21.04.2017 Thomas E. Schmidt

Sammlerseminar – Frühe chinesische Keramik

Grabfiguren der Tang-Epoche und Gefäße der Song-Zeit sind ein nobles, altes Sammelgebiet. Spitzenwerke der chinesischen Keramik erzielen astronomische Preise, aber wer sich auskennt, findet immer noch bezahlbare Stücke. Das GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig zeigt jetzt ab 22. April 2017 mehr als 200 Objekte zeitgenössischer und frühchinesischer Keramik aus der Sammlung des Stuttgarter Kunsthistorikers Dr. Herbert Meurer.

Lange Zeit erschien mir eine kleine Vase aus der Zeit der Südlichen Song als die schönste Keramik, ja als eines der hinreißendsten Dinge, die ich überhaupt jemals gesehen hatte. Kaum 20 Zentimeter hoch, hellblau und schlank, hüllt sie eine sogenannte Guan-Glasur ein. Im 13. Jahrhundert war sie für einen kaiserlichen Haushalt bestimmt. Ihren Zauber erhält sie durch ein grobmaschiges, hellbraunes Krakelee, das sich vom Fuß bis zur Mündung anmutig hinaufwindet, indem es den Kraftlinien des Gefäßkörpers folgt. Das sind nicht Risse. Handwerker, die sich ihrer Kunstfertigkeit sicher waren, ließen vielmehr ein freies Muster entstehen, sie trieben gewissermaßen ein Spiel mit der Imperfektion, mit dem Zufall und der Natur, mit etwas, das sie kontrollierten, aber nicht vollständig beherrschen wollten.
„Meine“ Vase gehört in die Percival David Collection, der Mutter aller Chinasammlungen in Europa, und wird heute im British Museum ausgestellt. Dass meine Prinzessin für mich immer unerreichbar bleiben wird, hinderte mich nicht, es später gewissermaßen mit den Töchtern von Landadligen und Bürgern zu versuchen, will sagen: Keramiken zu sammeln, die zwar nicht aus Kaiserbesitz stammen, aber von solider Qualität sind. Alles andere ist unbezahlbar geworden auf einem Markt, der von neuchinesischem Geld unter Dampf gehalten wird. Ähnlich wie beim späteren Porzellan erzielen auch Spitzenstücke der Frühkeramik aus China Millionenpreise. Dennoch: Im Schatten des Prestigegeschmacks kann man noch immer gut sammeln und unerwartete Funde machen. Wenn man sich ein bisschen auskennt.
Seit gut fünftausend Jahren backen Chinesen Gefäße aus Lehm und Erde, und seit gut dreieinhalbtausend Jahren tragen diese Gefäße Glasuren. Vermutlich sind Glasuren durch Zufall entstanden, als Asche während des Brandes auf die Rohlinge wehte und hübsche Muster hinterließ. Neben dem formidablen Formgefühl der chinesischen Töpfer sämtlicher Epochen ging es in der keramischen Kunst vor allem um die Glasuren. Blei sorgte für deren Fluss, Eisen und Kupfer sowie Spuren seltenerer Metalle oder Mineralien erzeugten Farben. Jede Schale aus dem Reich der Mitte ist Zeugin einer jahrhundertealten Erd-Alchemie.

Der Londoner Chinahändler Eskenazi bietet den Song-zeitlichen Jun-Teller mit seiner expressiven Farbigkeit an, Preis auf Anfrage, (Foto: Provenance Private collection, U.S.A./ Eskenazi, London)
Der Londoner Chinahändler Eskenazi bietet den Song-zeitlichen Jun-Teller mit seiner expressiven Farbigkeit an, Preis auf Anfrage, (Foto: Provenance Private collection, U.S.A./ Eskenazi, London)

Manche Glasuren der Songzeit sind so ausgefuchst, dass sie heute kaum zu rekonstruieren sind, manche waren so komplex komponiert, dass nur wenige Exemplare „reif“ aus dem Ofen kamen und die damalige Qualitätskontrolle überlebten.
Dieser Glasurfetischismus hat Gründe: Ambitionierte chinesische Keramiken waren niemals nur Gebrauchsgegenstände, sondern wurden von jeher als Kunstwerke angesehen. In Familiensammlungen wurden sie gehütet, es waren Dinge, die Anspruch auf Respekt und Bewunderung besaßen. Und die Objekte durften, ja sollten nach chinesischer Auffassung immer auch angefasst, betastet, gestreichelt und in der Hand gewogen werden, ebenso erörtert, debattiert und gemeinsam wertgeschätzt. Distanzierte Musterung mit den Augen ist eine Erfindung Europas. Die Erotik des Sammlers ist vor allem taktil.

Tang: Kunst für die Unterwelt

Es existiert eine faszinierende Gefäßkunst neolithischer und früher historischer Epochen. Die Han-Dynastie wartet mit kunstvollen Gräberausstattungen auf – im Übrigen ein Zeichen der Zivilisierung: Dem toten Herrscher folgten nicht länger seine Begleitung ins Grab, sondern nur noch Tonzwerge. Es gibt Vasen aus der kurzlebigen Epoche der Nördlichen Qi in Shandong, die im 6. Jahrhundert kunstvoll sassanidische Silberschmiedearbeiten nachbilden. Es gibt die Keramik der Liao im 12. Jahrhundert oder die erdigen Erzeugnisse der Steppenbewohner – wunderschön, doch von alldem soll hier nicht die Rede sein. Wir beschränken uns auf die farbenfrohe Grabkeramik zur Zeit der Tang-Kaiser (618–907) und auf die monochrome Keramikkunst der Song-Dynastie (960–1279). Beide Epochen brachten Spitzenprodukte hervor, und diese regten in China wie im Westen Sammeltraditionen an.
Die Künste der Tang wie der Song galten in China stets als mustergültig. Die frühere Dynastie war selbstbewusst, weltoffen, militärisch erfolgreich und von buddhistischer Frömmigkeit durchdrungen. Eine „skulpturale“, also plastischen Ausdruck suchende Epoche. Die Gefäße der Tang sind eher wuchtig. Die Song-Zeit war ästhetisch verfeinert, traditionsbewusst, strikt neokonfuzianisch, und sie entwickelte erstmals ein antiquarisches Interesse an der Vergangenheit. Keramikmanufakturen genossen kaiserliche Patronage. Der Lebensstandard war so hoch wie nirgendwo auf der Welt. Es war eine Zeit des Friedens, und weil am Ende keiner mehr an die Sicherheit der Grenzen dachte, wurde das Reich gleich dreimal von Steppenvölkern heimgesucht, bis es endgültig den Mongolen in die Hände fiel.
Heute bewertet der Markt die Keramiken dieser Epochen nicht mehr ganz so hoch wie noch vor zwanzig oder dreißig Jahren; der neuchinesische Geschmack hat sich auf hochdekoriertes Porzellan der Qing-Zeit geworfen. Trotzdem gibt es Zeichen eines Wandels. Chinesen, die ihren Ahnen Reverenz erweisen, waren stets zurückhaltend, wenn es um Objekte ging, die aus Gräbern kamen, aber dieser religiöse Respekt weicht heute einer künstlerischen Betrachtungsweise. Im großen Stil wurden Ahnengräber überhaupt erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts geöffnet, und zwar im Zuge des Eisenbahnbaus. Ins Licht trat ein ganzer Kosmos aus Terrakottaskulpturen.

Kein Verstorbener sollte seine Reise ins Jenseits ohne angemessene Ausstattung antreten. Die Tang trieben ungeheuren Luxus beim Schmuck ihrer Gräber: Hofdamen, Beamte, Diener, Musikanten, Pferde und Kamele, Dämonen und Wächtergottheiten, kalt bemalt oder mit fleckiger Sancai-Glasur. Im Shanghai Museum gibt es eine Vitrinenwand mit Prachtstücken: Pferde, beinahe so groß wie Shetlandponys, Soldaten mit grimmigen Mienen, fantastische Kreaturen, denen Flammen und Tentakel aus dem Kopf sprießen.
Westliche Sammler rissen den chinesischen Händlern seit den Zwanzigern diese Welt aus Lehm aus den Händen. Noch heute gehören eine „Fat Lady“, eine korpulente Dame der Zeit, oder ein stämmiges Pferdchen mit einer Reiterin im Sattel in jede Sammlung. Die Preise allerdings klaffen weit auseinander. Besonders begehrt sind Polospielerinnen, während kleine Diener günstig zu haben sind. Dämonen bleiben Geschmackssache.

Song: Kult um die Glasur

Der große Londoner Kunsthändler Giuseppe Eskenazi erzählt, wie eines Tages der Kölner Sammler Peter Ludwig in seiner Galerie stand. Ludwig hatte im Schaufenster ein großes gelbes Lehm-Kamel erspäht, das er für ein Werk eines zeitgenössischen Künstlers hielt. Er fragte atemlos, vom wem das sei und was es koste. Glücklicherweise ließ Ludwig sich beruhigen und sogar erklären, was er bewunderte, eine Grabkeramik aus der Tang-Zeit. Seither war Peter Ludwig für alte chinesische Kunst zu begeistern. Er erwarb bei Eskenazi einige sehr hochwertige Stücke, die heute im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln zu sehen sind.
Es ist nicht verwunderlich, dass solche Objekte sofort gefälscht wurden. Wenn irgendwo ein Beinchen wieder angeflickt ist, stört das heute kaum. Wenn aber das gesamte Exemplar aus Trümmerteilen zusammengefügt und neu glasiert wurde, rümpft der Kenner die Nase. Da auch die Model und Schablonen der Zeit gefunden wurden – denn auch damals konnte der Bedarf nur im Akkord gedeckt werden –, wird es bei Stücken mit originaler Form, aber aus neuem Material wirklich knifflig. Mit einiger Erfahrung lässt sich die Echtheit aus der Beschaffenheit des Scherbens, aus dem korrekten Krakelee der Glasur und ihrem Lüster ablesen. Eine Zeit lang bot außerdem der Oxford-Thermolumineszenztest (TL-Test) eine gewisse Sicherheit. Mit ihm kann man das Brennalter eingrenzen. Doch auch das nutzt nichts, wenn nur die untersuchte Stelle alt ist, der Rest aber zeitgenössisch. Außerdem werden in China Porzellane und Keramiken inzwischen Röntgenstrahlen ausgesetzt, die den TL-Test in die Irre führen. Daher werden auf dem Markt inzwischen nur noch ältere Untersuchungen anerkannt.

Jian-Teeschale, 2016 bei Koller für 28000 Franken zugeschlagen, (Foto: Koller Auktionen, Zürich)
Jian-Teeschale, 2016 bei Koller für 28000 Franken zugeschlagen, (Foto: Koller Auktionen, Zürich)

Einen spürbaren Kontrast zu der bewegten und etwas bombastischen Welt der Tang bilden die Hinterlassenschaften der Song, obwohl die Epochen nur zweihundert Jahre auseinanderliegen. Auch Chinesen sehen in den Schalen oder Weihrauchbrennern der Song-Zeit einen später nie wieder erklommenen Gipfel der keramischen Kunst. Perfektion, Ruhe und Raffinement sind Attribute, mit denen Song-Gefäße für gewöhnlich charakterisiert werden. Reduziert ist die Farbpalette, vor allem gedämpft. Es überwiegen Schwarz und Weiß, Braun oder Grün in mannigfachen Schattierungen. Wo wirklich einmal in den Farbtopf gelangt wird, wie etwa im Fall der Jun-Ware, ist der Effekt umwerfend. Dekoration ist erlaubt, sofern sie durch Einschneiden oder Ritzen des Rohlings zustande kommt und später unter der Glasur spektakuläre Kontraste erzeugt. Bemalungen sind selten, sie kommen eigentlich nur bei Cizhou-Waren vor, können dann aber kühn und großzügig ausfallen. In späteren Schriften heißt es bewundernd, die Meister der Song-Zeit hätten in ihren aufwendigen Glasuroberflächen den Glanz des Silbers und das Schimmern der Jade nachzuahmen versucht. Diese Bemerkung sagt etwas über den damaligen Rang der Töpferei aus, aber sie zeigt auch, dass die Nachahmung Eigenwert erringen und sich mit dem Original messen kann.
Wenn man so will, ist auch die Song-zeitliche Keramikkunst eine »Erfindung« des 20. Jahrhunderts gewesen, anders übrigens als im Mittelreich, wo sie niemals in Vergessenheit geraten war. Eine Dame von Sotheby’s bewarb einmal eine Auktion mit der Bemerkung, Song-Waren seien so etwas wie das „kleine Schwarze“ der Antiquitäten: Mögen die Moden sich ändern, klassische Eleganz finde immer ihre Liebhaber.

Die dicke, sanfte Glasur der Jun-Ware strahlt in reich variierenden Blautönen. Der Rand ist oft braun, zuweilen sorgte aufgetropfte Kupferlösung für expressive Purpurflecken. Der 5,8 cm hohe Weihrauchbrenner kostete 2014 bei Lempertz mit Aufgeld 19 800 Euro. (Foto: Lempertz, Köln)
Die dicke, sanfte Glasur der Jun-Ware strahlt in reich variierenden Blautönen. Der Rand ist oft braun, zuweilen sorgte aufgetropfte Kupferlösung für expressive Purpurflecken. Der 5,8 cm hohe Weihrauchbrenner kostete 2014 bei Lempertz mit Aufgeld 19 800 Euro. (Foto: Lempertz, Köln)

Londoner Sammler wie Percival David oder Georges Eumorfopoulos waren es, die sich zu Beginn der Zwanzigerjahre für Frühkeramik interessierten und im „chinesischen Geschmack“ zu sammeln begannen. Ein neuer Kanon des Wichtigen entstand. Nicht Schauwert adelte ein Stück fortan, sondern der gute Geschmack und die Kennerschaft seines Besitzers, der es erklären und einordnen konnte. Seither umgibt eine Aura von Gelehrsamkeit das Song-Sammeln, genauso wie ein Nimbus der Modernität, denn sogleich wurde eine Ähnlichkeit dieser tausend Jahre alten Schüsseln und Kannen mit dem sachlichen Design der eigenen Zeit bemerkt, was wiederum die keramische Kunst des Westens beeinflusste, bis heute.

Sammeln in allen Preisklassen

Jeder interessierte Anfänger sieht sich zunächst mit einer verwirrenden Vielfalt konfrontiert. So aussichtslos ist es aber nicht. Song-Keramik lässt sich gut nach Herstellungsorten ordnen, also nach Öfenkomplexen, die archäologisch ganz gut erschlossen sind. Der Einfachheit halber unterscheiden wir hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit acht Typen und beginnen hierarchisch ganz oben mit der seltenen, höchst kostbaren Ru- und Guan-Ware: Bei der Ru-Keramik handelt es sich um eine in geringen Stückzahlen für den Hof der Song hergestellte Tributware, hochfein und hellblau. Man wird ihr kaum außerhalb von Museen begegnen. Ungefähr 70 Exemplare gelten als gesichert, die meisten davon befinden sich im National Palace Museum in Taipeh und im British Museum. Das letzte Stück auf dem Markt brachte es im April 2012 auf 24,4 Millionen Euro.
Nach der Eroberung der Hauptstadt Kaifeng 1127 flüchtete der Song-Hof nach Süden und sortierte sich in Hangzhou neu („Südliche Song“), im Tross auch die kaiserlichen Kunsthandwerker. Als Geschirr wurde nun eine „offizielle“ oder Guan-Ware produziert, charakteristisch gesprüngelt und ebenfalls von höchster Qualität. Guan-Ware ist nicht ganz so selten wie die Ru-Ware, aber auch ihre Preise fallen astronomisch aus.

Schale, Jun-Ware, Steinzeug, China, Song-Dynastie (960–1279). Schenkung Dr. Heribert Meurer, 2017, (Foto:
Schale, Jun-Ware, Steinzeug, China, Song-Dynastie (960–1279). Schenkung Dr. Heribert Meurer, 2017, (Foto:

Ding-Ware aus Nordchina zeichnet sich durch einen harten, teilweise lichtdurchlässigen Scherben aus, der von einer fast weißen, im besten Fall elfenbeinartig getönten Glasur überzogen ist. Sparsame Ritzdekore bilden den einzigen Schmuck. Seit je gelten diese Stücke als Muster an Einfachheit und Eleganz. Ding-Schalen wurden auf dem Kopf stehend gebrannt und haben deswegen einen unglasierten Rand, der oft unter einem Silber- oder Bronzering verborgen wurde. Glasurschlieren („tear drops“) gelten als Indiz für Echtheit. Ihre Spitzenzeit hatten die Ding-Öfen im 10. und 11. Jahrhundert. Einige Jahre lang durften auch sie den Palast beliefern.
Die Cizhou-Keramik war dagegen Gebrauchsware. Ein eher raues Steinzeug, mit einer cremefarbenen Engobe überzogen, auf welche sodann in Dunkelbraun gemalt wurde: Blumen, Figuren, Schriftzeichen oder Tiere. Die Cizhou-Dekorateure malten fantasievoll und erstaunlich geschmackssicher. Am Schluss folgte eine leicht matte Endglasur. Viele Formen sind überliefert, entsprechend der mannigfachen Funktionen dieser Gefäße. In China wurde Cizhou nie hoch geschätzt, wohl aber in Japan, wo man einen Sinn fürs Spontane, Ungebärdige in der Kunst entwickelt hat. Die Preise sind für Einsteiger geeignet. Mit Glück kann man ein echtes Stück für 300 bis 500 Euro ergattern, große und seltene Exemplare werden fünfstellig bezahlt.
Das gilt auch für den vierten Typ. „Schwarze Ware“ umfasst eine Bandbreite von Gefäßen für den täglichen Bedarf. Gemeint sind vor allem die berühmten Jian-Teeschalen, die unter ihrem japanischen Namen „Temmoku“ geläufig sind. Ihre Glasuren, tief dunkelbraun bis blauschwarz, enthalten viel Eisen. Dieses tritt beim Brand zuweilen metallisch an die Oberfläche und hinterlässt interessante Muster und Farben. Die Chinesen erfanden dafür poetische Namen: „Rebhuhnfeder“, „Hasenfell“ oder „Ölfleck“.
Ich erinnere mich an einen Besuch bei dem bedeutenden Chinahändler James Lally in New York. Ich war noch Novize und bewunderte seine aktuelle Song-Ausstellung. Er nahm sich die Zeit, mir einzelne Exponate zu erklären, und ich begann, gewisse Unterschiede wahrzunehmen, erhielt eine erste Ahnung von Qualität. Wehmütig zeigte er mir danach eine große blau-weiße Flaschenvase aus dem 18. Jahrhundert, die er gerade im Auftrag eines Kunden ersteigert hatte, für sechs Millionen Dollar. Sie war in aller kaiserlichen Sorgfalt bemalt, ein Muster an Präzision und Symmetrie. Lally verglich das Ganze mit Werbegrafik. Zur Unterscheidung präsentierte er eine Teeschale aus Jian, nur eine Handvoll, schimmernd und ein irisierendes Farbspiel erzeugend: Keiner könne genau sagen, wie das zustande kam. „Wenn die Chinesen nur begriffen“, setzte er seufzend hinzu, „dass so etwas mehr über ihr Land erzählt als alles, wofür sie Unsummen bezahlen.“
Jun-Ware zieht jeden, der sich erstmals mit solchen Dingen beschäftigt, magisch in den Bann. Himmelblau strahlt die dicke, sanfte Glasur, sie bildet am Rand eine bräunliche Zone und läuft am Fuß manchmal zu Tropfen aus, die wie eingefroren wirken. Seit dem 12. Jahrhundert steigerten die Jun-Töpfer diese Wirkung weiter, indem sie Spritzer einer Kupferlösung auftropften. Diese mutieren im Brand zu dramatischen purpurnen Flecken. Das Formenrepertoire ist begrenzt, am teuersten sind kleine, halbkugelige Schalen, sogenannte „bubble bowls“.

Nun zu den berühmten Seladonen: Sie wurden unabhängig voneinander in Nord- und Südchina hergestellt. Einmal im nördlichen Yaozhou, mit transparenten, meist olivgrünen Glasuren. Vorher wurde der Rohling kunstvoll mit einem Bambusmesser eingeschnitten, sodass unter der Glasur reliefartig Lotos- oder Päonienblüten hervortreten, aber auch Vögel und spielende Kinder. Später setzte man auch Pressmodel ein, auf die der halbfeste Rohling gedrückt wurde. Daneben stehen die Seladone aus Longquan in Zhejiang, im Süden. Ihr Variantenreichtum ist enorm. Im 12. und 13. Jahrhundert gelang es dort, eine opake, jadegleiche Oberfläche zu erzeugen. Sie gilt bis heute als unerreicht.

Vorform des Porzellans

Der letzte hier zu erwähnende Typ wird in China als „Bläulich-Grün“ oder Qingbai bezeichnet. Die transparente Glasur erzeugt dort, wo sie sich in Vertiefungen oder an Rändern verdickt, zarte Blautöne. Die Dekorationen ähneln ein wenig der Yaozhou-Ware, aber ihr Ausgangsmaterial ist ein ganz anderes. Denn in Jingdezhen in der Provinz Jiangxi gab es Vorkommen von Kaolin, einer eisenarmen Tonerde, und von Petuntse, einem Glimmergestein, deren richtige Mischung einen reinweißen, glasartigen Scherben ergab. In heutigem Verständnis ist das Porzellan. Nach der Song-Zeit entwickelten die Töpfer von Jingdezhen ihre Waren weiter. Sie begannen sie mit Kupfer und Kobalt zu bemalen. Kupfer war im Brand kaum zu kontrollieren, aber Kobaltblau blieb stabil. Fortan gab es etwas nie Dagewesenes, auch den Durchbruch auf einem damals schon internationalen Markt: das blau-weiße Porzellan aus China, das erste „Global Brand.“ Doch damit ist ein anderes Kapitel eröffnet.
Wer sich auf das Sammelgebiet der Frühkeramiken vorwagt, den erwarten eine Reihe von Gefahren, selbst wenn er über ein gut gefülltes Portemonnaie verfügt. Denn Fälschungen trüben den Spaß, und gefälscht wurde in China alles und zu jeder Zeit. Wer sichergehen will, kauft konsequent bei den besten Adressen – das hat jedoch seinen Preis. Dem Sammler bleibt daneben aber auch der Erwerb von Kennerschaft. Er wird sich einlesen und einsehen müssen. Vor allem kommt es darauf an, möglichst viele Stücke in die Hände zu nehmen, um ein Gefühl für Gestalt und Gewicht zu bekommen und für die korrekte Textur der Glasuren.

Zu der Tang-Figur gehören vier weitere Reiterinnen und ein Knecht. Sie erzielten bei Nagel 2013 zusammen mit Aufgeld 6500 Euro, (Foto: Sotheby's, London)
Zu der Tang-Figur gehören vier weitere Reiterinnen und ein Knecht. Sie erzielten bei Nagel 2013 zusammen mit Aufgeld 6500 Euro, (Foto: Sotheby's, London)

Auch Alterungsspuren wollen richtig entziffert sein: Alles Scharfkantige, dicke Erdverkrustungen und ein oft verwendeter dunkelgrauer Dreck am Fuß sind Alarmsignale. Was in Sammlungen überlebte, ist oft erstaunlich gut erhalten. Andererseits sollte auch neuwertiges Aussehen Misstrauen auslösen, denn jedes tausendjährige Stück ist irgendwann auch einmal benutzt worden. Beschädigungen sind nicht unbedingt ein Zeichen von Alter. In jedem Fall sollte der Sammler intakte Stücke erwerben. Bei einem Wiederverkauf erzielen letztlich nur solche Exemplare gute Preise. Einzig alte japanische Goldlackreparaturen sind erlaubt, manchmal erhöhen sie sogar die Schönheit.
Bei einem deutschen Auktionshaus sind echte und attraktive Stücke für etwa 2000 bis 3000 Euro zu erwerben, bei gut erhaltenen Exemplaren kann der Preis mit chine­sischer Biethilfe auch auf 8000 bis 10 000 Euro steigen. In Hongkong ist es schwierig, ein Stück unter umgerechnet 20 000 Euro zu ersteigern. Die Seltenheit, die Schönheit und der Erhaltungszustand machen den Preis. Chinesen besitzen ein feines Gefühl für die Werthierarchie von Artefakten. Diese hat mit Überlieferung und aktuellen Geschmackskonjunkturen zu tun. Man muss sich nicht unbedingt an sie halten. Auch ein in Deutschland erworbenes 800-Euro-Exemplar kann echt und wunderschön sein.

Provenienz, Provenienz

Die Frühkeramik ist ein Sammelgebiet mit langer Tradition. Es ist in jedem Fall ratsam, Objekte mit einer dokumentierten Provenienz zu kaufen. Keiner will, dass sein Stück aus einer Raubgrabung oder aus illegalem Besitz stammt. Leider sind Provenienznachweise in Deutschland, wo das Sammeln chinesischer Kunst 1933 abriss, schwieriger zu erbringen als etwa in Großbritannien oder Frankreich. Realistischerweise wird es nicht immer möglich sein, das erstmalige Auftauchen eines Stückes in Europa lückenlos zu belegen. Das neue Kulturgutschutzgesetz zwingt jetzt trotzdem jeden Verkäufer zu beweisen, dass sein Objekt bereits vor 1992 nachweisbar ist. Klingt erst einmal gut, wird aber Angebot und Nachfrage langfristig sinken lassen und den Handel ins Ausland drängen. Dass die Preziosen der Song-Zeit meist gar nicht Gräbern entnommen, sondern von Generation zu Generation weitergereicht wurden, interessierte den Gesetzgeber nicht.
Solche Widrigkeiten werden aufgewogen durch die Freude, irgendwo eine unbeachtete Kumme als schönes Stück zu erkennen, oder durch das Glück, ein schönes Beispiel aus guter Sammlung sein Eigen zu machen. Man sollte dabei aber immer die Chinesen im Ohr behalten, die seit tausend Jahren Antiquitäten um sich scharen: Nicht auf das Besitzen kommt es letzten Endes an, sondern auf den Weg, die Erfahrung und das Wissen über solche Dinge zu vertiefen. Ganz am Schluss, heißt es, zieme es dem Sammler, alles wieder herzugeben und dem Kreislauf der Dinge rückzuerstatten. Alles, bis auf die eine, die vollkommene Song-Schale.

AUSSTELLUNG

Frühchinesische Keramik. Die Sammlung Heribert Meurer

GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, 22.4. – 14.10.2017  

Der Großteil der rund 200 Ausstellungs-Objekte stammen aus der Sammlung des Stuttgarter Kunsthistorikers Dr. Herbert Meurer, weitere Stücke aus der Kollektion des Museums ergänzen diese Schau. Neben die zum Teil mehr als 3000 Jahre alten frühchinesischen Keramiken treten etwa 100 Keramiken des 20. und 21. Jahrhunderts.

 

ABBILDUNG GANZ OBEN

Die subtile Ru-Schale verdreifachte 2012 bei Sotheby’s in Hongkong die Taxe und sprang mit Aufgeld auf 24,4 Millionen Euro – Rekord für frühe Keramik, (Foto: Sotheby’s, London)

DIESER BEITRAG ERSCHIEN IN

WELTKUNST Nr. 127/2017