeigt werden in einer gemeinschaftlichen Ausstellung mit der Galerie Kicken und den Reinbeckhallen in Oberschöneweide die wunderbaren Berlinporträts der 2010 verstorbenen Sibylle Bergemann.

Hinterhöfe und Hallen

Auch der Berliner Maler Jonas Burgert schafft Bildnisse. Seine sind jedoch eher unheimlich bis apokalyptisch, wie seine Soloschau Ende April in der Galerie Blain Southern unmissverständlich zeigt. Eines der Gemälde entfaltet auf zwanzig Metern ein Panorama – wie gut, dass sich die Galerie vor Jahren die große Halle der ehemaligen Druckerei auf dem Tagesspiegel-Gelände gesichert hat.
Im Hinterhof der Potsdamer Straße 77–78 tummeln sich gleich mehrere spannende Protagonisten der Berliner Kunstszene. Die Galerie Jarmuschek + Partner ist ebenso vertreten wie Akim Monet, der regelmäßig Ausstellungen mit Bronzen von Auguste Rodin kuratiert. Die Galeristen Thomas Fischer und Torsten Reiter komplettieren das Programm. Etwas versteckt logiert Plan B, in deren Räumen zum Gallery Weekend Iulia Nistor ausstellt. Die junge, in Nürnberg lebende Künstlerin installiert ihre Malerei bevorzugt im Raum.
Vom Hinterhof geht’s zurück auf die Straße. Mehr und mehr Läden eröffnen hier, die Kunst zieht derweil in die oberen Etagen oder wie Esther Schipper ganz unters Dach: Ihre neue Halle in der Potsdamer Straße 81e steht Ende April erstmals allen offen. Auch die Galerie Guido Baudach residiert im zweiten Stock der Potsdamer Straße 85: Mit Jürgen Klaukes fotografischen Porträts aus den Siebzigerjahren tritt Ende April ein Pionier der androgynen Selbstinszenierung auf. Ein gutes Beispiel für das wachsende gastronomische Angebot ist das Sticks’ n’ Sushi im selben Haus. Es bietet japanische Küche mit nordischem Einschlag im individuellen Ambiente. Einen Katzensprung davon entfernt zeigt Arratia Beer in der Potsdamer Straße 87 die minimalen Objekte von Fernanda Fragateiro. Ein kleiner Coup ist Kurator Florian Schmid geglückt, der in seiner Wohnzimmergalerie FS.Art (Potsdamer Straße 102) am 28. April eine Ausstellung mit dem Biennale-Künstler Herman de Vries eröffnet. Schräg gegenüber präsentiert zur selben Zeit die amerikanische Konzeptkünstlerin Kay Rosen bei Helga Klosterfelde Edition, Potsdamer Straße 97, ihre farbigen Wortbilder. Wen es nach diesem langen Spaziergang an einen entspannten Ort zieht, der biegt am besten zielstrebig in die Pohlstraße 75 zur Weinbar Les Climats ab.

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Helga Maria Klosterfelde Edition: Kay Rosen, „Short Stories“, 1993/2017, Drucke auf Papier (Courtesy & Foto: the artist and H.M. Klosterfelde Edition)
Helga Maria Klosterfelde Edition: Kay Rosen, „Short Stories“, 1993/2017, Drucke auf Papier (Courtesy & Foto: the artist and H.M. Klosterfelde Edition)