13.10.2017 Lisa Zeitz

Die alten Männer und das Meer

Die Vulkaninsel Ischia im Golf von Neapel war in den Fünfzigerjahren ein Refugium für deutsche Maler. Nach dem Schrecken des Krieges genossen sie hier ein freies Leben – und schufen Kunst, die sich auf abstrakt oder gegenständlich noch nicht festlegen musste 

Als der junge amerikanische Schriftsteller Truman Capote 1949 die Fähre von Neapel nach Ischia nahm, kam ihm die Hafenbucht mit ihren Häusern in den „hellen, abblätternden Eiscreme-Farben“ schon auf den ersten Blick seltsam vertraut vor. Im Gedränge des Aussteigens fiel seine Uhr herunter und ging zu Bruch. Die Symbolik dieses Moments empfand er überdeutlich: „Es war klar, dass Ischia kein Ort der gehetzten Stunden würde, das sind Inseln nie.“

Ischia ist die größte der vulkanischen Inseln im Golf von Neapel. Der bewaldete Berg Epomeo überragt die Landschaft mit ihren schroffen, abfallenden Felsen. Auf malerischen Terrassen gedeihen Weinstöcke, Zitronen, Dattelpalmen, Feigen und Kakteen, zwischen denen Zikaden zirpen und Eidechsen umherhuschen. Es ist, als habe die Landschaft selbst zu Pinsel und Palette gegriffen: Auf vorgelagerten Felsen erhebt sich das imposante Castello Aragonese, in dem einst die Renaissancedichterin und Michelangelo-Vertraute Vittoria Colonna wohnte. Rosa und weiß getünchte Häuser mit flachen Dächern, Fischerboote und Ziegenhirten wie aus einer Fabel von Aesop lassen dem empfindsamen Menschen das Herz aufgehen – und sind für uns heute doch zum Klischee geworden. Schon im alten Rom waren die Heilquellen von Ischia bekannt. Auch im 19. Jahrhundert besuchten Künstler die Insel – Arnold Böcklin fand hier sein berühmtestes Motiv, die „Toteninsel“ – , aber in der Epoche um 1950 war Ischia noch nicht vom Tourismus überrollt, rustikaler und verträumter als das benachbarte Capri. 

Mit den Fünfzigerjahren wurde Ischia zur Promi-Insel

Um diese Zeit zog es den Regisseur Luchino Visconti nach Ischia, die Schriftsteller W. H. Auden, Ingeborg Bachmann, den Komponisten Hans Werner Henze, die Fotografen Herbert List und Regina Relang. Später wurde Ischia regelrecht zur Promi-Insel, Liz Taylor, Richard Burton und Maria Callas mieteten sich hier ein. Auch Marion Gräfin Dönhoff, deren Schwester hier ein Haus hatte, kam regelmäßig. 

Truman Capote genoss seine Monate auf Ischia mit seinem Freund und Liebhaber. Auf dem Dach ihrer Pension sollen sie Partys mit den hübschesten Fischern der Stadt gefeiert haben – Freiheiten, wie sie an vielen anderen Orten Europas und Amerikas damals undenkbar waren.

Mit ihrem ganz eigenen, lichtdurchfluteten Charme und ihrem warmen Klima war Ischia in den Fünfzigerjahren besonders einer Gruppe von deutschen Künstlern ans Herz gewachsen. Die zusammengewürfelten Maler – alle mindestens eine Generation älter als Capote – siedelten sich um diese Zeit hier an, sei es ganz oder nur für bestimmte Zeiten des Jahres. Eduard Bargheer aus Hamburg-Finkenwerder und Werner Gilles aus Rheydt hatten hier ihren Wohnsitz, auch Hans Purrmann aus Speyer, Max Peiffer Watenphul aus Weferlingen im heutigen Sachsen-Anhalt und Hermann Poll aus Bielefeld kamen immer wieder. 

Hermann Poll (1920-1990),
Hermann Poll (1920-1990), "Terrasse", Öl/Lwd., sign. 55x45cm (Abb.: Kunststiftung Poll, Berlin)

Sie alle hatten zwei Weltkriege erlebt, manche den ersten noch als Teenager, und für sie alle hatte das Dritte Reich mit seinem diffamierenden Stempel der „Entarteten Kunst“ eine Unterbrechung ihres Schaffens bedeutet. Nach Ischia kamen sie zum Malen – und sie trafen sich regelmäßig, in unterschiedlicher Zusammensetzung, zum Abendessen. Was würden wir heute dafür geben, eine Zeitreise zu machen, einen Stuhl heranzuziehen und an ihrem Tisch in einer der Hafenkneipen den Gesprächen zu lauschen: Erinnerungen an ihre Lehrer wie Paul Klee und Henri Matisse und Gedanken zum zeitgenössischen Kunstgeschehen, das die Welt damals in zwei Lager teilte, das figürliche und das abstrakte. 

Ischia war für sie alle große künstlerische Inspiration. Fast ist es so, als ob die geologischen und architektonischen Strukturen der Landschaft selbst ihrer Malerei entgegenkamen, sowohl Purrmanns Kolorismus als auch den grafischen Mustern von Bargheer und den abstrahierten insularen Formen auf den Bildern von Gilles. 

Der älteste von ihnen war der Pfälzer Hans Purrmann, geboren 1880, dessen Frau, ebenfalls Malerin, wenige Jahre zuvor gestorben war. Wie für viele andere war für Purrmann Italien zur Nazizeit ein Zufluchtsort geworden. Er hatte seit 1935 in Florenz ehrenamtlich das deutsche Künstlerhaus in der Villa Romana geleitet. Dort war es für Gegner des Naziregimes weniger gefährlich als in Deutschland. Trotzdem: Als Hitler für ein Treffen mit Mussolini nach Florenz reiste, wurde Purrmann für einige Tage in Schutzhaft genommen. Sein Künstlerfreund Rudolf Levy (auch er war ein großer Fan von Ischia) wurde 1944 deportiert und ermordet. Purrmann erlebte, wie Bargheer, die Zerstörungen und das Ende des Krieges in Florenz.

Das alles lag nur wenige Jahre zurück, als Purrmann in einer Pension in Porto d’Ischia­ zwei Zimmer mit Blick auf den Hafen mietete, die seinen Bedürfnissen so sehr entgegenkamen, dass er immer wieder hierher zurückkehrte. Der Flur zwischen den beiden Zimmern, gerade breit genug für seine Staffelei, hatte ein Fenster zum Hafen mit dem kleinen Leuchtturm, den Segelschiffen, Kuttern und Ruderbooten, geradezu ein „vorkomponiertes Bild“, wie der Kunsthistoriker Erhard Göpel schreibt, der Purrmann dort vor mehr als einem halben Jahrhundert besuchte. Er begleitete den Künstler bei seinen morgendlichen Ausflügen in die Landschaft, wo Purrmann unter Olivenbäumen die Staffelei aufstellte und sein Dreibein in die Erde rammte, nach der Siesta auch bei seinen Stadtrundgängen, bekleidet mit hellem Leinenanzug. An den Nachmittagen besuchte er gern die örtlichen Antiquitätengeschäfte. Als Sammler schätzte er persische Keramik, alte Textilien und anderes Kunsthandwerk, das ab und zu auf seinen Stillleben auftaucht. Purrmann besaß im Lauf seiner Karriere auch viel Kunst von Zeitgenossen aus seiner Zeit in Paris Anfang des 20. Jahrhunderts. Davon nahmen ihm die französischen Behörden aber wichtige Stücke ab, zum Beispiel das berühmte Stillleben mit Goldfischglas von Matisse, das heute dem Museum of Modern Art in New York gehört. 

Max Peiffer Watenphul (1896-1976),
Max Peiffer Watenphul (1896-1976), "Ischia", Aquarell über Bleistift, 1957, 34,7x51,8cm (Abb.: Kunstauktionshaus Schloss Ahlden)

Von den Teilnehmern der abendlichen Tischgesellschaften war keiner so sehr auf der Insel zu Hause wie der gesellige, temperamentvolle Eduard Bargheer. Das Städtchen Forio hatte ihn sogar zum Ehrenbürger ernannt: Während seiner Dienstzeit als Übersetzer an einem U-Boot-Stützpunkt im ligurischen La Spezia – er verfasste sogar ein deutsch-italienisches Spezialwörterbuch für U-Boot-Ausdrücke – hatte er, so heißt es, bei Kriegsende Soldaten, die von der Insel stammten, bei der Flucht geholfen. Während Purrmann seine Aufenthalte in einer Pension zubrachte, lebte Bargheer erst im Torrione, einem mittelalterlichen Stadtturm, dann in einem ehemaligen Klostergebäude in Forio, und Ende der Fünfzigerjahre baute er sein erstes Haus. Werner Gilles dagegen hatte ein gewölbtes Atelier, einen historischen Lagerraum, der sich wie eine Höhle am Berghang befand – über eine Leiter kam er auf einen Weg, der direkt an den Strand führte.

Aus ihrer sexuellen Orientierung haben die Künstler kein öffentliches Thema gemacht

Ob die Männer sich auch in Privates vertieft haben? Sowohl der Vater von Bargheer als auch der von Gilles und Peiffer Watenphuls Stiefvater waren Lehrer. Die Künstlerlaufbahn war ihren Eltern nicht geheuer: Peiffer Watenphul promovierte, bevor er Künstler wurde, in Kirchenrecht, Bargheer und Poll wurden Kunstlehrer. Wie diese drei Künstler war auch Hermann Poll homosexuell – in einer Zeit, als man in Deutschland noch lange in Furcht vor dem diskriminierenden Paragraphen 175 leben musste. Der Golf von Neapel bot ihnen, wie schon Generationen vor ihnen, auch in dieser Hinsicht Zuflucht. Aus ihrer sexuellen Orientierung haben sie kein öffentliches Thema gemacht. Bargheer drückte sich so aus: „Die Kunst ist eine unbarmherzige Geliebte. Sie duldet keinen Nebenbuhler neben sich.“

Wenn sie sich abends zu Wein, Brot, Fisch und Käse, zum Beispiel in der kleinen Hafenwirtschaft eines Kalabresen in Porto d’Ischia trafen, begrüßten sich der kahle Purrmann und der weißhaarige Gilles „wie zwei Großmächte“, so erinnert sich Göpel. Befreundete Mächte, muss man dazu sagen, denn als Menschen und Künstler schätzten sie sich sehr. Zu den Malerfreunden gesellte sich auch gerne der Friseur Luigi de Angelis, der ebenfalls zum Künstler wurde. Purrmann bestärkte ihn im Malen und besaß einige seiner naiven Werke, ebenso wie Hermann Poll, in dessen Nachlass sich religiöse Motive des Frisörs befinden. Insgeheim waren sie sich aber einig, dass de Angelis noch ein besserer Maler war, als sie ihn noch nicht verdorben hatten.

Werner Gilles (1894-1961),
Werner Gilles (1894-1961), "Küstenlandschaft bei St. Angelo", Aquarell, sign., 1951 dat., 30,6x41cm (Abb.: Lempertz, Köln)

Die Gespräche drehten sich vor allem um die Kunst – im Allgemeinen und um die Werke, mit denen sie sich aktuell beschäftigten. Vielleicht hat Purrmann bei solchen Gelegenheiten Erkenntnisse mit den anderen geteilt, die er von seinem Freund Matisse hatte, etwa dass ein Bild drei Stadien habe: „Das erste, scheinbar gelungene. Das zweite, in dem es ein Chaos ist. Das dritte Stadium erreichen nur wenige Bilder; es ist der wiedergewonnene erste Zustand, bewusst, geglückt.“ 

Auch Renoir zitierte Purrmann gerne: „Wer ein Bild drei Monate beiseitegestellt hat und dann noch nicht weiß, wo der Fehler steckt, der soll das Malen lassen.« In Purrmanns Malerei, und übrigens auch in der von Hermann Poll, ist unverkennbar der französische Einfluss zu spüren. Etwas von den leuchtenden, schwelgerischen Farben, die in Purrmanns Malerei Matisse anklingen lassen, scheint auf Ischia auch auf Werner Gilles übergesprungen zu sein. 

Für die jüngeren Künstlerkollegen war dagegen das Bauhaus ein stärkerer Einfluss. Gilles und Peiffer Watenphul hatten am Bauhaus in Weimar studiert und waren, wie Bargheer, mit Paul Klee bekannt. Peiffer Watenphul hatte sich in Weimar auch mit Töpferei und Weberei beschäftigt. Man sieht seinen Werken diese haptischen Strukturen an: Malerei auf Rupfen, gekritzelte Linien unter den aquarellierten Pigmenten, wie bei einem groben Stoff. Oft haben seine Bilder die stimmungsvolle Aura alter Fresken, an denen der Zahn der Zeit schon genagt hat. 

 

Werner Gilles (1894-1961),
Werner Gilles (1894-1961), "Felsen auf Ischia", Aquarell, Deckweiß, sign., 1957 dat., 37,5x48,5cm (Abb.: Lempertz, Köln)

Ischia war für Bargheer ein Schlüssel für seine Entwicklung. Die Insel habe ihm, sagte er selbst, wieder ein Maß gegeben, die Formen und Dinge im Zusammenhang mit Meer und Himmel zu sehen, „in vielfach statischen und dynamischen Beziehungen, vertikal horizontal, sodass ein ‚Gewebe‘ entsteht“. Damit meinte er „bei Gott kein dekoratives Problem, sondern geradezu ein metaphysisches“. 

Manchmal, so kann man sich vorstellen, unterbrachen die Künstler ihre Unterhaltung. Aus der Küche wurden Schwertfisch, Artischocken oder Kaninchen serviert, dazu gab es den frischen, erdigen Weißwein, der auf Ischia angebaut wird. Am späteren Abend sangen Matrosen neapolitanische Liebeslieder. Nicht nur vergangene Erfahrungen und Erlebnisse kamen zur Sprache. Auch der Stand der zeitgenössischen Avantgarde wurde diskutiert. Die Entwicklung der Moderne, auch die ihrer eigenen Kunst, war durch den Nazi-Terror unterbrochen worden.

Das Problem jener Jahre: Abstrakt oder gegenständlich

Sie hatten überlebt, aber auf einmal lebten sie in einer Zeit, in der die Abstraktion als Kunst der Freiheit im Westen gefeiert wurde. „Die Krüge auf dem Tisch wurden schneller geleert, die Diskussionen hitziger“, schreibt Göpel, „und das brennende Problem jener Jahre, abstrakt oder gegenständlich, rückte in den Mittelpunkt der Debatte.“ Bargheer nahm, anders als die anderen Künstler, schon 1948 an der Biennale in Venedig teil, sodass er, der auch „Magier im Zwischenreich“ genannt wurde, mit der internationalen Nachkriegsmoderne früher als die anderen Kontakte hatte. 

Auf der ersten Documenta in Kassel 1955 war eine Serie von Bildern ausgestellt, die die Entwicklung vom Gegenständlichen zum Abstrakten illustrierte: Unter anderem zählten, in dieser Reihenfolge, Purrmann, Werner Heldt, Gilles und Bargheer dazu. (Der Berliner Künstler Werner Heldt war im Jahr zuvor nur 49-jährig gestorben, als er Gilles auf Ischia besuchte.) Der Siegeszug der Abstraktion ließ sich nicht aufhalten. Auf der zweiten Documenta 1959 war schon viel weniger gegenständliche Kunst vertreten. Zwar hielten die „Landschafter“ auf Ischia im Grunde am Sujet fest, doch Purrmann hat oft darüber gesprochen, dass für ihn die Freiheit des Informel, dem er als Juror des Künstlerbundes begegnete, sehr anregend war. Als dem alten Mann der Orden Pour le Mérite verliehen wurde, vermutete er in der Auszeichnung auch eine „Stellungnahme gegen die Abstrakten“. Für ihn ein Graus, denn er kannte „nur gute und schlechte Maler“. Mit dieser Einschätzung war Purrmann seiner Zeit voraus. Figürlich oder abstrakt: Heute spielt die Frage keine Rolle mehr. Also Zeit für einen frischen Blick auf die Fünfzigerjahre! Und auf das Kunstgeschehen von Ischia.

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Dieser Text erschien in

WELTKUNST Nr. 132 / 2017