31.07.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Münster

Aus dem verregneten London blickt Hans Ulrich Obrist zurück nach Münster

Hallo zunächst aber aus dem verregneten London! Während wir hier gerade miteinander telefonieren, sehe ich, wie der Regen vom Dach des diesjährigen Sommerpavillons abfließt auf den grünen Rasen der Kensington Gardens um ihn herum. Ein herrliches Bild. Den Pavillon 2017 hat Diébédo Francis Kéré gebaut, ein Architekt, der in Burkina Faso geboren ist und in Berlin studiert hat, wo er bis heute lebt. In unserer Sackler Gallery werden parallel Filme des amerikanischen Regisseurs Arthur Jafa gezeigt, es ist seine erste Ausstellung in Großbritannien. Viele kennen seine Videos für den Rapper Jay-Z und für die Sängerin Solange, der Schwester von Beyoncé, die im vergangenen Jahr ein fantastisches Album veröffentlicht hat.

lch schaue mir den Pavillon gerade auf Bildern an. Er wirkt wie ein Baum, unter den sich die Besucher schützend stellen können …

… und trocken bleiben! In der Serpentine Gallery zeigen wir übrigens noch bis zum 10. September gerade unter dem Titel „The Most Popular Art Exhibition Ever!“ Arbeiten von Grayson  Perry.

Was für ein Sommer, nicht nur das Wetter spielt total verrückt, auch in Hamburg sind Sie in einen heftigen Trubel gekommen.

Ja, ich komme gerade aus Hamburg zurück, das nach dem G20-Gipfel auch noch sehr aufgewühlt wirkte. Ich war dort zu einem Vortrag an der Hochschule für Bildende Künste eingeladen. 

Was war der Anlass für die Einladung?

Michael Diers und Wim Wenders haben dort gemeinsam ihren Abschied als Professoren gefeiert. Wenders hat seit 2002 an der Hochschule Film unterrichtet, Diers seit 2004 Kunstgeschichte. Und beide haben sich zu ihrem Abschied jeweils einen speziellen  Gast ausgesucht. Laurie Anderson wurde von Wim Wenders eingeladen, ich von Michael Diers. Ich mochte es sehr dort, das Niveau des Fachbereichs Kunstgeschichte ist in Hamburg traditionellerweise hoch, und Diers und Wenders haben als Lehrer dort einen großen Einfluss ausgeübt. Aber ich wollte ja noch über eine andere Stadt reden, über  Münster und die Skulptur Projekte.

Hreinn Friðfinnssons,
Hreinn Friðfinnssons, "fourth house of the house project since 1974", (Skulptur Projekte, Foto: Henning Rogge)

Viele sagen, diese Großausstellung sei in diesem Jahr die bessere Documenta.

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich bislang nicht in Kassel war. Von der Documenta in Athen haben wir ja schon gesprochen.

Also zurück nach Münster.

Was für eine fantastische Idee, die der Kurator Kasper König vor vierzig Jahren ins Leben gerufen hat …

… und die immer alle zehn Jahre parallel zur Documenta läuft.

Ja, eine Ausstellung, die sich über die ganze Stadt verteilt, an öffentlichen Plätzen, ohne Eintrittskarten, jeder ist willkommen. Sie  lädt die Besucher ein, zu verweilen. 

Nach vierzig Jahren wurde sie erstmals wieder von Kasper König kuratiert, gemeinsam mit Britta Peters und Marianne Wagner.

Es ist einfach wunderbar, sich überraschen zu lassen. Als wir durch die Stadt spaziert sind, kam plötzlich eine Frau auf uns zu, gab uns die Hand, begrüßte uns, als ob wir uns seit Langem kennen. 

Sie hatten keine Ahnung, wer sie ist? 

Ich hatte sie noch nie gesehen. Dann stellte sich heraus, dass es eine der Performerinnen von Xavier Le Roy war. Dessen Arbeit in Münster besteht darin, lebende Skulpturen auftreten zu lassen, die einfach kommen und verschwinden. Als wären sie Gespenster.

Was haben Sie außerdem gesehen?

Fantastisch ist Hreinn Friðfinnssons Hausskelett aus Edelstahl, das auf einer Wiese im Sternbuschpark steht (Abb.). Durch die glatte Oberfläche des Edelstahls spiegelt sich der Wald darin – und das Objekt verschwindet nahezu. Er hat mir erzählt, dass er diesen perfekten Platz für das Haus gemeinsam mit den Kuratoren gefunden hat, eine echte Kollaboration also. Und Hito Steyerls Arbeit sollten wir unbedingt erwähnen, die komplexe Installation „Hell-Yeah-Fuck-We-Die“ in der Landesparkasse. Sie zitiert Wörter, die heutzutage sehr oft in Popsongs vorkommen.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese immer noch die Gedichte von Friederike Mayröcker. Diese Frau verdient den Lite-raturnobelpreis! Lassen Sie uns das Gerücht, dass sie ihn dieses Jahr bekommt, weiter unauffällig in unserer Kolumne streuen.