Kreuzberg

Pack die Zimtschnecke ein, du Hipster! Trotz verwahrloster Parks und steigender Mieten ist Kreuzberg bei vielen Galeristen als Standort sehr beliebt – auch weil die Räume hier so divers sind wie die Visionen der ausgestellten Künstler

 

In der Anatomie Kreuzbergs ist der Oranienplatz ein absonderliches Hybridorgan, irgendwo angesiedelt zwischen flirrendem Herzen und verrauchter Lunge. Bäume und Gras gibt es irgendwie schon, aber der Status als Gartendenkmal – einst angelegt von Peter Joseph Lenné – wirkt doch übermotiviert vergeben: Am Oranienplatz geben die Autos noch mal Gas, bevor sie im Stau der benachbarten Kneipenmeile enden. Türkische Rentner genießen auf Bänken die Vormittagssonne, während an den Rändern des Platzes eifrig die Gentrifizierung werkelt.

Wer keine Angst vor Hipstern hat, stärkt sich für den Spaziergang mit Kaffee und Zimtschnecken im Ora. Reizvollster Hingucker in dieser Kaffeebar, sind der hölzerne Tresen und die dunklen Wandregale, die man vor zwei Jahren direkt vom Vorbesitzer übernahm: der 1860 eröffneten Oranien-Apotheke.

Anschließend überqueren wir das südliche Ende des Platzes gen Westen, biegen vor dem Kino fsk mit seinem Programm internationaler Arthaus-Filme nach rechts und erreichen dann links in der Oranienstraße 161 die gemeinnützige daadgalerie des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes. Hier beschäftigt sich ab 21. April der libanesische Künstler Rayyane Tabet mit den Ausgrabungen Max von Oppenheims am Tell Halaf.

 

Die Tschechin Eva Kot’átková zeigt Arbeiten wie „Bird cage / Caged birds“ (2016) bei Meyer Riegger in der Friedrichstraße. (Foto: Courtesy the artist and Meyer Riegger)
Die Tschechin Eva Kot’átková zeigt Arbeiten wie „Bird cage / Caged birds“ (2016) bei Meyer Riegger in der Friedrichstraße. (Foto: Courtesy the artist and Meyer Riegger)

Als Nächstes besuchen wir drei »jüngere« Galerien (zwischen sechs und zehn Jahre alt) nahe dem Oranienplatz: Schon länger auf einem Hinterhof in der Prinzessinenstraße 29 zu finden sind die Galerien Klemm’s und Soy Capitán – beide im Werkstatt-White-Cube-Ambiente. Bei Klemm’s lässt zum Gallery Weekend die Künstlerin Viktoria Binschtok eigenes Fotomaterial vom Internet-Suchmaschinen-Algorithmus neu kompilieren. Soy Capitán setzt dagegen ab 28. April mit Grace Weaver auf eine junge Malereiposition.

Weiter geht’s um die Ecke in die Ritterstraße 2A zur Galerie ChertLüdde, die 2016 ins Hochparterre eines Mietshauses gezogen ist. Hier kann es sportlich anspruchsvoll werden: Manche der Galerieräume lassen sich nur über eine steile Kellerleiter erreichen. Die Engländerin Kasia Fudakowski bespielt zum Gallery Weekend den Parcours.

Entlang der Ritterstraße passieren wir Hochhaussiedlungen, die zu den ärmsten Gegenden Berlins gehören. Gerade die Armen sind von den rasant steigenden Mieten in Kreuzberg betroffen. Einer, dem man den Vorwurf der Gentrifizierung nicht machen darf, ist Johann König. Der Galerist hat mit der Kirche St. Agnes ein Muster-beispiel des Brutalismus gerettet: In ihrer Betonkathedrale präsentiert die König Galerie zum Gallery Weekend Möbelskulpturen von Michaela Meise und als Überraschungsneuzugang Anselm Reyle.

An der Berlinischen Galerie vorbei, die mit einer Einzelausstellung von John Bock lockt, geht es nun zur Lindenstraße 34/35: Ein stattlicher Bau beherbergt hier gleich mehrere Galerien, darunter Nordenhake, Konrad Fischer und Żak/Branicka. Zehn Jahre hat Monika Branicka ihre Räume hier und feiert das ab 28. April mit einer Schau des Installationskünstlers Robert Kusmirowski, die die Geschichte des Galeriehauses reflektiert. Ohne Jubiläumsanlass zeigen Claes Nordenhake und die Konrad Fischer Galerie mit Spencer Finch beziehungsweise Edith Dekyndt zwei Positionen, die Minimalismus mit moderaten Farbeinsprengseln mischen.

Zeitgenössische Kunst im Zeitungsviertel

Wir laufen die Lindenstraße hinab weiter hinein ins alte Berliner Zeitungsviertel, von dem die Weltkriegsbomben wenig übrig gelassen haben. Und die Neubauten erreichen selten die ästhetische Brillanz von Daniel Libeskinds Jüdischem Museum. In der Friedrichstraße 17 beherbergt eines der schönsten erhaltenen Gründerzeitgebäude die Galerie von Daniel Marzona. Dort ist zum Gallery Weekend mit dem Bildhauer Bernd Lohaus (1940–2010) eine historische Position zwischen Minimalismus und Arte Povera zu entdecken. Zeitgleich präsentiert gegenüber (Friedrichstraße 235) die Galerie Meyer Riegger mit Eva Kot’átková die künstlerische Antipodin: Die zarten Arbeiten der 35-jährigen Tschechin bestechen durch hintersinnigen Humor.

An der südwestlichen Ecke des kleinen Besselparks baut die linke Zeitung taz gerade ein neues Redaktionsgebäude, das natürlich bei der Energieeffizienz Schlagzeilen machen soll. Wir queren das glanzlose Grün des Parks, um in den umgenutzten Lagerhallen der Markgrafenstraße zwei wohletablierte Galerien aufzusuchen. Unter der Hausnummer 68 finden wir Barbara Thumm. Zum Gallery Weekend heben hier bunte, von Op-Art bis Pop-Art inspirierte Werke der 82-jährigen Peruanerin Teresa Burga die Laune und stimmen gut ein auf die schrägen Skulpturen von Thomas Schütte, die uns hinter der Tür mit der Nummer 67 bei carlier/gebauer erwarten.

Gute vier Kilometer bilanziert der Schrittzähler mittlerweile. Um Zahlen geht es auch bei Tatsuo Miyajima, der kleine elektrische Leuchtziffern in technisch-minimalistische Wandobjekte integriert. Die Buchmann Galerie (Charlottenstraße 13) zeigt den Japaner ab 28. April. Wer noch Kraft hat, kann drei Blocks nördlich in der Galerie Thomas Schulte (Hausnummer 24) die neuesten Einfälle des Raumkünstlers Michael Müller entdecken.

Unser Rundgang endet am Galeriehaus in der Rudi-Dutschke-Straße 26, das in letzter Zeit einige Abgänge (Crone, Veneklasen/Werner) verkraften musste. Noch vor Ort sind Isabella Czarnowska sowie Alexander Levy. Der junge Galerist zeigt ab 28. April Fabian Knecht, einen Aktionskünstler, der schon mal einen Stein ins Fenster von Marcel Duchamps Geburtshaus warf. Die Kreuzberger Urbevölkerung nennt so was Nostalgie. 

Weiter zur Potsdamer Straße

Die König Galerie hat die Kirche St. Agnes in der Alexandrinenstraße bezogen – ein Meisterwerk des architektonischen Brutalismus. (Foto: Ludger Paffrath/Courtesy König Galerie)
Die König Galerie hat die Kirche St. Agnes in der Alexandrinenstraße bezogen – ein Meisterwerk des architektonischen Brutalismus. (Foto: Ludger Paffrath/Courtesy König Galerie)