Karl-Marx-Allee

Ost-Berlins Paradestraße ist ein Paradies für Architekturfans. Zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor gibt es auch viel Raum für Kunst – was sich einige der spannendsten Galerien der Stadt zunutze machen

Zugegeben, diese Tour verlangt dem Flaneur einiges ab. Die Karl-Marx-Allee in all ihrer staatstragenden Pracht wurde nun mal mehr für Panzer und Paraden denn für den kleinen Menschen angelegt. Doch der Weg auf den bombastisch breiten Fußwegen lohnt sich nicht allein wegen der historisch hochbedeutenden Architektur im Zuckerbäckerstil der Stalin-Ära, sondern auch weil die großzügigen Bauten viel Spielraum für die Kunst eröffnen.

Wir starten etwas abseits der eigentlichen Route auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, wo es rund um die Volksbühne ein ganzes Bündel an Galerien gibt. An der Stirnseite des dreieckigen Platzes liegt  Dittrich & Schlechtriem, die Anfang des Jahres von der Tucholskystraße hergezogen sind und zum Gallery Weekend Dorian Gaudin zeigen. Die Galerie BQ eröffnet zeitgleich mit Matti Braun, Kimmerich präsentiert die Malerin Ellen Gronemeyer.  Nagel Draxler bespielt zwei Räume auf dem Platz mit den Wachsbildern des jungen Amerikaners JPW3 und mit Werken von Heimo Zobernig , den die Galerie schon seit Kölner Zeiten begleitet. Die fünften im Bunde am Rosa-Luxemburg-Platz sind Delmes & Zander, die ebenfalls in Köln und Berlin zu Hause sind und sich auf Outsider Art spezialisiert haben. Ab Ende April kann man hier in die seltsamen Welten des Brasilianers Jesuis Crystiano  eintauchen.

Jesuis Crystiano (ohne Titel, 2012) bei Delmes & Zander (Courtesy Delmes & Zander, Berlin + Cologne)
Jesuis Crystiano (ohne Titel, 2012) bei Delmes & Zander (Courtesy Delmes & Zander, Berlin + Cologne)

Der nächste Anlaufpunkt liegt auf der Karl-Liebknecht-Straße und ist etwas für Eingeweihte, denn dass sich im Hochhaus des Berliner Verlags eine international agierende Galerie verbirgt, erkennt man erst bei genauem Blick auf die Namensschilder. In ihren schlichten Räumen im vierten Stock zeigen Kraupa-Tuskany Zeidler eine große Videoinstallation der Pekinger Künstlerin Guan Xiao.

Ostblock-Chic und renommierte Galerien

Danach geht es auf die Karl-Marx-Allee, und auf einmal ist alles groß und weit. Wir passieren zunächst das Haus des Lehrers mit dem farbenfrohen Mosaikfries Walter Womackas. Kurz vor dem Café Moskau und dem Kosmetiksalon Babette, wo man abends Bier und Cocktails trinken kann, kreuzen wir die breite Straße. Neben dem schönen Kino International, einst Defa-Premierenkino, liegt ein lichter Pavillon, der in sozialistischen Zeiten „Kunst im Heim“ hieß und heute in puncto zeitgenössische Kunst eine der renommiertesten Galerien der Stadt beherbergt:  Capitain Petzel. Zum Gallery Weekend zeigen die Kölnerin Gisela Capitain und ihr New Yorker Partner Friedrich Petzel die Malerin Charline von Heyl.

Wer schon fußmüde ist, kann eine Station mit der U-Bahn fahren, aber er verpasst die herrliche Aussicht des herannahenden  Strausberger Platzes mit seiner Fontäne, ein architektonisches Glanzstück, das sich (leider vergeblich) um die Anerkennung als Unesco-Welterbe bewarb. Direkt am Platz, bei der Hausnummer 8, bespielt Wagner + Partner die Räume des ehemaligen DDR-Interflug-Reisebüros und präsentiert ab Ende April die surrealen Gemälde des Reutlinger Malers Eckart Hahn. Am Strausberger Platz kann man sich mit original Ostblock-Chic eindecken, Central Berlin bietet Schreibtische aus Hellerau und hübsche Vasen aus der ČSSR, freitags finden in den Räumen launige Liederabende statt.

Die Architektur Galerie auf der Karl-Marx-Allee (Foto: Silke Helmerdig)
Die Architektur Galerie auf der Karl-Marx-Allee (Foto: Silke Helmerdig)

Weiter geht es gen Osten, vorbei an Arbeitsbekleidungsgeschäften und einem Tierbestatter, bis irgendwann zwei schöne Offerten für eine Verschnaufpause auftauchen: das traditionsreiche Café Sibylle, das eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Karl-Marx-Allee zeigt, und auf der gegenüberliegenden Seite das Fachgeschäft Fotopioniere, wo man nicht nur Bilder printen und rahmen ­lassen kann, sondern auf dem Trottoir selbst gebackenen Kuchen serviert bekommt. Gestärkt besuchen wir die Räumlichkeiten von Peres Projects, die direkt neben der ehemaligen Karl-Marx-Buchhandlung liegen, in die sich der Verlag Sternberg Press eingemietet hat. Zum Gallery Weekend zeigt Peres Projects die von der amerikanischen Folk Art inspirierten Abstraktionen des Kanadiers Brent Wadden.

Wir passieren die Straße der Pariser Kommune und betreten den östlichsten Abschnitt des Ensembles Karl-Marx-Allee. Auf der rechten Straßenseite fällt der Blick auf die große Fensterfront der  Architektur Galerie. Seit 16. März ist hier eine Installation des französischen Architekten Jacques Ferrier zu sehen, der sich von den Farbwelten Claude Monets inspirieren lässt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lädt das Computerspielemuseum zu einer Zeitreise in frühe Pixelwelten ein. Um zum Ende der Karl-Marx-Allee zu gelangen, kann man erneut mit der U-Bahn abkürzen, doch die Großartigkeit des Ensembles erfasst man am besten zu Fuß. Außerdem verpasst man sonst die Galerie Kuchling, die den katalanischen Maler Eduard Bigas präsentiert. In den Kuppeltürmen am Frankfurter Tor gibt es auch Kunst zu entdecken, die städtische  Galerie im Turm zeigt junge Berliner Positionen. Wer danach Lust hat, durchs wilde Friedrichshain zu streunen, sollte bei der Galerie der Berliner Graphikpresse in der Silvio-Meier-Straße vorbeischauen, die ostdeutsche Papierarbeiten von den 1950ern bis heute im Angebot hat.  

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Die Galerie Capitain Petzel auf der Karl-Marx-Allee; Foto: courtesy Capitain Petzel
Die Galerie Capitain Petzel auf der Karl-Marx-Allee (Foto: courtesy Capitain Petzel)