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Ballsaal, Fabrik und Klassenzimmer: Zwischen Torstraße und Museumsinsel haben sich seit der Wende einige der bedeutendsten Galerien der Stadt angesiedelt. Ein abwechslungsreicher Rundgang durch kleine und große Institutionen

Die schrägste Freitreppe Berlins ist unser Ausgangspunkt: Arno Brandlhuber hat sie an der Brunnenstraße Nr. 9 in den Hof gesetzt. Um zu  KOW zu kommen, geht es über diese Treppe in den ersten Stock und von da wieder ins Tiefparterre. Hier wird zum Gallery Weekend das anrührende Projekt „Love ­Story“ der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz gezeigt, eine Videoinstallation, in der Flüchtlinge und Hollywood-Schauspieler zu Wort kommen. Wir überqueren den Rosenthaler Platz und biegen rechts in die Linienstraße ein. Die Galerie Gerhardsen ­Gerner (Nr. 85), die auch in Oslo operiert, zeigt ab Ende April neue Bilder von Markus Oehlen. Mit wilder Malerei und fotografierten Kordeln erforscht er das verschlungene Universum der Linie. Erstklassige Fotografie vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart ist das Metier von Kicken Berlin auf der Linienstr. 161a, wo Sibylle Bergemanns melancholische Ansicht der Auguststraße von 1967 zu sehen ist. Eine Fabrikremise in einem romantischen Backsteinhinterhof auf der Linienstraße 155 beherbergt die Galerie Neugerriemschneider. „Laboratorium für die Feststellung des Offensicht­lichen“ heißt die Schau mit ­großen, poppigen Bildern auf Aluminium aus dem Nachlass des früh ­verstorbenen Michel Majerus (bis 26. August). Auf der Linienstraße 119 hat sich die Galerie Neu ihren White Cube im Heizhaus eines ­Plattenbau-Karrees eingerichtet – ein perfekter Rahmen für Andreas Slominski, den Meister des Absurden, der ab Ende April hier einen Auftritt hat.

Die Galerie KOW in der Brunnenstraße (Foto: Clemens Vogel)
Die Galerie KOW in der Brunnenstraße (Foto: Clemens Vogel)

Ein besonderer Kunstballungsraum ist die Auguststraße:  Das  KW Institute for Contemporary Art vertieft sich in seinem ausgehöhlten Altbau mit Ian Wilson bis 14. Mai in das ästhetische Potenzial gesprochener Sprache. Kontrastprogramm herrscht nebenan: Im Me Collectors Room sind Kokosnusspokale und ein ausgestopftes Krokodil in Thomas Olbrichts Kunst- und Wunderkammer zu Hause. Außerdem erwartet Sie bis 27. August das gesamte Editionswerk des überbordenden Genies Sigmar Polke. Auch schräg gegenüber, in der Jüdischen Mädchenschule, kann man den Künstler ent­decken: Seit einigen Monaten unterhält das Museum Frieder Burda hier den kleinen, aber feinen Salon Berlin, der eine Art Schaufenster nach Baden-Baden ist – derzeit mit Blick auf die große Polke-Ausstellung dort, ergänzt um Werke von Alicja Kwade (bis 17. Juni). Ein Stockwerk weiter oben nutzt die Michael Fuchs Galerie die ehemaligen Klassenzimmer und inszeniert zum Gallery Weekend eine künstlerische Hommage an die Schauspielerin Isabelle Huppert. Eigen + Art, die Galerie von Neo Rauch, die auch ein Lab auf der Torstraße und eine Galerie in der Leipziger Baumwollspinnerei unterhält, zeigt zum Gallery Weekend Neues von dem Konzept­künstler Olaf Nicolai, die Schau läuft bis Ende Mai. Gegenüber hat im März die junge Galerie Pugliese Levi mit einer Ausstellung von Drip-Paintings der dänischen Malerin Maibritt Ulvedal Bjelke eröffnet (bis 3. Juni). Die Galerie Deschler konfrontiert Werke von Klassikern mit Zeitgenossen, etwa George Grosz und Xenia Hausner, Rainer Fetting und Sven Marquardt (21.4.–1.7.). Auf der Auguststraße 50b liegt die  Salongalerie „Die Möwe“, die in ihrem Programm gerne in die Kunstgeschichte anderer Epochen zurückgreift: Nach einer Ausstellung zum 150-jährigen Jubiläum des Vereins der Berliner Künstlerinnen folgt zum Gallery Weekend eine Schau zum Thema Sommer.

Die verwunschene Kunststiftung Poll findet man in ­ei­ner alten Musikschule, Gips­straße 3. Seit mehr als dreißig ­Jahren setzt sie sich speziell für figurative Künstler ein. Immer wieder kann man hier Talente abseits des Kanons entdecken, zum Beispiel Malerei des Ber­liner Künstlers Peter Herrmann, Jahrgang 1937, einen bemer­kenswerten Weggefährten von A. R. Penck. Ab Ende April wird die Sophienstraße Nr. 1 die neue Adresse der  Galerie ­Crone sein, die Kreuzberg den Rücken kehrt und nun hier, neben einem Standort in Wien, ihre Künstler wie Norbert Bisky und Carsten Fock prä­sentiert. Wer sich jetzt stärken will, dem sei direkt um die Ecke das deutsch-österreichische Wein­lokal Cordobar empfohlen. Der Name erinnert an den ­WM-Erfolg Österreichs gegen Deutschland 1978 in Argen­tinien. Eingelegte Vanilleto­maten und Blutwurstpizza ­klingen seltsam, sind aber gut.

Lichtkunst und Monumentalmalerei

Unbedingt sehenswert ist die 1968 begonnene, großar­tige  Sammlung Hoffmann mit ­Werken von Gerhard Richter bis Pipilotti Rist – nach Voran­meldung ist der Besuch an ­Samstagen zu Hause bei Erika Hoffmann in den Sophie-Gips-Höfen möglich. Zu den internationalen Schwergewichten zählt die auch in London und Los Angeles operierende  Galerie Sprüth Magers in der Oranienburger Straße 18 am Monbijou-Park. Auf zwei Stockwerken, zu denen auch ein ehemaliger Ballsaal gehört, starten zum Gallery Weekend gleich drei Ausstel­lungen: „Light Ballet“ des verstorbenen Zero-Künstlers Otto ­Piene spielt mit der Poesie und Bewegung von Licht und Schatten; Lucy Dodd, geboren 1981 in New York, installiert „Lake in the Sky“, und es gibt Neues von der jungen Schweizerin Pamela Rosenkranz zu sehen.

Jetzt flanieren wir an der Spree entlang und über die majestätische Museumsinsel. Nur noch bis zum Sommer hat das von David Chipperfield erbaute Galerienhaus am Kupfergraben Nr. 10 geöffnet. Die Bauherren Heiner und Celine Bastian haben es in einer großen mäzenatischen Geste der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geschenkt, die es für pädagogische Programme nutzen will. Noch bis Mitte Mai ist in der Galerie Bastian die neue Monumentalmalerei von Anselm Kiefer zu bestaunen, der die Ölfarbe so üppig auf die Leinwand schmettert, dass sich ein tiefes Relief ergibt.   Contemporary Fine Arts – die neue Adresse in Charlottenburg ist schon eingeweiht – zeigt als letzte Aus­stellung am Kupfergraben bis 27. Mai Katja Strunz, die in Werken wie „Hollow Face Illu­sion“, 2017, mit Humor und Hintersinn ihre Recherchen zur nahe gelegenen Schlossbauhütte verarbeitet.  

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Michel Majerus in der Galerie Neugerriemschneider in der Linienstraße
Michel Majerus in der Galerie Neugerriemschneider in der Linienstraße