12.03.2016 Angela Gräfin von Wallwitz

Sammlerseminar Deutsche Fayence

Die Fayencekunst des Barock und Rokoko ist im Preis stark gefallen. Das ist der Qualität dieser Werke nicht angemessen. Ein herrliches Gebiet für antizyklisches Sammeln.

Terrine in Form eines Truthahns der Manufaktur Höchst
Terrine in Form eines Truthahns der Manufaktur Höchst, um 1770. Das Schaugericht erzielte bei Christie's 40.000 Dollar. (Foto: Christie's, New York)

Sammeln reimt sich nicht auf chillen. Soll heißen: Von allein erschließt sich kein Gebiet des Kunsterwerbes; schon gar nicht eines, das drei und vier Jahrhunderte in die Ge­schichte zurückführt und mit komplexen Techniken der Keramikherstellung zu tun hat. Sehen die deutschen Fayencen des Barock und Rokoko nicht alle gleich aus? Wie passen sie in meine moderne Wohnung? So und ähnlich lauten die Vorbehalte gegenüber der Fayence. Doch wer sich einmal auf das Thema eingelassen hat, wer tiefer eindringt und sein Wissen erweitert – was ja nicht Ar­beit, sondern Vergnügen, Entspannung und Erkenntnis verheißt –, der wird mit einem faszinierenden Sammelfeld belohnt, das der­ zeit zudem mit niedrigen Preisen lockt.

Als ich mit 22 Jahren in Schloss Lustheim bei München eine Führung durch die Sammlung Schneider geben sollte, war ich selbst zunächst einigermaßen verständnislos. Über 2000 Stücke Meissener Porzellan: In meinen Augen sahen sie alle gleich aus. Fünf Tage später führte ich 25 Schulfreunde meines Vorgesetzten durch die Sammlung und konn­te wenigsten erklären, wie sich die Stilgrup­pen unterscheiden. Warum es zu den ver­ schiedenartigen Motiven gekommen war, das verstand ich erst über die Jahre, Schritt für Schritt mit jedem keramischen Objekt, das ich bei Sotheby’s katalogisieren musste.

Signierter Bierkrug des Hausmalers Wolfgang Rössler
Signierter Bierkrug des Hausmalers Wolfgang Rössler, um 1690, von Peter Vogt für 75.000 Euro angeboten (Foto: Peter Vogt, München)

Fayence, ein Bärenmarkt

In meiner Arbeit als Expertin im Auktions­ haus und später als Kunsthändlerin lernte ich, dass jedes Werk viele Facetten hat und deshalb für die Liebhaber und Sammler aus ganz unterschiedlichen Gründen begehrens­wert ist. Zudem bringt jedes neue Objekt, jede neue Pirsch immer auch neue Bekannte, neue Bücher und spannende Orte, die es zu besuchen gilt, um noch mehr über das Sam­melgebiet zu lernen.

Am Finanzmarkt würde man die Fa­yence als »Bärenmarkt« bezeichnen: eine Branche, die gerade eine klassische Baisse durchläuft. Das hat verschiedene Gründe. Einer ist gewiss die allgemeine Geschichts­vergessenheit und eine Vergötterung der Ge­genwartskunst, die bürgerlicher Main­ stream geworden ist. Ein anderer liegt darin, dass Architekten, Einrichter und Wohnmagazine die Vielfältigkeit dieser Handwerks­kunst übersehen, die unsere Geschichte in allen Winkeln der sogenannten Provinz lebendig macht. Im Interiordesign von heute spielt die Fayence, obgleich oft von hohem ästhetischen Reiz, keine Rolle. Doch birgt der schwache Markt für uns auch Vorteile. Der Wert geerbter Sammlungen fordert nur sehr geringe Erbschaftsteuer. Und das gesun­kene Interesse des deutschen Bildungsbür­gertums an der eigenen Geschichte bewirkt zumindest den positiven Zustand, dass sich heute jeder Erwerbstätige deutsche Fayen­cen leisten kann.

Man kann in der eigenen Region begin­nen und sich dort umschauen. Bereits für 500 Euro (zuweilen sogar weniger) lässt sich mit einem Walzenkrug aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts viel Neues entdecken, denn bis 1900 gab es in fast jedem Städtchen eine Fayencemanufaktur oder eine Werkstatt von Fayencemalern. Diese Handwerker und Künstler belieferten den Bischof wie den Ta­gelöhner mit Gefäßen aller Art, im oberen Segment waren es oft skulpturale Kunstwer­ke von eigenem Rang. Die Industrialisierung und die Auflösung der Monarchien verdräng­ten die Manufakturen, aber der formbare Ton interessierte auch die Maler und Bildhau­er der Moderne – Picasso, Matisse und viele andere. Daraus entstanden im 20. Jahrhun­dert die unzähligen kleinen Keramikateliers, die es bis heute überall gibt. Wirtschaftsge­schichtlich schloss sich damit der Bogen, an dessen Beginn zwischen 1628 und 1656 in Hamburg die erste deutsche Fayencemanu­faktur gegründet worden war.

Der Begriff Fayence umfasst mitteleuro­ päische, gebrannte, nicht gesinterte Irdenwa­re, die mit einer weißen Zinnglasur über­ zogen ist. Das Wort kam in Frankreich auf und leitete sich von der Stadt Faenza ab, im 16. Jahrhundert eines der bedeutendsten Ke­ramikzentren Italiens mit Exporten an viele europäische Höfe. Die anhaltende Einfuhr ostasiatischer Porzellane um 1650 entfachte das Bedürfnis, Ähnliches herzustellen. Zum größten Produktionsstandort von Fayence, die dem chinesischen Porzellan nacheiferte, wurde das holländische Delft.

Bischof als Bowlendeckel, Kellinghusen
Bischof als Bowlendeckel, Kellinghusen, am 14. November bei Van Ham, Taxe 6000 Euro (Foto: Van Ham, Köln)

Unsichtbare Schäden

Die künstlerisch besten Fayencen entstanden sowohl im Auftrag von Adel und Klerus als auch der wohlhabenden Bürger in den Frei­ en Reichsstädten. Gerade dadurch erklärt sich die große Bandbreite der Qualität und der wunderbare Formenreichtum der deut­schen Fayencekunst. Einzelne Werkstätten begannen nach dem Dreißigjährigen Krieg, eher grobkörnige Fayencegefäße mit weißer Zinnglasur und blauer Bemalung herzustel­len. Mit den Einwanderern aus Holland kam auch die Familie Behagel in die Rhein­-Main­ Gegend. Der sehr auf Gewerbeförderung be­dachte Graf Friedrich Casimir von Hanau verlieh den Behagels 1661 ein 20­jähriges Pri­vileg zur Errichtung einer »bisher ohnbe­ kannten Porzellain Backery«.

Vorerst arbeiteten nur holländische Immigranten in der Hanauer Fayence­ manufaktur. Sie orientierten sich stark an den Vorbildern aus Delft, sodass es einiger Übung bedarf, um die Herkunft der Stücke zu bestimmen. Der Er­ folg der Hanauer Fayence bei Adel und Bürgerschaft war so groß, dass Johann Christoph Fehr bereits 1666 in Frankfurt eine weitere Manufaktur gründe­te. Deutsche Fayencen aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert sind rar, dennoch können selbst bedeutende Fächerplatten oder Enghals­krüge heute für etwa 15000 Euro erstanden werden. Vor 30 Jahren waren die holländischen Beispiele der mittleren Qualität etwa halb so teuer wie die Fayencen aus Frankfurt und Han­au. Heute ist es umgekehrt.

Hausmalerkrug, wohl von Bartholomäus Seuter, um 1720
Manufaktur Hanau, Hausmalerkrug, wohl von Bartholomäus Seuter, um 1720, Zuschlag 40.000 Euro bei Lempertz (Foto: Lempertz, Köln)

Der Marktwert von Fayencen bemisst sich über die Qualität der Form und Malerei sowie über den Erhaltungszustand. Bestoßungen (Chips) und Haarrisse sind bei diesem weichen Material hinzunehmen. Aber Brüche, Ergänzun­gen fehlender Henkel oder Knäufe mindern den Wert um 40 bis 80 Prozent. Ein heikles Problem: Moderne Restaurierungstechniken sind nahezu unsichtbar. Das vorsichtige Abklopfen des Scher­bens mit einer spitzen Nadel (bitte nicht krat­zen!) lässt die harte originale Oberfläche von der weichen restaurierten unterscheiden. Jede Rech­nung sollte einen detaillierten Zustandsbericht beinhalten. Die darin gemachten Aussagen ha­ben in Deutschland eine Garantie über 30 Jahre.

Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts ent­standen in allen Teilen des Reichs Fayencema­ nufakturen. In seinem immer noch un­schätzbaren Standardwerk von 1921 beschreibt Otto Riesebieter die Ge­schichte und Produkte von 88 deutschen Manufakturen des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Herstel­lungstechnik war seit Jahrtausenden bekannt, und Fayence war in Deutsch­land zunächst einfaches Gebrauchsgeschirr. Die Tonwerker arbeiteten nicht nach Vor­zeichnungen großer Designer, sondern nach eigenen Ideen oder mit der Verfeine­rung der Motive und Formen aus dem Aus­land. Ideenloses Abkupfern? Oftmals ist es das in der Tat bei den günstigeren Gefäßen für das Bürgertum; aber für die Fürsten kre­ierten die Fayencekünstler bald eigene For­men, die auch die Objekte in den Wunder­kammern widerspiegelten. So etwa ein Paar kleinerer Flötenvasen aus der Manufaktur Wolbeer in Berlin. Sie zeigen, wie sich der Wunsch des preußischen Königs Friedrich I., eine eigene Manufaktur in der Residenz­stadt zu haben, auf die Auswahl von Form und Nutzen der Gegenstände auswirkte. Diese Vasen sollten nie Blumen aufnehmen, sondern waren als eigenständige Kunstob­jekte vorgesehen. Anfang des Jahres erwarb sie eine junge Mutter bei mir und erweiter­te damit ihre kleine, aber feine Sammlung.

Unsichtbare Schäden

Die wohl bedeutendsten Werke der deutschen Fayencekunst sind zwei monu­mentale Wandleuchter aus der Manu­faktur in Fulda. Sie ragen heraus in ih­rem Design, der Malqualität und auch der Höhe von 71 Zentimetern, denn es war sehr schwierig, so große Objekte ohne Ver­werfungen zu brennen. Heute bilden die Appliken einen Höhepunkt im Besitz von Helmut Neuner, der die derzeit wohl beste Privatkollektion deutscher Fayencen zu­ sammengetragen hat.

Der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts ging es nicht nur um notwendiges Geschirr, sondern auch um ausgefallene Gefäßfor­men und Tischdekorationen für die neue Tafelkultur des service français. Platten, Kannen und Vasen wurden auf den Buffets zwischen die Preziosen aus Silber und Zinn gestellt. Die frühen deutschen Fayencen waren also nicht nur luxuriöse Gebrauchs­ gegenstände, man bewunderte sie auch als Kunstwerke. Nicht umsonst ließen Fürsten und reiche Handelsherren große Speise­ service mit ihrem Wappen bemalen.

Ansbacher Teller mit Allianzwappen zweier Adelsfamilien, 1717
Ansbacher Teller mit Allianzwappen zweier Adelsfamilien, 1717 zu einer Hochzeit bestellt. Im Dorotheum im Oktober für 3400 Euro zugeschlagen (Foto: Dorotheum, Wien)

Genialer Löwenfinck

In einem Schloss in Süddeutschland fan­ den sich 2012 bei der Erstellung eines In­ventars Reste eines Fayenceservices aus Fa­enza (spätes 17. Jahrhundert), je größere Sätze aus Frankfurt (um 1720) und Küners­berg (um 1750), zudem Porzellanservice aus China (um 1730), Sèvres (um 1780) sowie Ensembles des 19. Jahrhunderts aus Meissen und Nymphenburg – welch ein klarer Überblick über den Geschmackswandel.

Die Herstellung des ersten vollständi­gen Porzellanservices Europas, 1734 für den Grafen Sulkowsky in Meißen gefertigt, be­einträchtigte die Fayenceherstellung noch nicht. Die Tafelkultur erlebte seit dieser Bestellung einen rasanten Aufstieg, auch die kunstvollen Tafeldekorationen wurden im­ mer vielfältiger. Die Fayence entwickelte sich hier durchaus unabhängig vom Porzel­lan. Legendär sind die beiden Jagdservice, die der Kölner Erzbischof und Kurfürst Cle­mens August um 1750 für seine Schlösser Brühl und Clemenswerth in Straßburg bestellte. Zu diesem Zeitpunkt leitete der wohl berühmteste Keramikmaler, Adam Friedrich von Löwenfinck, die Fayencema­nufaktur von Paul Hannong. Löwenfinck lernte und arbeitete 1726 bis 1736 in Meißen, danach wirkte er in Bayreuth, Ansbach, Fulda, Höchst und schließlich in Paul Han­nongs Firma in Straßburg und Hagenau. Das Elsass gehörte damals schon zu Frank­reich, blieb aber kulturell deutsch geprägt und betrieb ohne Zollgrenzen regen Han­del mit dem Reich.

Löwenfinck scheint eine besonders ei­ genwillige, künstlerisch sehr innovative und freiheitsliebende Persönlichkeit gewe­sen zu sein. Auf ihn geht wohl die Einfüh­rung der feinen Muffelfarben in der Fa­yencemalerei zurück, und seine Werke gehören zu den teuersten Stücken der kera­mischen Kunst. Die Service für den Kölner Fürstbischof Clemens August zeichneten sich nicht nur durch besonders ausgewogenes Rokoko-Design aus, sondern auch durch die »Schaugerichte«: Gefäße in Form von seltenen Früchten, Gemüse und jagdbaren Tieren. Terrinen und Platten in Form von Eberköpfen, Hirschen, Enten, Schildkröten oder Kohlköpfen zierten den Tisch, das Buffet und die Konsoltische in Clemenswerth und Brühl.

Die Jagdterrinen aus Höchst und Straßburg mit ihren lebensechten Trompe-l’Œil- Effekten zählen zu den bedeutendsten Kreationen der Fayencekunst des 18. Jahrhunderts. Da Löwenfinck vor seiner Ankunft in Straßburg die Manufaktur in Höchst geleitet hatte und dort ebenfalls sehr qualitätvolle Schaugerichte entstanden, liegt es nahe, dass er zumindest an der Konzeption dieser Werke beteiligt war. Leider vernachlässigt die neue, 2014 erschienene Monografie zu Löwenfinck diese für die deutsche Fayencekunst so bedeutende Frage. Immer noch ist zu ihm vieles offen. Mit weiteren Forschungsergebnissen werden die Preise der betreffenden Stücke sicher ansteigen. Umso mehr, als Trompe-l’Œil- Werke aus Deutschland, Frankreich und Italien von der gegenwärtigen Fayence-Baisse nicht betroffen sind: Der Käuferkreis ist hier international und sehr breit.

Kohlkopf-Terrine
Unter Firmenchef Paul Hannong und dem genialen Künstler Löwenfinck entstanden in Straßburg und Hagenau herausragende Stücke. Kohlkopf-Terrine, bei Langeloh für 20.000 Euro zu haben. (Foto: Langeloh, Weinheim)

Einsteigen mit Fliesen

Die Faszination von Walzenkrügen mit ihren Zinndeckeln mag sich nicht jedem modernen Menschen auf den ersten Blick er- schließen. Der aufregendste von allen ist gewiss der Bayreuther Walzenkrug aus der Sammlung Neuner. Er zeigt ein hervorra- gend gemaltes Bildnis eines wohlhabenden Juden, der mit dem Finger auf ein kleines Schwein an seiner Brust deutet. Alfred Ziffer, der die Sammlung Neuner in zwei Katalogen akribisch bearbeitete, vermutet, dass diese Hausmalerei von dem berühmten jüdischen Miniaturmaler Juda Pinhas Löw stammt und der Dargestellte ein Luxuswarenhändler für die Höfe in Ansbach und Bayreuth war. Sowohl die Identität des Malers als auch des Porträtierten bleiben bisher aber unklar. Die Biografie und die Malerei Löws illustrieren jedoch die zunehmende Integration der Juden in Franken, vor allem durch die Protektion der beiden Markgrafen. Bereits als 13-Jähriger erregte Juda Löw mit seinem Talent als Estherrollen-Schreiber die Aufmerksamkeit Karl Wilhelm Friedrichs von Ansbach, der ihm ein Stipendium für seine weitere Ausbildung bewilligte. 1753 wurde Löw zum Hofmaler in Ansbach ernannt. Und auch in Bayreuth, wo ihn Markgräfin Wilhelmine förderte, stieg er zum hochgeachteten Hofmaler auf.

Werke von solcher Qualität und Spannung wie der jüdische Hausmalerkrug erreichen ein internationales Publikum, das weit über die Gemeinde der Walzenkrug-Sammler hinausreicht. Die meisten Hausmalerkrüge stammen aus Hanau, Augsburg oder Nürnberg. Bis zum Zweiten Weltkrieg gehörten sie zu allen bedeutenden Kunstsammlungen; heute sieht sie der Kunst- und Antiquitätenmarkt nur noch selten. Der Preisverfall ist den Verkaufsabsichten wenig förderlich, so sind sie die Schnäppchen unserer Tage.

Fayencefliesen sind ein weiteres kulturhistorisch spannendes, zudem finanziell für jedermann erreichbares Sammelgebiet. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts waren in Deutschland die farbig bemalten Fliesen aus Delft bekannt. In den Schlössern Köpenick, Badenburg, Ansbach oder in Amalienburg im Nymphenburger Park sind bis heute besonders schöne Beispiele dieser Form der Innendekoration zu sehen. Einzelne Fliesen kosten zwischen 100 und 2500 Euro. Ihre Bewertung hängt natürlich davon ab, ob man sie einer Manufaktur zuschreiben kann, zudem ob sie blau-weiß, farbig oder besonders ideenreich bemalt sind. Im oberen Segment, zuweilen sogar im sechsstelligen Bereich, sind hingegen die bemalten Tischplatten aus Fayence angesiedelt. Die Zentren ihrer Herstellung lagen im Nord- und Ostseeraum. Die größte Gruppe besaß der Verleger Axel Springer, der sie dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum in Schloss Gottorf vermachte. Manufakturmarken und Malersignaturen finden sich hier häufiger als in den süddeutschen Produktionsstätten und beeinflussen den Preis neben der künstlerischen Qualität und natürlich des (leider oft schlechten) Zustands.

Fröhlicher Bauer als Scherzkanne, Hannoversch Münden um 1780/90
Fröhlicher Bauer als Scherzkanne, Hannoversch Münden um 1780/90, das Stück kommt am 14. November mit der Sammlung Boretius bei Van Ham unter den Hammer, Taxe 3000–4000 Euro (Foto: Van Ham, Köln)

Niedergang ab 1770

Auf norddeutsche Fayence spezialisierte sich auch der Hamburger Baustoffhersteller Dieter Boretius, dessen Sammlung im November und Januar in zwei Teilen bei Van Ham in Köln zum Aufruf kommt. Ein besonders bemerkenswertes Stück ist der humorvolle Deckel eines Bowlengefäßes aus Kellinghusen: Er besteht aus einem lesenden und debattierenden Bischof, im Grunde eine eigenständige Skulptur. Der Sammler wird hier nicht nur angeregt, den Sinngehalt der Darstellung zu ergründen, sondern auch die historischen Bowlen-Rezepte der damals im Norden populären »Bischof«-Bowle aufzuspüren – und vielleicht sogar nachzukochen.

Einen Blickfang unter vielen in der Sammlung Boretius bilden auch zwei figürliche Scherzkannen aus Hannoversch Mün- den. Die lustig zechenden Bauern zeigen die naive Kunst der Fayencemodelleure des späten 18. Jahrhunderts. Dagegen spiegelt der Kellinghusener Lautenspieler, den von Negelein in Kiel derzeit anbietet, elegantes Rokoko und die Lebendigkeit der Entwürfe aus der Frühzeit einer Manufaktur wider.

Ab etwa 1770 war der Niedergang der künstlerischen Fayence nicht mehr aufzuhalten. Jeder größere deutsche Landesherr hatte nun seine eigene Porzellanmanufaktur, deren Produkte sich auch bald der niedere Adel leisten konnte. Zudem bediente das englische und französische Steingut zunehmend das untere Marktsegment. Fayence wurde wieder zum provinziellen Gebrauchsgegenstand.

Aus diesem Überblick ergibt sich für den Kunstliebhaber der Leitfaden, sich am besten auf die Frühzeit einer Manufaktur oder die wichtigste Schaffensperiode eines Fayencekünstlers zu konzentrieren. Der historisch interessierte Sammler möchte die Produkte der gewählten Manufaktur möglichst lückenlos zusammentragen und so die Geschichte, etwa seiner Heimatlandschaft, lebendig und anschaulich machen. Faszinierend ist es auch, deutsche Fayencen neben verwandte Form- stücke ausländischer Manufakturen zu stellen und auf diese Weise einen ständig sich erweiternden Kunstkosmos zu erwerben.

Wer Gleichgesinnte sucht, der findet sie in der Gesellschaft der Keramikfreunde oder bei den Keramikfreunden der Schweiz. Hier trifft man auf Kenner, die hoch motiviert Fayencen von guter, oft auch bedeutender Qualität sammeln. Ihr Fokus reicht von der Manufaktur des Heimatortes über spezielle Formen oder Typen (Walzenkrüge, Enghalskrüge, Schuhe etc.) bis hin zu einzelnen Malern. Die gemeinsame Erforschung ihrer Ankäufe, meist in der vereinseigenen Zeitschrift »Keramos« veröffentlicht, ergänzte die Kunstgeschichte nicht unerheblich. Wie für jedes Sammelgebiet gilt auch für Fayence: Wer sich einmal intensiv darauf einlässt, dem ist die Bereicherung des Leben gewiss.