Schmuck ist aus der Kunst- und Kulturgeschichte nicht wegzudenken, denn zu allen Zeiten hatten Menschen den Drang, ihn zu tragen. Das zeigt jetzt schön und lehrreich eine Ausstellung in Köln
Von
03.12.2025
/
Erschienen in
WELTKUNST Nr. 248
Schon vor 100.000 Jahren in der Steinzeit verzierten sich Frauen und Männer mit Muscheln, und als ihre Nachfahren die Metallverarbeitung erlernten, nutzten sie diese nicht nur für nützliche Geräte und Waffen, sondern auch für Artefakte zu ihrer eigenen Verschönerung. In allen Epochen dokumentierte Schmuck, was die Menschen als ästhetischen Mehrwert betrachten. Das ist jetzt wunderbar in der Ausstellung „Faszination Schmuck“ im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) zu erleben. Mit rund 1700 Artefakten besitzt das Haus eine der besten deutschen Sammlungen in Deutschland, aber erst jetzt, man glaubt es kaum, ist die Schmuckkunst zum ersten Mal seit der Museumsgründung 1888 im größeren Umfang ausgestellt.
Die Direktorin Petra Hesse und ihr Team haben 370 Objekte in 27 Kapiteln so geschickt angeordnet, dass ein abwechslungsreicher Rundgang durch 7000 Jahre Schmuckgeschichte entstand. Das beginnt mit Amuletten aus den frühen Kulturen Vorderasiens, griechischen und römischen Stücken, Ringen des europäischen Mittelalters. Sie alle dokumentieren, dass es nicht nur um Schönheit und Zierde ging, sondern die Artefakte zur Darstellung der sozialen Stellung, als Ausdruck von Männlichkeit oder Fruchtbarkeit, zur Abwehr von Übeln oder zur Beschwörung von magischen und göttlichen Kräften dienten. Unter den Objekten sind geschnittene Schmucksteine (Gemmen), Ringe mit Inschriften, Heilkraft versprechende Korallenäste, Bergkristalle oder Tierzähne, die man kunstvoll in Gold und Silber fasste, um sie als Anhänger einer Halskette zu tragen. Schmuck ist eben auch Glaubenssache, nicht nur bei christlichen Kreuzanhängern, denen eine eigene Vitrine gewidmet ist.
Das Schöne hatte immer eine Funktion. Wenn es nicht um Magie, Glauben, soziale Abgrenzung oder einfach um Bekräftigung der Lebensfreude ging, waren Gürtelbeschläge, Nadelschließen von Gewändern (Fibeln, Agraffen), Prunkknöpfe, Schuhschnallen, Krawattennadeln bis hin zu Manschettenknöpfen oder Nähetuis willkommene Aufgaben, um Wohlstand, Kunstfertigkeit und kostbare Materialien zu zelebrieren. Der Gürtelverschluss aus gegossenem Zinn, den ein römischer Soldat über seiner Tunika trug, demonstriert diese Synthese von Ästhetik und Nützlichkeit ebenso wie eine aufwendig gravierte Riechkugel aus der Zeit um 1600.
Schier unübersehbar ist die Vielfalt der gezeigten Fingerringe, seit der Antike die häufigste Aufgabe für die Goldschmiede. Oft waren sie mit Siegelsteinen besetzt, genauso häufig der Liebe gewidmet, etwa ein italienischer Fede-Ring von 1560/70, bei dem zwei goldene Hände die Zusammengehörigkeit besiegeln, während eine Inschrift auf der Innenseite zugleich den Glauben an Gott bekräftigt. Auch bei einem jüdischen Hochzeitsring, außen mit kräftigen Schmuckaufsätzen versehen, findet sich innen eine Gravur: „Massal Tov“ („Viel Glück!“). Eine Besonderheit der Museumssammlung sind prachtvolle Garnituren (Paruren) des 19. Jahrhunderts, bestehend aus Collier, Ohrhängern, oft auch Armbändern oder Broschen. Sie verdanken sich der Kölner Stifterin Rosy Petrine Sieversen, die sich vom Pathos des Historismus, von üppigen Edelstein-Arrangements, von der Perlenfülle, dem Berliner Eisenguss und besonders von dem antikischen Stil des römischen Juweliers Castellani faszinieren ließ.
Sprünge durch die Epochen und Kunstlandschaften sorgen in der Schau für Abwechslung und erhellende Zusammenhänge. Da fügt es sich bestens, dass das älteste Stück, eine Gemme aus Mesopotamien, datiert ins 6. Jahrtausend vor Christus, aus dem Besitz der Kölner Goldschmiedin Elisabeth Treskow (1898–1992) stammt und von ihr zu einem Siegelring verarbeitet wurde. Sie sammelte antiken Schmuck, der sie bei ihrer Arbeit ebenso wie die mittelalterliche Goldschmiedekunst inspirierte. Daraus entwickelte Treskow seit den Zwanzigerjahren eine moderne Archaik mit organischen Linien, rundgeschliffenen Edelsteinen, kräftigen Fassungen und anderen Reminiszenzen an uralte Techniken. Besonders intensiv beschäftigte sie sich mit der etruskischen, um 1920 wiederbelebten Granulation, bei der kleine Goldkügelchen die Kompositionen auf der Oberfläche der Schmuckstücke bilden. Sie war nicht die Neuerfinderin, wie gern behauptet wird, aber mit zahlreichen Werken in dieser Technik trug sie sehr zur Verbreitung und zur modernen Popularität der Granulation bei. Treskow ist eine Säulenheilige des MAKK, denn 1977 schenkte sie dem Museum ihren gesamten Schmuck samt Entwurfszeichnungen, ebenso zahlreiche Schmuckstücke und Gemmen aus der Antike. Einiges davon ist jetzt in der Ausstellung zu sehen.
Nach den Streifzügen durch den Linienzauber des Jugendstils, die Geometrie der Moderne oder die Exzentrik des Art déco faszinieren die Materialexperimente der Nachkriegszeit; man spürt die Aufbruchsstimmung der jungen Bundesrepublik. Ausführlich wird die Schmuckszene seit der Postmoderne der Achtziger zelebriert. Petra Hesse hat diesen Bereich in den letzten Jahren mithilfe von Stifterinnen und Stiftern stark ausgebaut. Wieder einmal zeigt sich: Der Autorenschmuck ist das derzeit kreativste Gebiet im Kunsthandwerk. So ironisiert Karl Fritsch den Edelsteinfetischismus mit Glassteinhaufen auf geschwärzten Silberringen, gießt Peter Chang surreale Kreaturen aus Kunststoffen oder verwandelt Gisela Nicolaysen einen Sektkorken in einen Ring. Manche Werke erzählen lustige Geschichten wie die Schuhkette von Ted Noten, andere bestehen aus alten Fotoplatten wie bei Bettina Speckner.
Seit 2018 ist der gesamte Trakt der historischen Sammlungen geschlossen. Der Grund: Brandschutz und Schadstoffbelastung. Die geplante Generalsanierung wurde im letzten November von der Dringlichkeitsliste gestrichen; die Stadt lässt das bedeutende Museum im Stich. Mit der elegant und inhaltsreich inszenierten Schmuckausstellung zeigt das MAKK, was es kann und welche Schätze es besitzt. In der Kölner Politik hat das offenbar noch niemand begriffen.
„Faszination Schmuck. 7000 Jahre Schmuckkunst im MAKK“
Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK)
bis auf Weiteres