Der Unternehmer Erwin Hauser hat dem Lentos Kunstmuseum in Linz fast 3000 Werke überlassen. Damit transformiert er das Museum und stärkt die österreichische Kunstszene außerhalb Wiens. Eine Ausstellung gewährt erste Einblicke in die enorme Schenkung
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13.08.2025
Als das Lentos Kunstmuseum vor eineinhalb Jahren meldete, dass es demnächst die Sammlung des Unternehmers Erwin Hauser übernimmt, war dies nur wenigen überregionalen Medien eine Nachricht wert und den internationalen schon gar nicht. Dabei ist dieser Vorgang nicht nur für das Museum in Linz, sondern für die österreichische Kunstszene insgesamt bedeutend: Denn mit exakt 2994 Objekten, in dieser Zahl ist auch jedes einzelne Stück mehrteiliger Werke enthalten, stellt die Schenkung keine bloße Ergänzung dar, sondern wird die Sammlung und damit das Haus nachhaltig transformieren. So kommen allein zu den bis dato etwa 1800 Gemälden 1414 weitere dazu.
Das Museum ging aus der 1946 gegründeten Neuen Galerie der Stadt Linz hervor, 2003 zog es unter dem heutigen Namen in einen funkelnden Neubau mit wunderschönen Ausstellungssälen in Toplage, direkt an der Donau. Seit acht Jahren leitet die Kunsthistorikerin Hemma Schmutz das Haus. Sie übernahm es von Stella Rollig, die mittlerweile mit dem Wiener Belvedere eines der drei bedeutendsten Kunstmuseen Österreichs führt. „Die Sammlung Hauser passt aufgrund ihrer Breite perfekt zu unserer“, sagt Hemma Schmutz. „Sie ergänzt sie toll, beispielsweise in der österreichischen Biedermeiermalerei, auch bei den Phantastischen Realisten und bei der Künstlergruppe Wirklichkeiten.“
Es ist nicht leicht, die Schwerpunkte der Sammlung Hauser zu umreißen – die einzige Klammer scheint die österreichische Herkunft der 700 Künstlerinnen und Künstler zu sein sowie die zeitliche Eingrenzung vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Die alphabetische Liste reicht vom Maler Leon Abramowicz bis Franz von Zülow, einem Kunsthandwerker der Wiener Werkstätte; dazwischen hauptsächlich Malerei und Skulptur. Die Biedermeiermaler Friedrich von Amerling und Ferdinand Georg Waldmüller. Die Stimmungsimpressionistinnen Tina Blau und Marie Egner. Die Phantastischen Realisten Arik Brauer, Ernst Fuchs und Rudolf Hausner. Informelle Abstraktion von Wolfgang Hollegha, Josef Mikl, Markus Prachensky und Hans Staudacher. Geometrische Abstraktion von Hildegard Joos und Johanna Schidlo. Die Wiener Aktionisten Günter Brus und Hermann Nitsch. Neue Wilde wie Siegfried Anzinger, Herbert Brandl und Hubert Scheibl. Die Austro-Stars Valie Export, Maria Lassnig, Arnulf Rainer, Franz West und Erwin Wurm. Medienkünstlerinnen wie Brigitte Kowanz und Eva Schlegel. „Die österreichische Kunstgeschichte ist fast lückenlos abgebildet, vom 19. bis zum 21. Jahrhundert“, resümiert die Lentos-Sammlungsleiterin Elisabeth Nowak-Thaller. „Mit einigen Ausnahmen: Das Preisniveau für Gemälde von Klimt, Schiele und Kokoschka war auch für ihn nicht erreichbar.“
Erwin Hausers Vater gründete nach dem Weltkrieg eine Firma für Kühltechnik in Linz, der Sohn, 1941 geboren, stieg Mitte der 1960er-Jahre ins Unternehmen ein, das heute 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat. Er begann spät mit dem Kunstsammeln, erst nach seiner Pensionierung. Zuvor galt sein Interesse eher lokalen Bauernmöbeln, „Truhen und Kästen, Prunkstücke von Kunsttischlern aus Hirschbach, Eferding, St. Florian oder Gunskirchen“, wie Elisabeth Nowak-Thaller im Ausstellungskatalog schreibt.
Doch die Leidenschaft für bildende Kunst hatte schon lange in ihm geschlummert. Im Telefoninterview mit der Weltkunst erzählt er, wie er während des Studiums über zwei Kommilitonen damit in Berührung kam. „Meine Studienkollegen waren so kunstaffin, dass sie mit dem Rad fuhren statt mit der Straßenbahn, um Geld für die Kunst zu sparen.“ Er selbst wartete ab, bis ihm genügend Mittel zur Verfügung standen, um gleich in die Vollen greifen zu können. Als er mit dem Aufbau seiner Sammlung begann, studierte er täglich von 20 Uhr bis Mitternacht Ausstellungskataloge und Zeitschriften, durchforstete das Internet. So eignete er sich „autodidaktisch“ sein Wissen an, erzählt er, und verließ sich kaum auf Galerien. „Erwin Hauser hat seine Erwerbungen mit Bedacht getätigt. Es gibt in seiner Sammlung keine Schnellschüsse“, berichtet Hemma Schmutz. Und Sammlungsleiterin Nowak-Thaller „Er hat sich intensiv weitergebildet und kennt sich bei den Preisen sehr gut aus, manchmal besser als wir.“ Im Katalog beschreibt ihn der Auktionator Otto Hans Ressler, der einst das Wiener Auktionshaus Im Kinsky mitgründete und heute Ressler Kunst Auktionen führt, so: „Er ist ein wahrer Liebhaber der Kunst, aber er ist sich auch ihres materiellen Wertes bewusst. Er weiß, dass Geld schwer verdient wird und klug ausgegeben werden muss.“ Hauser selbst bestätigt das: „Die Werterhaltung war mir schon wichtig. Ich kenne Leute, die sehr viel Geld in ihre Sammlungen gesteckt haben – die später nichts mehr wert waren.“ Er selbst freue sich etwa darüber, dass er Martha Jungwirths Kunst zu einem Zeitpunkt kaufte, als ihre Gemälde nur wenige Tausend Euro kosteten. Heute erzielen sie regelmäßig sechsstellige Preise.
Die meisten Werke erwarb er bei Auktionshäusern, wo er dank geschickten Agierens manches Schnäppchen machen konnte. Obwohl er gern planvoll vorgeht, sprang er bei manchem erst auf den zweiten Blick an. Einmal bot ihm das Wiener Auktionshaus Im Kinsky eine Komposition von Franz Sedlacek, einem österreichischen Vertreter des Magischen Realismus, an. Zunächst stieß es bei ihm auf kein großes Interesse, doch dann nahm er es im Original in Augenschein: „Das war unglaublich!“ Nun ist es Teil der Schenkung. Vieles kaufte er auch direkt von den Künstlerinnen und Künstlern im Atelier. Der Kontakt zu ihnen, sagt er, sei ihm wichtig: „Von Künstlern habe ich gelernt, Bilder anzuschauen.“ Er verlasse sich stets auf sein eigenes Auge: „Kürzlich war etwas bei einer Kunsthändlerin ausgestellt, die mir eine halbe Stunde erklärte, was es ist. Doch wenn ich etwas nicht selbst erkennen kann, interessiert es mich nicht. Das Handwerkliche muss vorhanden sein.“ Das erklärt auch die Präsenz etwa der Phantastischen Realisten, einer spezifisch österreichischen Kunstströmung der frühen Nachkriegszeit, die heute jenseits der Landesgrenzen kaum auf Interesse stößt. Ins Schwärmen kann Hauser geraten, wenn es um die österreichische Abstraktion der Nachkriegszeit geht – Positionen wie Wolfgang Hollegha sind für ihn „der Höhepunkt der abstrakten Kunst“.
Erwin Hauser hätte seine Kollektion anderen Museen vermachen können, sie wäre auch in größeren Häusern willkommen gewesen. Wieso hat er sich für das kleine Lentos, fernab der Kunstmetropole Wien entschieden? Hauser betont gern, dass er sein Unternehmen in Linz aufgebaut hat, dass in seiner Sammlung zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Oberösterreich vertreten sind, neben Valie Export etwa Dietmar Brehm und Helmuth Gsöllpointner. Daher passe sie gut hierher. Zudem hätte sie, lässt sich hinzufügen, in einem Bundesmuseum mit extensiven Sammlungen eher more of the same als eine substanzielle Ergänzung geboten. Insofern lässt sich Hausers Entscheidung auch als starkes Zeichen für das Kunstgeschehen abseits von Wien deuten.
Im Lentos ist die Freude über das – laut Kuratorin Elisabeth Nowak-Thaller mit 16,5 Millionen Euro konservativ geschätzte – Konvolut naturgemäß riesig. Seit Langem engagierte sich Erwin Hauser im Freundesverein, auch als Vizepräsident. Nowak-Thaller erzählt: „Seit über zehn Jahren arbeiten wir sehr aktiv zusammen. Auch bei vergangenen Themenausstellungen konnten wir unkompliziert auf seine Sammlung zurückgreifen.“ Sie kannte die Bestände gut, hatte bereits öfter das Lager besichtigt: „Hier schlummerte eine riesige Sammlung im Verborgenen.“ Dabei fiel es nicht schwer, die Bestände in die des Museums zu integrieren: „Die Sammlung war bereits inventarisiert und digitalisiert. So konnten wir die Daten in unser Onlinearchiv übernehmen und schon jetzt alles öffentlich stellen.“
Zudem muss das Lentos keine neuen Depotflächen errichten: Es übernimmt das bestehende Magazin. Für dessen weiteren Betrieb stellen die Stadt Linz und die Republik Österreich eine Finanzierung bereit. Die Schenkung selbst erfolgt, vertraglich abgesichert, auf Hausers Todesfall – genau genommen ist dann die Stadt Linz Eigentümerin, das Lentos das dafür zuständige Museum. Aktuell hat die Kollektion den Status einer Dauerleihgabe. Dafür verpflichtet sich das Haus, wesentliche Bestände der Sammlung permanent zu zeigen. Zudem benannte es seinen großen Ausstellungsraum in „Erwin-Hauser-Saal“ um. Bis Oktober gibt eine Ausstellung erste Einblicke in den erfreulichen Zuwachs, 2026 wird die Kollektion wesentlich in die Neuhängung der Dauerausstellung einfließen. „Viele Museen machen lieber Wechselausstellungen“, sagt Direktorin Hemma Schmutz. „Unser Anspruch ist, dass immer auch – auf 1500 von 2500 Quadratmetern im Obergeschoss – die Sammlung zu sehen ist. Wir wollen dem Publikum ermöglichen, die Kunstgeschichte zu begreifen. Und je mehr Werke wir haben, um sie zu exemplifizieren, desto besser.“
Auch kann das Museum ab sofort mit einer weitaus höheren Anzahl an potenziellen Leihgaben aufwarten, ein großer Vorteil. „Wenn wir großzügig leihen, können wir das umgekehrt auch von den Leihnehmern erwarten“, erklärt Nowak-Thaller. „Das zeigen uns die sehr guten Erfahrungen, die wir mit internationalen Häusern gemacht haben. Für unsere Ausstellungen ist das sehr wichtig.“
Dass Erwin Hauser seine Werke überhaupt hergibt, ist auch seiner Tochter zu verdanken. Sie wollte von ihm wissen, was nach seinem Ableben damit geschehen solle. Einige seiner Bekannten hätten ihm, erzählt Hauser, vorgeworfen, dass er seinen Kunstschatz im Verborgenen hüte. Ganz stimmte das freilich nicht, in halböffentlichen Ausstellungen in seinem Bauernhaus bei Linz zeigte er immer wieder Werke. Einer größeren Öffentlichkeit war die Sammlung bis dato freilich unbekannt. Die Entscheidung zur Schenkung traf er mit Bedacht – aber nicht nur mit lachendem Auge. „Am Anfang habe ich schon ein wenig daran gekiefelt“, gibt er zu. Im Katalog spricht er gar davon, einen Nachmittag lang „wie ein Schlosshund“ geheult zu haben.
Wäre ein eigenes Museum eine Option gewesen? Häuser privater Sammler und Sammlerinnen sind fester Teil des internationalen Kunstgeschehens – traditionelle wie die Londoner Wallace Collection, die New Yorker Frick Collection und die Baseler Fondation Beyeler oder neuere Gründungen wie das Museum Barberini in Potsdam oder in Österreich die Wiener Heidi Horten Collection. Unweit von Linz, in Thalheim bei Wels, betreibt der Sammler Heinz Josef Angerlehner ein Museum. Doch was dieser für sein Museum ausgebe, erzählt Hauser, „konnte ich in die Kunst investieren. Daher stellte sich für mich die Frage nach einem eigenen Museum nie.“
Hausers umfangreicher Bestand definiert die Gewichtung der bestehenden Sammlung neu. Besaß das Lentos zuvor mehr deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts als österreichische, dreht sich das Verhältnis nun um. Freilich kann kein noch so großes Konvolut die Kunst einer Epoche ganz abdecken: Die das 20. Jahrhundert und die Gegenwart prägenden konzeptuellen und performativen Ansätze sind eher wenig vorhanden, ebenso wie Videokunst und Fotografie. Auch der Anteil an Künstlerinnen ist sehr niedrig – trotz vieler jüngerer Positionen wie Anna Jermolaewa, Elke Krystufek und Deborah Sengl. Stattdessen stößt man in der Datenbank auf konservative Dorfansichten und brave Landschaftsaquarelle von nur regional bekannten Künstlern. Doch auch solche Bilder gehören zum Profil einer Sammlung – und finden sich, egal ob privat oder öffentlich erworben, in jedem Museum.
Nicht alles, was Erwin Hauser gesammelt hat, übergab er dem Lentos. Manches behielt er, anderes hängt bis heute in seinem Unternehmen. Das Vorhaben, nach der Übergabe mit dem Kunsterwerb aufzuhören, scheiterte bald. Doch erwarb er zuvor rund 180 Werke pro Jahr, hält er sich nun zurück, berichtet er. „2024 habe ich nur fünf Werke gekauft. Ich kann bestenfalls noch etwas an die Decke hängen.“