Vor fast 30 Jahren gründete sich das Kollektiv Chicks on Speed in München. Die Villa Stuck zeigt nun das anarchische Werk und kehrt nach der Sanierung mit einem Paukenschlag zurück
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06.11.2025
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Erschienen in
Weltkunst Nr. 247
Der Darm steht ihr gut. Ein rosa Strickschlauch windet sich um Hals und Kopf einer Frau. Sie feilt sich noch schnell die Nägel, bevor es in den Club Carnivore geht. Hier unterhält man sich im Video „MEAT&drag“ beim Poledance eines aufgespießten Hähnchens, ein singendes Quartett verspeist Wurstwaren. Dazwischen blitzt ein kurzer Clip auf, in dem ein Mann im Supermarkt Fleisch aus dem Kühlregal holt. Dabei sieht er selbst wie ein Kotelett aus – sein hautenger Jumpsuit ist blutrot und weiß geädert.
Willkommen im Kosmos von Chicks on Speed! Das Tempo in ihrer digital gepimpten Welt ist hoch, Melissa Logan und Alex Murray-Leslie stehen quasi ständig unter Strom – und das seit knapp dreißig Jahren. 2027 feiert das Musik- und Kunstkollektiv sein Jubiläum, diesen Oktober erscheint ihr sechstes Album „HEARandNOWtopia“ im Plattenlabel Grönland. Zehn Songs, die Innereien und künstliches Fleisch, Jane Fondas Aerobic-Übungen, Kulturkritik und Klimakrise discohaft miteinander verwirbeln. Das wirkt ziemlich schräg, ist aber gleichzeitig auch faszinierend.
Dabei waren Chicks on Speed, kurz CoS, ursprünglich ein Produkt der Unzufriedenheit. 1996 studierten Melissa Logan und Alex Murray-Leslie in München. Logan kam aus New York, hatte dort schon ein Kunststudium begonnen, Murray-Leslie, Jahrgang 1970, stammt aus Australien. Bis zum Diplom blieben sie allerdings nicht, die Idee der Akademie, an der man sich für den Zugang zur Kunst bewerben muss, erschien ihnen zunehmend elitär und falsch. Kollaboratives, das beide damals interessierte, war dort verpönt. In einem Interview erinnerte sich Melissa Logan 2016 an einen Professor, der ihr nahelegte, stur minimale Farbfelder zu malen, um daraus eine erfolgreiche Marke zu machen.
Als Konsequenz verlagerten Logan und Murray-Leslie ihre Aktivitäten in die inoffizielle Seppi Bar – ein interaktives Kunstprojekt nach dem Vorbild des Cabaret Voltaire in Zürich, wo sich ab 1916 Dada etabliert hatte. So ähnlich stellte sich das Duo seine Kunst vor: gemeinsam Neues kreieren, alle Gattungen sprengen, provozieren und dabei queer-feministisch, ironisch wie auch kritisch-subversiv agieren. 1997 kam die Kostümdesignerin Kiki Moorse dazu, gemeinsam gründete man Chicks on Speed als multimediale Performance-Gruppe. Nach mehreren Audiokassetten und Singles erschien im Jahr 2000 ihr Debütalbum „Chicks on Speed Will Save Us all“, das sämtliche bis dahin veröffentlichten Songs enthielt: Electroclash im Stil der Neunzigerjahre mit Coverversionen von Bands wie den B 52s oder The Normal. Natürlich ordentlich zerlegt, die Texte dekonstruiert, der musikalische Ursprung manchmal kaum noch zu erkennen.
Trotz dieser für Popmusik eher untypischen Komplexität wurde einer der Songs ein Hit. „Kaltes klares Wasser“, den Chicks on Speed von der Berliner Punkband Malaria! übernommen hatten, kam auf Platz 16 der deutschen Popcharts. Bis heute spielt das Duo – Kiki Moorse stieg 2007 aus, seitdem verlassen sich die beiden für ihre Projekte auf ein mehr oder weniger festes Ensemble – tanzbaren Elektropop. Gleichzeitig hält es sich die Türen von Kunstinstitutionen wie dem Centre Pompidou, der Biennale von Venedig oder dem New Yorker MoMA offen. Letzteres lud Chicks on Speed 2006 im Rahmen seines Programms „PopRalley“ ein, hier performten sie gemeinsam mit dem Künstler Douglas Gordon.
Solche Kollaborationen sind Teil ihres Konzepts. Ebenfalls 2006 produzierte Alex Murray-Leslie im eigenen Chicks-on-Speed-Label die Compilation „Girl Monster“ mit drei CDs, auf denen Songs von Björk, Gudrun Gut, Barbara Morgenstern oder Peaches versammelt waren. Douglas Gordon produzierte seinerseits 2002 die Single „Fashion Rules“ von Chicks on Speed, die die Schnittstelle ihrer wechselnden Präsenz in der Musik- wie der Kunstszene markiert. „Fashion Rules“ ist ein Song über den Unsinn von Modediktaten. Man kann ihn sich pur anhören – oder ihn als Teil einer Performance erleben, wie sie etwa 2015 in der Bundeskunsthalle in Bonn aufgeführt wurde. Eine großartig absurdes Modespektakel zum Abschluss der Ausstellung „Karl Lagerfeld. Modemethode“ mit CoS auf der Bühne, deren Sprechgesang die scheinbar orientierungslosen Models anfeuerte, auf den Treppen des Museums zu stolpern und sich gestreifte Herrenhemden in immer neuen Improvisationen um die Körper zu winden.
Tatsächlich ist jede Performance einzigartig, die Inhalte entwickeln sich mit jedem Auftritt weiter. Stillstand wäre für Chicks on Speed gleichbedeutend mit künstlerischem Tod, sie haben sich ihre Spontaneität und Unabhängigkeit bewahrt. Auch wenn sie selbst inzwischen zum Establishment gehören: Alexandra Murray-Leslie als Professorin für digitale Performance an der Kunstakademie im norwegischen Trondheim, Melissa Logan als Speakerin auf Symposien, mit Workshops an Universitäten und ihrer Malerei. Dass auf die Modekritik von „Fashion Rules“ 2006 mit „Art Rules“ eine bissige Kunstmarktsatire folgte, hat die Liebe des Kulturbetriebs zu Chicks on Speed jedenfalls nicht erkalten lassen. Dabei ist ihre Polemik nicht zu überhören: „Where are all the women?“, singt Logan und beantwortet die Frage sehr doppeldeutig selbst: „They’re underneath the men.“
Den latenten Sexismus in der Musik- wie auch der Kunstszene ironisieren Chicks on Speed immer wieder. Aus dem Video „We Don’t Play Guitars“ von 2003, in dem es um die E-Gitarre als (phallisches) Symbol der Rockmusik und einen Diskurs aus jener Zeit geht, ob Musikerinnen überhaupt Gitarren nutzen sollten, resultierte ein neues Instrument: die High Heeled Shoe Guitar. Der Stöckelschuh, den Murray-Leslie trägt, ist mit drei Saiten versehen, in seiner Plateausohle verbirgt sich ein Mechanismus, der akustische Signale an einen Rechner schickt. Der „E-Schuh“ ist geboren, in späteren Auftritten sieht man das Kollektiv bald auch mit anderen Technologien experimentieren, die dank der Bewegung der Füße Elektrosounds erzeugen.
Tatsächlich geht es Chicks on Speed um in jeder Hinsicht grenzüberschreitende Interaktion. „My body is a weapon“, sangen sie in „Kaltes klares Wasser“, ihre körperliche Präsenz macht den Spaß am trashigen Auftritt authentisch. Absolut ernst ist dagegen der Protest gegen die von CoS identifizierte Macht des Patriarchats. Wenn das Museum Villa Stuck nach diversen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen nun mit der Ausstellung „Utopia“ wiedereröffnet, wird das einstige Wohnhaus des Malers Franz von Stuck mit jüngerer, feministisch aufgeladener Zeitgeschichte geradezu geflutet. 30 Jahre Chicks on Speed offenbart sich in Filmen ebenso wie in der 300 Objekte umfassenden Kostümsammlung von Ensemblemitglied Kathi Glas, die seit 2006 dabei ist. Es gibt szenografische Gemälde und Banner sowie ein Archiv der selbst gebauten, tragbaren Musikinstrumente und Klangskulpturen; dazu sechs interaktive iPad-Apps, die in Zusammenarbeit mit dem ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe entstanden sind. Architektonische Objekte aus der vorangegangenen Ausstellung im spanischen Espai d’Art Contemporani von 2024 überformen die Villa aus dem späten 19. Jahrhundert mit eigenen Elementen und multimedialen Projektionen. Vor allem aber darf Museumsdirektor Michael Buhrs die Veröffentlichung einer neuen kunstvollen Box aus fünf Schallplatten feiern, die Songs wie „MEAT&drag“ enthält. Sehr lustig, aber eben auch ein zeitkritisches Dokument zur aktuellen Schlacht zwischen Veganern und Fleischliebhabern.
„Utopia“
Museum Villa Stuck in München
bis 1. März 2026
Am 17. Oktober erschien bei Grönland Records das Vinyl-Boxset „HEARtopia“ mit fünf LPs, Booklet und einem Seidentuch