Synagoge Reichenbachstraße

„Dieses Haus erzählt viel Geschichte“

Nach langer Restaurierung wurde die Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße neu eröffnet. Zu verdanken ist dies vor allem Rachel Salamander. Wir sprachen mit ihr über das Bauhaus, jüdisches Leben nach 1945 und eine ungewisse Zukunft

Von Simone Sondermann
16.09.2025

Frau Salamander, Sie haben sich jetzt fast 15 Jahre der Restaurierung der Synagoge in der Reichenbachstraße gewidmet. Wie kam es überhaupt zu dem Projekt?

Im Hof hinter der Synagoge gab es damals ein Bestattungsinstitut. Ich hatte dort eine Beerdigung zu organisieren und kam deshalb seit Längerem mal wieder an der leer stehenden Synagoge vorbei. Ich schaute von außen durch die Fenster und erschrak über ihren schlechten Zustand. Das war im Jahr 2011.

Warum war der Bau in diesem Zustand?

Seit 2006 in München die neue Hauptsynagoge Ohel Jakob eingeweiht wurde, am Jakobsplatz, wo sich auch das Jüdische Museum befindet, war die Synagoge ungenutzt. Aber ich finde, wir können als Nachgeborene der zweiten Generation nicht dauernd die Zerstörung durch die Nazis beklagen und sehenden Auges eines der interessantesten Gotteshäuser verfallen lassen. Diese Verantwortung auf mich zu nehmen war für mich unvermeidlich.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe bereits auf dem Rückweg von dem Beerdigungsinstitut beschlossen, einen Verein zur Rettung der Synagoge zu gründen. Danach habe ich schnell einige Leute aus meinem Umfeld gefragt, ob sie mitmachen, vor allem Rechtsanwalt Ron C. Jakubowicz, der von Beginn an mein Stellvertreter im Verein wurde. Gemeinsam sind wir zur Präsidentin gegangen …

… Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Genau, denn die Synagoge ist Eigentum der Gemeinde. Wir haben ihr das Projekt vorgestellt. Sie sagte nur: Eine noble Idee, machen Sie. Dann habe ich gemacht. So ging es los.

Der Innenraum der Synagoge Reichenbachstraße erstrahlt in neuem Glanz
Der Innenraum der wiedereröffneten Synagoge Reichenbachstraße erstrahlt in neuem Glanz. © Foto: Thomas Dashuber

Was hat Sie angetrieben, so ein großes Bauprojekt zu übernehmen? Sie haben mit Ihrer Literaturhandlung doch schon ein Lebenswerk geschaffen.

Ich hatte damals keine Ahnung, was das bedeutet. Gut, dass man nicht immer weiß, was auf einen zukommt, sonst würden viele Aktivitäten und Initiativen nicht zustande kommen! Dieses Gotteshaus erzählt viel Geschichte. Die galt es zu bewahren. Meine Arbeit ist schon mein Leben lang vor allem Rekonstruktionsarbeit. Das war mit der Literatur nicht anders. Als ich 1982 die Literaturhandlung gründete, ging es darum, die hier verjagten und ermordeten Dichter und Denkerinnen wieder einzubürgern, sie wieder in die deutsche Literatur zurückzuholen. Und auch meine journalistische Arbeit war immer ein Stück Rekonstruktion dessen, was zerstört worden war.

Welche Geschichten, die Sie rekonstruieren möchten, erzählt diese Synagoge?

Dieses Haus wurde 1931 gebaut, als letzter Sakralbau vor der Machtübernahme der Nazis. Und er ist der einzig stehen gebliebene Bau des Münchner Vorkriegsjudentums. Es gibt sonst in der Stadt keine sichtbaren Zeichen der jüdischen Geschichte. Außer den Friedhöfen natürlich. Außerdem ist sie die erste Synagoge, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eingeweiht wurde. Das sind Stationen, Schichten von Geschichte, die wiedererweckt werden müssen. Das treibt mich an.

Wer hat den Bau damals beauftragt, zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis?

In der Isarvorstadt lebten damals viele Ostjuden, wie sie sich selbst nannten, die vor den Pogromen und dem Antisemitismus in Osteuropa geflohen waren. Sie haben in München Zuflucht gesucht und sich hier eine Zukunft vorgestellt. Sie waren religiös, sprachen Jiddisch und pflegten ihre traditionelle Kultur. Rund um den Gärtnerplatz war so jüdisches Leben entstanden, Kleinhandel, Handwerkerbetriebe, Turnvereine, Kindergärten und so weiter. Es waren diese noch nicht ins Bürgertum aufgestiegenen Leute, die diese Synagoge bauten. Sie entstand nach der Weltwirtschaftskrise in einer Zeit der Bedrängnis, mit geringen finanziellen Mitteln. Es gab ja auch die große Hauptsynagoge an der Herzog-Max- Straße, mit 1800 Plätzen. Die dortige Gemeinde war bürgerlicher, dorthin gingen die, die auf dem Weg waren, sich zu assimilieren.

Der Thoraschrein mit einem original Bauhaus-Stoff aus dem Nachlass von Gunta Stölzl.
Der Thoraschrein mit einem original Bauhaus-Stoff aus dem Nachlass von Gunta Stölzl. © Thomas Dashuber/Gunta Stölzl/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Wer war der verantwortliche Architekt für die neue Synagoge?

Den Auftrag erhielt der junge Architekt Gustav Meyerstein. Er hat die Synagoge im Stil des Bauhaus und der Neuen Sachlichkeit entworfen. Durch die Schlichtheit des Baus und der Ausstattung kam seine Farbgebung, die jetzt wieder sichtbar ist, besonders gut zur Geltung, der bernsteinfarbene Marmor um den Thoraschrein, das Türkisblau der Wände und das pompejanische Rot im Foyer.

Was hat Gustav Meyerstein sonst noch gebaut?

Er hat die Zeichen der Zeit erkannt und ist 1933 nach Tel Aviv emigriert. Dort wirkte er am Bau der Weißen Stadt mit, hat vor allem Gewerkschaftsbauten im Bauhaus-Stil entworfen und auch einige Denkmäler.

In der nun neu eröffneten Synagoge hat noch eine weitere Bauhäuslerin ihre Spuren hinterlassen, Gunta Stölzl. Von ihr stammt der Stoff am Thoraschrein. Wie kam es dazu?

Im Bauhaus wurden ja auch moderne religiöse Gegenstände produziert, ein wunderschöner Chanukka-Leuchter etwa. Ich habe mich gefragt, ob wir der restaurierten Synagoge neben der Lichtinstallation im Foyer nicht noch etwas Neues hinzugeben sollten. Mir kam der Vorhang am Thoraschrein in den Sinn. Ich habe mich dann an den Bauhaus-Experten Christoph Wagner gewandt und ihn gefragt, ob es nicht rituell-jüdische Bauhaus-Stoffe gegeben hat, die wir nachweben könnten. Er hat recherchiert und mich mit Ariel Aloni zusammengebracht, dem Enkel der Bauhaus-Weberin Gunta Stölzl

… die als Meisterin die Weberei-Klasse am Bauhaus geleitet hat.

Ariel Aloni war dann vergangenen Spätsommer in München, ich habe ihm die Synagoge gezeigt, und er war total begeistert. Er sagte mir, er besitze noch einige wenige Stoffe seiner Großmutter, er würde uns davon geeignete schenken. Und so kommt nun eine Bauhaus-Künstlerin aus München in eine Bauhaus-Synagoge, Gunta Stölzl hat ja in jungen Jahren an der Münchner Kunstakademie studiert und ging danach mit 25, glaube ich, erst nach Weimar und dann nach Dessau.

Gab es eine Verbindung von Gunta Stölzl zur Synagoge? Sie war ja selbst keine Jüdin.

Nicht direkt, aber sie war in ihrer Bauhaus-Zeit mit dem Architekten Arieh Sharon verheiratet, der 1931 nach Palästina ging und einer der bedeutendsten Architekten Israels wurde. Sie selbst emigrierte 1936 mit der gemeinsamen Tochter in die Schweiz, sie wollte keinen Fuß mehr nach Deutschland setzen. Ich gehe davon aus, dass Arieh Sharon und Gustav Meyerstein sich gekannt haben, vielleicht schon in Deutschland oder später in Tel Aviv.

Was geschah mit den Münchner Synagogen in der Zeit des Nationalsozialismus?

Die Hauptsynagoge wurde schon im Juni 1938 abgerissen, also noch vor der Pogromnacht. Hitler war auf einer Veranstaltung nebenan und hatte den ganzen Abend die Synagoge vor der Nase, da beschloss er: Die muss abgerissen werden. Die offizielle Begründung war Verkehrsbehinderung. In der Synagoge in der Reichenbachstraße wurde in der Pogromnacht im November 1938 Feuer gelegt, aber die beengte Situation im Hinterhof und mit den Nachbarhäusern nebenan haben das Abbrennen verhindert. Die Gefahr des Übergreifens des Feuers war zu groß. Die Feuerwehr kam sofort und löschte, aber der Innenraum wurde komplett zerstört. Sie wurde dann im Krieg eine Kfz-Werkstatt.

Wie kann man sich das jüdische Leben in München direkt nach dem Krieg, nach dem Holocaust vorstellen?

Die Gemeinde in München hat sich bereits im Juli 1945 wieder gegründet. Im Jahr 1947 wurde die Synagoge in der Reichenbachstraße wieder eingeweiht, sie war die einzige in München, die noch stand. Zumindest die Mauern und Fundamente. Die Leute, die hierherkamen und zur neuen Gemeinde gehörten, waren zum größten Teil überlebende Juden aus Osteuropa, sogenannte Displaced Persons, DPs, und sahen Deutschland eigentlich nur als Durchgangsstation. Sie hatten nicht die Absicht, hier zu bleiben. Es sind 90 Prozent von diesen DPs weitergewandert, nur zehn Prozent von ihnen blieben. In der Zeit zwischen 1946 und 1948 lebten zwischenzeitlich ungefähr 250 000 überlebende Juden in Deutschland, was ja sehr viel ist. Vor dem Krieg lebten 500 000 Juden in diesem Land.

Und diese Gemeinde aus Holocaust-Überlebenden hat die Synagoge genutzt.

Ja, sie haben sie provisorisch instand gesetzt. Die meisten von ihnen hatten vorher keine Berührung mit der deutschen Kultur gehabt und wollten sich nach dem Holocaust erst recht nicht auf sie einlassen. Sie war ein Minenfeld und vollkommen diskreditiert. Die Überlebenden, die hier gebetet haben, kannten weder den Architekten, noch wussten sie etwas vom Bauhaus, sie hatten mit der deutschen Kultur nichts im Sinn. Es war nicht ihre Geschichte, und wenn, dann war es eine verhängnisvolle Geschichte. Bei der Instandsetzung standen keine ästhetischen Fragen im Vordergrund. Die Menschen hatten damals in ihrer Not­ andere Sorgen.

Bei den Pogromen 1938 wurde die Synagoge in der Reichenbachstraße innen zerstört
Bei den Pogromen 1938 wurde die Synagoge innen zerstört, danach zweckenfremdete man sie als Kfz-Werkstatt. © Bayerische Staatsbibliothek

Wie ist Ihre persönliche Geschichte mit dem Haus? Sie sind als Tochter von Holocaust-Überlebenden in einem Lager für Displaced Persons geboren und aufgewachsen. Waren Sie schon als Kind in der Synagoge?

Das DP-Lager in Föhrenwald lag außerhalb von München und hatte eine eigene Synagoge. Unsere Familie kam erst im Herbst 1956 nach München. Da am Schabbat nicht gefahren werden darf, besaß jedes Viertel eine fußläufig zu erreichende Betstube. Wir lebten in Neuhausen, sodass mein Vater in die Neuhauser Betstube ging, aber mein Bruder und ich sind als Jugendliche oft in die Reichenbachstraße gewandert, weil wir hier unsere Freunde treffen konnten. Später, als mein Vater nicht mehr lebte, war das dann unsere Synagoge. Ich hatte hier meinen festen Platz auf der Frauenempore.

Wie haben Sie die Atmosphäre in der Gemeinde nach dem Krieg erlebt?

Das Gotteshaus in der Reichenbachstraße war die Synagoge des Münchner Nachkriegsjudentums und ihrer Kinder. Hier begründeten diese Menschen wieder ihr religiös-jüdisches Leben. Hier wurden Bar-Mizwas und Hochzeiten gefeiert. Hier wurde aber auch getrauert. Unvergesslich, wie beim Totengebet, dem Jiskor, das dem Seelenheil Verstorbener gilt, das ganze Bethaus von einem Schluchzen erfasst wurde. Nach Auschwitz hat sich dieses Gebet geändert, es wurde um das Gedenken an die von den Nazis Ermordeten erweitert. Und jeder dieser Überlebenden hatte ja jemanden zu beklagen. Dieses Haus erzählt davon.

Nachdem Sie beschlossen hatten, die Synagoge in der Reichenbachstraße zu restaurieren: Welche Hürden mussten Sie überwinden?

Es gab viele Hindernisse zu überwinden, bürokratische, aber auch der Denkmalschutz war ein Problem. Dort hat man lange darauf bestanden, dass wir die Synagoge wieder in den Zustand von 1947 versetzen. Das muss man sich mal vorstellen! Wir wissen über die Synagoge von ’47 sehr viel weniger als über den ursprünglichen Zustand von 1931. Nachdem wir durch jahrelange Recherche nachweisen konnten, was wir alles über den Originalzustand der frühen Dreißigerjahre wissen, über die Farben, die Lampen, die Türen, die Fenster, hat der Denkmalschutz ein Einsehen gehabt. Vor etwa fünf Jahren ging es dann richtig los.

Die Frauenempore in der Synagoge Reichenbachstraße
Schmuckstück der Frauenempore sind heute die neusachlichen Bleiglasfenster, für angenehme Helligkeit sorgt die neue Lichtdecke. © Foto: Thomas Dashuber

Wer hat die Restaurierung finanziert?

Der Bund, der Freistaat Bayern und die Stadt München. Durch die ganzen Verzögerungen wurde es natürlich teurer, wir sind jetzt bei einem Gesamtvolumen von 14 Millionen Euro. Der Verein musste einen Eigenanteil von zehn Prozent aufbringen. Eigentlich hätte die Synagoge längst restituiert werden müssen, sie wurde ja von Nazis zerstört. Aber wo kein Kläger, da kein Richter. Erst jetzt, mit der Sanierung, hat die Synagoge eine Präsenz im öffentlichen Bewusstsein erhalten.

Wie soll die Synagoge künftig genutzt werden?

Das steht noch nicht ganz fest. Wir mussten zur Förderung durch die öffentliche Hand ein Nutzungskonzept vorlegen. Priorität hat das Haus als Synagoge. Das war ihre Bestimmung 1931. Sie ist ritusfähig originalgetreu wiederhergestellt. Wunsch der Fördergeber war zudem ihre öffentliche Zugänglichkeit, also in Form von Veranstaltungen, die zu diesem Haus passen, Konzerte mit kantoralen Gesängen oder Führungen. Von Anfang an bestand das Konzept, dass Schulklassen in der Synagoge über jüdische Geschichte und Kultur informiert werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass der schöne und moderne Rahmen besonders auch junge Leute anspricht. Außerdem habe ich einen jüdischen Rundgang konzipiert, ausgehend von der Synagoge hier in der Reichenbachstraße zu Fuß durch das Gärtnerplatzviertel hinüber zur neuen Synagoge Ohel Jakob und anschließend ins Jüdische Museum. Das liegt auch nur zwei Schritte entfernt, und dort ist im Untergeschoss eine Dauerausstellung über das jüdische München zu sehen.

Vor zwei Jahren war der Überfall vom 7. Oktober, seitdem hat sich mit dem darauf folgenden Gazakrieg die Situation von Jüdinnen und Juden weltweit verschlechtert, der Antisemitismus nimmt zu. Was bedeutet das für Sie?

Als wir im Jahr 2011 mit dem Projekt anfingen, sah die Welt noch ganz anders aus. Jetzt sind wir in einer vollkommen anderen Welt angekommen. Nichts ist mehr so, wie es war. Der 7. Oktober ist leider kein regionales Geschehen geblieben, sondern es hat sich die Einstellung gegenüber Juden weltweit verändert. Die jüdische Gemeinschaft ist erneut in die Defensive geraten. Damals 1931, als die Synagoge erbaut wurde, ahnten die Menschen nicht, was sie erwartet. Wissen wir denn, wie es weitergeht?

Zur Startseite