Ulrike Theusner

Ein Tag wie gemalt

Im idyllischen Weimar schafft Ulrike Theusner ihre weltweit gefragten Bilder. Per Fahrrad waren wir mit ihr in der Stadt unterwegs, zu Brunnen, Arabesken und Goethes Gartenhaus

Von Lisa Zeitz
11.09.2025
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 244

Treffpunkt am Residenzschloss, Löwenportal. Die Künstlerin Ulrike Theusner kommt mit ihrem Hollandrad den Burgplatz heruntergerollt, ihr Seidentuch flattert im Wind. Zuletzt haben wir uns auf einer Vernissage in Berlin gesehen. Was für ein Glück, dass wir überhaupt einen Termin gefunden haben: Sie ist oft auf Reisen, war kürzlich beim Aufbau ihrer Ausstellungen in Seoul und in Bonn und wird sich in ein paar Tagen auf den Weg nach Basel machen, dann weiter nach Italien und Bad Gastein. Doch heute sind wir in Weimar. Hier ist sie aufgewachsen, hier lebt sie, hier wollen wir gemeinsam mit dem Fahrrad durch den Park an der Ilm, zu ihrem Atelier und zum Schloss Belvedere.

Das Residenzschloss ist wegen umfassender Arbeiten noch für Jahre geschlossen, aber wir haben uns angemeldet und dürfen die schon restaurierten Dichterzimmer besichtigen. „Es riecht schon so historisch“, sagt die Künstlerin, als im Coudray’schen Treppenhaus der kalkig-kühle Schlossgeruch auf unsere Nasen trifft. Seit ihrer Schulzeit war Theusner nicht mehr hier. Durch den mit rotem Samt bespannten Audienzsaal geht es in die Goethegalerie, das größte der Dichterzimmer. Auftraggeberin dieser Zimmerausstattung war die Großherzogin Maria Pawlowna, russische Zarentochter und damit Spross einer der mächtigsten und reichsten Familien Europas, die durch ihre Heirat mit dem Erbprinzen Carl Friedrich in das kleine, verarmte Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gekommen war. Sie prägte Weimar als große Förderin der Künste. Die Dichterzimmer, die sie zwischen 1835, drei Jahre nach Goethes Tod, und 1848 als Gedächtnisort für Wieland, Herder, Goethe und Schiller anlegen ließ, gelten als erstes Denkmal der Weimarer Klassik überhaupt.

Die Künstlerin zeigt Lisa Zeitz das klassizistische Achteckzimmer im Residenzschloss.
Die Künstlerin zeigt Lisa Zeitz das klassizistische Achteckzimmer im Residenzschloss. © Foto: Nora Klein

Die Goethegalerie entwarf der damals schon berühmte preußische Hofarchitekt Karl Friedrich Schinkel. Die Einteilung der Wandflächen, die Szenen aus Goethes Dramen und Gedichten vor pompejanischem Dunkelrot, die Einbeziehung römischer Sarkophagreliefs, all das sind Elemente einer Antikenbegeisterung, die sich hier zu einem klassizistischen Gesamtkunstwerk zusammenfügen. Viele Kunstschaffende waren an ihrer Entstehung beteiligt, darunter auch mindestens eine Künstlerin. Die Bildhauerin und Medailleurin Angelica Facius hat die aufwendigen Bronzetüren mit figürlichen Reliefs versehen und Goethes Porträtmedaillon über der Tür geschaffen.

Die Fülle der Szenen ist überwältigend: „Faust I“ und „Faust II“, „Iphigenie“, „Götz von Berlichingen“, „Die Leiden des jungen Werther“ und „Der Zauberlehrling“ – schon Maria Pawlownas Zeitgenossen waren überfordert. Für sie lagen damals Papptafeln mit Erklärungen bereit. Wir haben dafür den neuen „Dehio“ und das 144 Seiten starke Buch „Dichterzimmer“ der Klassik Stiftung Weimar dabei. Ihm ist zu entnehmen, dass Schinkel die halbrund gewölbte Decke in Anspielung an ein Velarium entwarf, ein vom Wind aufgeblähtes Sonnensegel.

Wir legen die Köpfe in den Nacken, um die kleinen Tondi an der Decke zu studieren. „Ich liebe Putten!“, sagt Theusner. Sie begegnen einem auch in ihrer Kunst hin und wieder. Hier an der Decke zielen die kleinen Engel mit verschiedenen Gegenständen auf Goethes viele Interessen ab: Glaskugel und Regenbogen als Symbole für die Farbenlehre, der Jupiterkopf für seine Antikenleidenschaft, der Hammer für die Mineralogie, der Schädel für seine Erforschung der 67 Knochen. Ein Blumen pflückender Putto spielt auf Goethes Beobachtungen der Metamorphose der Pflanzen an.

Das kleine Wielandzimmer mit seiner leuchtend roten Wandfarbe zieht uns magisch an. „Vorsicht, bitte nicht auf die Perlmuttsterne treten!“, werden wir ermahnt, denn das Parkett mit seinen Einlegearbeiten ist in diesem Zimmer besonders kostbar. Christoph Martin Wieland – seine Büste ist eine Kopie nach Johann Gottfried Schadow – ist an dem Hauskäppchen zu erkennen, das er als älterer Herr trug. Sein romantisches Epos „Oberon“ von 1780 ist für die Dekoration der Wände tonangebend.

Die Geschichte des Elfenkönigs, von Shakespeare im „Sommernachtstraum“ und von Herder und Goethe in Balladen aufgegriffen, ist hier überall präsent. Oberon und Titania tauchen auch in den rahmenden Grotesken auf. Um sie im Detail zu betrachten, treten wir näher heran. Grotesk: Wir kommen auf den Ursprung dieses Wortes zu sprechen. Während der Renaissance wurden antike Wandbemalungen in römischen Palästen entdeckt, die damals, unter dem Schutt der Zeit begraben, wie Grotten wirkten. Seitdem bezeichnet man diese Art der Ornamentik als Grotesken. „Aus der Grotte erwachsende, surreale Merkwürdigkeiten“ – Theusner lässt sich die Worte auf der Zunge zergehen: Die unlogischen Geflechte aus Pflanzen, Fabelwesen, Vasen oder Masken sind ganz nach ihrem Geschmack.

Im 18. Jahrhundert erlebte diese Art der Dekoration, die auch Arabesken genannt wird, durch die Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum einen großen Aufschwung. Goethe kannte sie von seiner Italienreise. Dessen Schrift „Von Arabesken“ veröffentlichte Christoph Martin Wieland im Teutschen Merkur: „Fröhlichkeit, Leichtsinn, Lust zum Schmuck“, schrieb Goethe, „scheinen die Arabesken erfunden und verbreitet zu haben, und in diesem Sinn mag man sie gerne zulassen, besonders wenn sie (…) der besseren Kunst gleichsam zum Rahmen dienen.“

Ulrike Theusner, „Green Moon II“, 2025.
Ulrike Theusners Arbeit „Green Moon II“ von 2025 ist noch bis zum 25. Oktober in der Galerie EIGEN + ART in Berlin zu sehen. © Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Selbst wenn die Bilder in den zentralen Wandfeldern die „bessere Kunst“ sein sollten, Theusner und ich begeistern uns besonders für die rahmenden Motive, in denen Vernunft und Schwerkraft ausgeschaltet sind und Körper, Pflanzen und Tiere verspielt ineinandergreifen. Überhaupt, sagt die Künstlerin, sei sie ein großer Fan von Ornamentik. Sie hat für ein Jahr Architektur studiert: „Da habe ich immer richtig schön rumgeschnörkelt, inspiriert vom Barock, aber auch von der Klassik, bestimmt auch von den alten Gemäuern hier.“ Dieses Kapitel ihres Studiums an der Weimarer Bauhaus-Universität bringt sie zum Lachen. „Das war alles viel zu viel! Wir mussten reduzierter und moderner arbeiten. Das mit der Architektur ging daher nicht lang gut, und ich habe umgesattelt auf Kunst, da konnte ich mich richtig ausschnörkeln.“

Ausschnörkeln kann man sich auch in der Kunstgeschichte, allein schon bei den Künstlerbiografien der Dichterzimmer. Zum Beispiel bei der von Carl Alexander Simon, der die Arabesken rund um den Elfenkönig entwarf. Aus einem Motiv ergibt sich das nächste: Unten lagert eine Figur, von Amors Pfeil getroffen, aus ihr erwachsen Blumenstängel und Blüten, darüber kriecht eine Raupe, und ein Nackedei hält einen leeren Kokon, über dem ein Falter schwebt. So scheinbar unberechenbar die Darstellungen sind, so war auch das Leben dieses Künstlers, der wie Ulrike Theusner in Frankfurt an der Oder geboren ist, er 1805, sie 1982. Seine Studienzeit führte ihn nach Berlin und München, dann ging es nach Rom, Neapel, Weimar und Stuttgart, wo eine Hungersnot ausbrach und er beim sogenannten Brotkrawall des Landes verwiesen wurde. 1848 wanderte er enttäuscht von der Revolution nach Chile aus und kam im Kampf mit Ureinwohnern ums Leben. Wenn das keine Arabeske ist.

Im Schillerzimmer prangen Verse aus Schillers „Huldigung der Künste“, die der Dichter 1804, ein halbes Jahr vor seinem Tod, der jungen Maria Pawlowna widmete: „Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke, frei schwing’ ich mich durch alle Räume fort. Mein unermesslich Reich ist der Gedanke, und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort.“ Mit diesen Zeilen verlassen wir das Schloss. „Die Grotesken der Dichterzimmer wirken durch die Schlossmauern durch“, sagt Theusner, als sie ihr Fahrrad aufschließt. Ist das die Erklärung für die Masken und Putti in ihren Bildwelten? Auf dem Katalog ihrer Ausstellung „Schattenseiten“, die bis 17. August im August Macke Haus in Bonn läuft, leuchtet auf dem Cover ihr geheimnisvolles „Selbstporträt mit Maske“.

Unser geflügelt Werkzeug ist heute das Fahrrad, und ich muss mir erst noch eins ausleihen. Das lässt sich unkompliziert am Markt erledigen, wo Theusner übrigens ganz oben in einem der alten Stadthäuser wohnt. In der Tourismusinformation bekomme ich für 18 Euro Tagesgebühr einen Schlüssel, abholen kann ich mir das Rad gegenüber auf dem Parkplatz des Hotels Elephant. In diesem Gasthaus tafelten einst unsere Dichter Wieland, Herder, Schiller und Goethe, später auch Richard Wagner, Walter Gropius, Oskar Schlemmer und viele andere. Trotzdem wurde das alte Hotel in den Dreißigerjahren abgerissen, um einem Neubau Platz zu machen. „Das ist der ‚Führerbalkon‘“, sagt Theusner und weist nach oben, „den sehe ich immer von meinem Fenster aus.“ Vierzigmal war Hitler hier zu Gast. Thomas Mann hat hier auch gewohnt, als er 1955 zur Schillerwoche zu Besuch kam. Und Theusner hat Künstlerfreunde, die diese spezielle Suite gemietet haben, um sich auf dem Balkon zu betrinken und dem Ort den Teufel auszutreiben. Wie zu diesem Zweck geschaffen wirkt auch die Wurstbude mit einer riesigen „Thüringer“ auf dem Dach.

Ein Gemälde von Ulrike Theusner
Ulrike Theusners Arbeit „Looking back“ von 2025 ist noch bis zum 25. Oktober in der Galerie EIGEN + ART in Berlin zu sehen. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Am nahe gelegenen Frauenplan bestellen wir bei der Brotklappe, Theusners Lieblingsbäckerei, Kaffee und ein Stück Zitronenbaisertorte. Jeden Morgen – oder sagen wir lieber, am Vormittag, denn sie ist eigentlich ein Nachtmensch – holt die Künstlerin sich hier auf dem Weg ins Atelier ihr Frühstück. Es ist warm, wir sitzen an einem der Tische draußen und haben den Frauenplan im Blick, an dem ein paar Häuser weiter Goethe fünfzig Jahre lang gelebt hat. Nach ihm ist in Weimar besonders viel benannt, siehe „Goethes Schokolädchen“ gleich gegenüber. Noch vor ein paar Jahren warteten hier für die Touristen Pferdekutschen, jetzt sind sie aus Gründen des Tierschutzes verschwunden. Stattdessen gibt es sogenannte E-Kutschen mit zehn PS in betont historischer Aufmachung. Vorne sitzt immer noch ein Kutscher mit Zylinder, ohne Peitsche und Zügel, aber mit Lenkrad in den Händen.

Wollen wir weiter? „Nor“, sagt Theusner, das ist Thüringisch für „ja“. Also steigen wir auf unsere Räder und fahren zum Historischen Friedhof. „Auf diesem Friedhof liegt alles, was Rang und Namen hat“, erklärt sie, „Geheimräte und ihre Köche, die Crème de la Crème von Weimar.“ Wir schieben die Räder auf der Allee zur Fürstengruft. Dieses klassizistische Mausoleum wurde im Auftrag von Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach errichtet. Dahinter ragen die Zwiebeltürme der später für seine Schwiegertochter Maria Pawlowna erbauten russisch-orthodoxen Kapelle auf. „Sie haben für sie sogar extra russische Erde nach Weimar gebracht.“

In der Fürstengruft stehen seit 1832 die Särge von Goethe und Schiller neben denen der Herzogsfamilie. Schillers Sarg ist jedoch leer. Als er 1805 starb, wurde er ohne großes Aufsehen begraben. Zwanzig Jahre später sollte er einen würdigeren Begräbnisort bekommen, aber es war nicht mehr möglich, sein Skelett zu identifizieren. Goethe, so heißt es, ließ sich rund zwei Dutzend Totenköpfe in sein Zimmer tragen, um die Schädelformen mit Schillers Totenmaske zu vergleichen. Der ebenmäßigste, der noch alle Zähne hatte, wurde ausgewählt. Ein Jahr lang soll Goethe den vermeintlichen Schiller-Schädel auf seinem Tisch behalten haben. „So einen Totenkopf von einem guten Freund auf den Schreibtisch stellen“, sagt Theusner, „so etwas würde ich auch machen, ich bin ja so morbide.“ Im 21. Jahrhundert haben Analysen ergeben, dass die Knochen, die schließlich in der Fürstengruft beigesetzt wurden, nicht von Schiller stammten, sondern von lauter anderen Menschen.

Wie gemalt biegen sich die hohen Gräser auf dem Friedhof. Auf die Frage, ob Weimar auch als Motiv in ihrer Kunst auftaucht, schüttelt sie allerdings den Kopf. „Hier ist es einfach zu hübsch. Ich brauche eher so einen ollen New Yorker Hinterhof, ich brauche Inspiration aus Großstädten. Wenn Weimar als Motiv, dann Bäume.“ Wir bleiben neben einer uralten Eiche stehen und blinzeln nach oben.

Die Fahrradtour durch den Park an der Ilm mit Ulrike Theusner und Lisa Zeitz
Die Fahrradtour durch den Park an der Ilm. © Foto: Nora Klein

Als sie in Weimar in der ersten Klasse war, gab es die DDR noch. Die Künstlerin erzählt, dass sie sogar gerade noch bei den Jungpionieren war. Zur Demonstration führt sie zackig militärisch die Hand zur Stirn: „Ich melde, die Klasse 1a ist vollständig zum Unterricht bereit.“ Nach der Schule studierte sie für drei Jahre an der École des Beaux-Arts in Nizza, bevor sie ihr Kunststudium an der Bauhaus-Universität abschloss. Sie arbeitete als Fotomodell in New York, lebte in Leipzig und Berlin und verlegte ihren Lebensmittelpunkt dann wieder nach Weimar. Ihr Studio hat sie seit Jahren gleich gegenüber der Fürstengruft. „Erbaut 1904 und damit das älteste Atelierhaus in Deutschland“, glaubt sie. Es gehört der Stadt, sie muss nur 350 Euro Miete zahlen. Im Treppenhaus hängen Ausstellungsplakate der Künstlerinnen und Künstler, die hier arbeiten. Im Keller gibt es eine historische Druckwerkstatt, die noch funktioniert. Ihr Atelier liegt unter dem Dach. Tageslicht fällt von oben und von drei Seiten auf ihre Bilder in verschiedenen Stadien der Vollendung und auf eine wohlgeordnete Fülle von Papierrollen, Leinwänden, Mappen, Stiften, Pinseln, Acrylkreiden und anderen Künstlermaterialien, daneben ein Trampolin, ein Sofa zum Hineinversinken, ein Kühlschrank – »Cremant?« –, Dosen von Ölsardinen, auf die sie manchmal einfach Lust hat, und dickblättrige Topfpflanzen.

Theusners Stil lebt von ihren vielen, einzeln sichtbaren, schillernden bunten Strichen. So erhält ihre Malerei einen zeichnerischen Charakter, und es entsteht ein flirrender, flüchtiger, bisweilen nervöser Eindruck. Mit ihren fluiden Konturen wirken die Menschen verletzlich und manchmal geisterhaft, aber auch den Bäumen scheint die Vergänglichkeit eingeschrieben. Als Untergrund nutzt sie für ihre großen Werke „die dünnste Leinwand, die es überhaupt gibt, sie ist fast wie Papier“. Die Farben trägt sie mit einer ganz individuellen Mischtechnik auf. „Erst einmal Acryl, dann Pastell, und dann mache ich mit Öl daran herum.“ Auf einem Bild hat sie einen Wald gemalt, den sie in Südkorea gesehen hat, als kürzlich in der Foundry Seoul ihre Ausstellung „Sweet Bird of Youth“ stattfand. „Gerade weil Seoul so eine riesige Stadt ist, habe ich automatisch Ruhepole gesucht, wie ich es auch in Weimar tue. In Manhattan gehe ich in den Central Park, in Brooklyn in den Prospect Park. Ich brauche die Natur.“

Ulrike Theusner
Ulrike Theusner, „Passagiere der Nacht“, 2025. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Einige der Pastellzeichnungen und Monotypien, an denen sie gerade arbeitet, werden ab September zur Berlin Art Week in ihrer Ausstellung „Passagiere der Nacht“ in der Galerie Eigen & Art zu sehen sein. Zu diesem Titel passen die androgynen Wesen, die auf der Wand gegenüber auftauchen. Eine Barfrau mixt ihren Cocktail mit „anxiety, vanity und ein paar anderen unangenehmen Zutaten, die das Leben würzig machen“. Die Barfrau hat Theusner im legendären New Yorker Hotel Chelsea fotografiert. „Da hängen die Fashion-Leute ab.“ Als es noch nicht renoviert war, hat sie dort einige Partys erlebt. „Da war es aber noch so richtig trashig“, erzählt sie. Sie geht weiter zum nächsten Bild: „Das ist Taylor, ein Freund aus New York. Ich habe ihm hier eine kleine krepelige Katze dazugegeben.“ Krepelig? „Ein bisschen sperrig, wie Taylor selbst“ Er habe eine ähnliche Weltsicht, deshalb zeichne sie ihn so oft, denn das sei fast wie ein Selbstporträt.

„Leute kommen in Großstädte, um ihrem Traum hinterherzujagen, sich abzulenken, sich kennenzulernen, sich zu entgehen. In einer kleineren Stadt dagegen ist man mit sich selbst konfrontiert.“ Theusner braucht für ihre Porträts immer eine Geschichte. Die findet sie in den Metropolen, „wo die Erwartungen der Leute mit der Realität zusammenprallen, wo Träume zerbrechen.“ Sie sauge alles auf wie ein Schwamm, „und wenn ich dann vollgesogen bin, muss ich nach Weimar. Da kommen nach und nach die Bilder heraus.“ Hier „im auratischen Weimar“ sei sie in einem Schwebezustand.

Der 50 Hektar große Park an der Ilm ist mit dem Fahrrad nur ein paar Minuten entfernt. Goethe war 1776 in das Gartenhaus eingezogen, das uns die Richtung vorgibt. Wenige Jahre später ließ er die Felsentreppe anlegen, das Luisenkloster wurde zum Borkenhäuschen umgebaut, und bis 1828 entstand ein einmaliger Landschaftspark. Der Holunder blüht, der Duft frisch gemähter Wiesen liegt in der Luft, und die Vögel zwitschern so herzig, dass wir am liebsten einstimmen würden. So war es wohl auch zu Goethes Zeiten. Nicht ganz: Uns kommt ein Gärtner entgegen, der mit seiner Fernbedienung einen Rasenmäher in den Maßen eines Kleinwagens lenkt.

Wir halten am Römischen Haus, das in den 1790er-Jahren am südwestlichen Steilufer der Ilm unter künstlerischer Leitung Goethes als Sommerhaus für Herzog Carl August entstand. Es ist das erste rein klassizistische Bauwerk in Weimar. Die Innenausstattung mit ihrer Wandmalerei bekommen wir heute nicht zu sehen – dienstags geschlossen–, aber es ist gerade sowieso am schönsten unter freiem Himmel. Da der Bau am Steilhang steht, ist er zum Tal hin zweigeschossig. Unten wirken die gedrungenen dorischen Säulen herrlich archaisch. Von dem römisch anmutenden Becken ergibt sich – natürlich kein Zufall – eine malerische Blickachse zu Goethes Gartenhaus. Im Wasser haben sich grüne Algen gebildet, zwischen denen eine Münze golden schimmert. Theusner krempelt ihren Ärmel hoch und greift danach, aber es ist doch nur ein kupfernes Centstück. „Hoffentlich habe ich jetzt niemandem den Wunsch verdorben“, sagt sie und wirft es wieder ins Wasser.

Auf dem Weg zu Goethes Gartenhaus weist sie auf eine Stelle hin, wo Leute gerne nackt in der Ilm baden. „Das haben Goethe und Carl August auch gemacht!“ Hinter seinem Haus, das sein erster eigener Wohnsitz in Weimar war und heute ein zauberhaftes Museum ist, blühen im Garten dunkelrote Rosen, die blaue Jungfer im Grünen, rosa Mohn und gerade noch die letzten weißen Pfingstrosen. Theusner zeigt mir einen alten Baum, auf dem sie schon als Kind herumgeklettert ist, und sie macht ein Foto von einer klassizistischen Gartenbank, „für einen Freund, der Bänke sammelt“. Eine große Steinkugel lagert auf einem Sockel. Das sei „der Stein des guten Glücks“, sagt sie. Goethe hat ihn als Altar für die griechische Schicksalsgöttin Agathe Tyche aufgestellt.

Sie will mir noch weitere Perlen zeigen, und so nehmen wir den Corona-Schröter-Weg, auf dem Fahrradfahren durch den Park erlaubt ist, nach Norden zur Sphinxgrotte. Davor sprudelt in einem steingefassten Gewässer, Ochsenauge genannt, eine eiskalte Quelle. Wir ziehen die Schuhe aus und waten japsend eine Runde über die Kiesel. „Dreimal hinein und barfuß über die Wiese, dann wird man uralt, das wusste auch Goethe“, ist Theusner überzeugt, aber mir ist es zu kalt. Zu ihren weiteren Lieblingsstellen im Park zählt das Denkmal für William Shakespeare: „richtig sexy“. Sie geht nah heran, um den Totenkopf zu seinen Füßen zu inspizieren. Jemand hat künstliche Blumen darauf abgelegt. Shakespeares Werke hat Wieland ins Deutsche übersetzt, Goethe brachte sie als Weimarer Theaterdirektor zur Aufführung.

Arbeiten von Ulrike Theusner
In den Metropolen der Welt lässt Ulrike Theusner sich inspirieren, doch zum Malen kommt sie in ihr Weimarer Atelier: links ihr New Yorker Freund Taylor, rechts eine Barfrau im Hotel Chelsea. © Foto: Nora Klein

Zum Abschluss des Tages ist das vier Kilometer weiter südlich gelegene Schloss Belvedere mit seiner Orangerie unser Ziel. Auf dem Weg zeigt Theusner mir die alte „Schaukelbrücke“ über die Ilm, die ihrem Namen alle Ehre macht, und wir kommen am Stadion vorbei, wo sie als Jugendliche Hochsprung geübt hat. Weiter bergauf halten wir an der Belvederer Allee leicht verschwitzt am Haus Hohe Pappeln, das der belgische Jugendstilkünstler und Architekt Henry van de Velde Anfang des 20. Jahrhunderts für sich erbauen ließ.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum barocken Lustschloss Belvedere mit seinen prunkvollen Räumen. Allein wegen der Außenbereiche des Ensembles mit Orangerie, Irrgarten und einem weiten Blick von der Anhöhe lohnt sich der Ausflug. Aus einem Seitengebäude des Schlosses, das von der Franz-Liszt-Musikhochschule genutzt wird, tönt die Stimme eines Tenors durch die offenen Fenster. Ein paar Schritte weiter quaken Frösche im Schwanenteich.

Im Orangeriehof ist eine ganze Parade von Pflanzkübeln mit Palmen, Bitterorangen, Agaven und Feigen aufgereiht und verbreitet südliches Flair. Auch sie erinnern an Goethe und Carl August. Beide waren leidenschaftliche Botaniker und kultivierten hier in der Orangerie Tausende Pflanzen aus aller Welt, sogar Kaffeebäume. Wir saugen die Eindrücke auf und schwingen uns wieder auf die Räder. Dann lassen wir die Belvederer Allee und den ganzen Tag an uns vorbeirauschen, die abendliche Sommerluft, den Duft von Holunder und Heu. Ich habe Glück, es fängt erst an zu regnen, als ich schon fast wieder am Bahnhof bin.

Service

AUSSTELLUNG

„Passagiere der Nacht“

Galerie EIGEN + ART Berlin

Eröffnung: Donnerstag, 11. September, 18 – 22 Uhr

bis 25. Oktober 2025

Führungen der Künstlerin durch die Ausstellung:
Freitag, 12. September, 17 Uhr
Samstag, 13. September, 14 Uhr

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