15.01.2018 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Mailand

Hans Ulrich Obrist wird Augenzeuge, wie sich eine Ausstellung über die Jahre weiterentwickelt

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Mailand. Für mich als Schweizer ist diese Stadt ja immer etwas Besonderes. 

Warum?

Im Grunde ist es die erste Großstadt, die man besucht, wenn man in der Schweiz aufwächst, zumindest die erste internationale … Warten Sie kurz? Ich bin gerade im Taxi hier in ­London. (Zum Taxifahrer: „I need to go to the Victoria and Albert Museum.“) Zurück nach Mailand. Die Stadt hatte ja immer wieder kulturell aufregende Jahre, insbesondere die Sechziger müssen unglaublich gewesen sein. Das kann man jetzt wieder nachvollziehen, wenn man die Ettore-Sottsass-Ausstellung in der Triennale besucht. Es ist immer schwierig, in einer Ausstellung den Geist einer Person einzufangen, die nicht mehr lebt. Oft wirken diese Ausstellungen leblos. 

Warum wirkt die Show in Mailand ­lebendiger?

Es sind die Zeichnungen von Sottsass zu sehen, seine unglaublich ausgeprägte Handschrift. Man spürt seinen Geist als permanenter Erfinder, als Designer, als Architekt, als literarische Figur. Ursprünglich hatte er ja als Maler begonnen, deshalb werden auch frühere Malereien gezeigt, ebenso utopische Konzerthallen, die er entworfen hat, die aber nie gebaut wurden. Wenn Sie fragen, warum man seinen Geist hier besser spürt als in anderen Sottsass-Ausstellungen der letzten Zeit – der Grund ist: In Mailand war seine Witwe Barbara Radice sehr involviert.

Überhaupt ist wieder viel in Mailand los, die Expo hat der Stadt gutgetan.

Ja, die Stadt hat wieder einen starken Moment. Ich habe mich mit Francesco Vezzoli unterhalten, dem Künstler und Filmemacher, der sogar von einem „neuen italienischen Optimismus“ spricht, von einem „Mailänder Wunder“. 

Was hat Sie jetzt nach Mailand gebracht?

Eine alte Ausstellung von mir, „Take me (I’m Yours)“, die ich ursprünglich 1995 gemeinsam mit Christian Boltanski konzipiert habe. Die Idee war, dass die Besucher alles machen dürfen, was sie normalerweise in Museen nicht machen dürfen. Sie dürfen Werke mitnehmen, wegtragen …

Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Foto: Nick Turpin)
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Foto: Nick Turpin)

Die Ausstellung wird wieder gezeigt?

Aber in veränderter Form, im Hangar Bicocca, einem der neuen Ausstellungsräume Mailands. Mich hat schon immer die Vorstellung fasziniert, dass man auch als Ausstellungsmacher seine Ausstellungen einfach weiterentwickeln kann. 

„Take Me (I’m Yours)“ war in den Neunzigern auch in Deutschland zu sehen.

Ja, in der Kunsthalle Nürnberg. Und vorher war sie in London. Dann ist die Ausstellung etwas eingeschlafen, aber seit zwei, drei Jahren ist sie wieder heftig unterwegs, war in Paris, in New York und jetzt in Mailand zu sehen, wie immer verbunden mit einer intensiven lokalen Recherche. Da gibt es etwa die großartige junge Micol Assaël, die eine Arbeit mit kleinen Marmorstücken gemacht hat, die von einem zitternden Tisch fallen. Oder Riccardo Paratore, der den berühmten Pirelli-Plastikboden zeigt – der Hangar ist ja eine Institution der Pirelli-Stiftung. Auf dem Boden kann man Spuren hinterlassen und die Marmorstückchen kann man mit nach Hause nehmen. Diese Vorstellung liebe ich: dass Hunderttausende Besucher einen Teil der Ausstellung zu Hause haben, wie eines der Bildchen von Hans-Peter Feldmann oder die gedruckten Gedichte von Etel Adnan.

Ein spannender Prozess: Neue und alte Arbeiten nebeneinander zu zeigen, vermutlich auch von Künstlern, die damals unbekannt waren und mittlerweile berühmt sind.

„Take Me (I’m Yours)“ war eine der ersten Museumsausstellungen, in der Arbeiten von Carsten Höller zu sehen waren. Der war ja vor 22 Jahren erst kurz zuvor von der Wissenschaft zur Kunst gekommen. Nun sind aber auch Künstler dabei, die damals gerade erst geboren wurden, wie Ho Rui An aus Singapur. Das Schöne ist auch, dass Christian Boltanski weiterhin involviert ist, wir reden andauernd über die Ausstellung, entwickeln sie weiter. Moment, bitte … (Zum Taxifahrer: „A little bit further down, please, there needs to be an entrance.“) Übrigens, weil ich schon Francesco Vezzoli zitiert habe: Er findet ja, es gibt zu wenig Tränen in der Kunst, deshalb hat er einen Zeichner engagiert, der die Besucher porträtiert, mit -einer großen roten Träne, deren Form Vezzoli vorab ausgesucht hat.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese „Leben 3.0“ von Max Tegmark. Für mich das beste aktuelle Buch über Künstliche Intelligenz! So, jetzt bin ich im Victoria and Albert Museum angekommen, wir hören in vier Wochen wieder voneinander!