An der Ostsee fand Elisabeth von Eicken das Motiv für ihre Kunst – und den Fluchtpunkt für ihr wechselvolles Leben. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Ahrenshoop und eine neue Biografie entdecken nun die Malerin
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23.12.2021
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 194
Mitten im Ostseebad Ahrenshoop, 100 Meter von der markanten Bunten Stube entfernt, fällt an der Dorfstraße das Hotel Elisabeth von Eicken ins Auge. Die leuchtend weiße Verschalung, der mediterrane Turm, die verspielte Anordnung von Neogotik, Jugendstil und Neuer Sachlichkeit sind unübersehbar. Das ist die Gestalt, die die Malerin Elisabeth von Eicken ihrem Haus zuletzt gegeben hat. Sie selbst hat es „Haus Elisabeth“ genannt. Da ist sie 35 Jahre alt. In dem Jahr heiratet sie den verarmten mecklenburgischen Landedelmann Henry Edler von Paepcke, aber nutzt den neuen Familiennamen nur in offiziellen Dokumenten.
Als Malerin hat sie längst einen geachteten Ruf unter ihrem Mädchennamen. Sie beschickt die wichtigen Ausstellungen in Berlin, München, Dresden und anderen deutschen Städten. Auch in London, Paris oder Venedig ist sie präsent. Sie gilt als „romantische Waldmalerin“ und fügt die Farben in leichter Harmonie im scheinbar spielerischen Umgang mit der Motivfülle der Natur. Die Presse feiert sie: „Die Künstlerin verfügt über ein feines Verständnis für die intimen Reize der Landschaft, das wir bei der Schule von Fontainebleau bewundern.“ Der Verweis auf Fontainebleau südlich von Paris, den Geburtsort der Freilichtmalerei, ist bewusst gewählt. Sie hat in den späten 1880er-Jahren in Paris bei Edmond Yon Privatunterricht erhalten. Ihr Lehrer ist bei den Freilichtmalern gut vernetzt. Zuvor hat sie in Italien, in der Schweiz und Österreich die Landschaft lieben gelernt.
Geboren ist Elisabeth 1863 in Mülheim an der Ruhr. Der Vater stirbt, als sie zehn Jahre alt ist. Die Mutter ist mit fünf unmündigen Kindern überfordert und verbringt den Rest ihres Lebens in einem Heim. Die Kinder sind zwar finanziell gut versorgt, aber wachsen in unterschiedlichen Familien auf. Obendrein hat Elisabeth Leukämie, deshalb reist sie viel in jungen Jahren. Die Ortswechsel helfen, sie wird geheilt – und sie wird Malerin.
Um 1892 kehrt sie nach Deutschland zurück und lässt sich in der Kunstmetropole Berlin nieder. Sie findet Kontakt zum Verein Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, dieser geballten Kraft kunstinteressierter und Kunst ausübender Frauen. Im selben Jahr stellt sie erstmals in mehreren Ostseestädten aus. Ein Jahr später belegt eine datierte Skizze, dass sie die Künstlerkolonie Ahrenshoop kennenlernt. Dort haben Männer das Sagen. Paul Müller-Kaempff und Friedrich Wachenhusen betreiben die Privatschule St. Lukas für die sogenannten dilettierenden Frauen. Doch Elisabeth von Eicken muss nicht mehr lernen. Sie hält mit den Herren Lehrern mit. Außerdem ist sie eine gute Pianistin. „Immer heiter, fröhlich und voll Optimismus“ spricht sie fließend Englisch und Französisch, heißt es später in ihrer Patientenakte. Auch die „großen strahlend blauen Augen, ihre langen, dicken Zöpfe“ und ihr natürliches Auftreten haben die Herren sicherlich verwirrt. 1894 kauft sie in Ahrenshoop ein Grundstück, zunächst nur für ein kleines Haus mit einem Sommeratelier. Besonders der urwüchsige Darßwald hat es ihr angetan. Sehr individuell sind ihre mit feinem Pinsel gemalten detaillierten Darstellungen von Bäumen und Ästen, Laub in den verschiedensten Färbungen, von Farnen, Moosen und Flechten. Oft ist dunkles Wasser zu sehen. Die frühen Arbeiten atmen eine mystische Atmosphäre, die sie in die Nähe der Symbolisten führt. Diese Stimmung ist noch heute zu spüren, wenn man den Wald um Ahrenshoop durchstreift, am besten im Nebel oder bei schrägem Sonnenlicht.
Die Winter verbringt sie in Berlin und genießt dort das Presselob: „Die Bilder „November im Walde“, „Am Graben“, der zwischen kahlen Waldbäumen fließend den blauen Himmel tiefblau zurückspiegelt, und „Sommerabend“ sind malerische Schöpfungen von hohem Range, in denen das tiefe, feine und innige Naturgefühl der Künstlerin und ein ungewöhnliches gereiftes Können sich erfreulich offenbaren.“ So heißt es in der Beilage zur Vossischen Zeitung 1896. Der Erfolg gefällt ihr. Da sie vermögend ist, kann sie sich einen eigenen Stil leisten. Sie muss nicht „gefällig“ sein. Auch privat bleibt sie unabhängig: Nach der Heirat vereinbart sie Gütertrennung. Ihre Bilder signiert sie weiter mit dem Mädchennamen „E. v. Eicken“. Später nennt sie diese Signatur „nom de guerre“. Denn sie fühlt sich in einer Art Kriegszustand gegen männliche Vorurteile. Auch namhafte Kunstkenner sind damals der Meinung, dass malende Frauen „degenerieren“ würden. Doch das ficht sie nicht an.
Ihr Domizil in Ahrenshoop baut sie 1897 winterfest aus. Nun entstehen Winterbilder in einer neuen kraftvollen Malweise. Drei Kinder bringt sie zur Welt. Neben Kunst und Familie lässt sie sich in Berlin-Grunewald auch noch ein Landhaus nach eigenen Entwürfen mit sechs Wohnungen bauen. Zu ihrer eigenen Wohnung gehört ein 70 Quadratmeter großes Atelier. Sie hat immer noch Vermögen aus der Erbschaft und verdient zudem mit dem Verkauf ihrer Bilder. Außerdem bemalt sie Porzellan für die Königlich Preußische Porzellanmanufaktur und versucht sich mit ihren Motiven an Gobelins. Diese zeigt sie 1904 auf der Weltausstellung im amerikanischen St. Louis. Bei Berlin will sie kleine Einfamilienhäuschen bauen lassen, sie „hübsch einrichten, mit meinen Bildern schmücken, Möbel auf Abzahlung anschaffen und dann die Häuser verkaufen oder vermieten als Weekend-Häuser“. Ihr Arbeitspensum ist enorm, sie absolviert es voller Optimismus, während Ehemann und Geschwister die mitunter riskanten Unternehmungen misstrauisch beobachten.
Die Kunstkritik schwärmt weiter: „Frau von Eicken ist uns nun schon seit Langem vertraut“, schreibt 1906 die Rostocker Zeitung. „Sie ragt als Künstlerin über dem – der Himmel verzeihe mir die Offenheit – ziemlich miserablen Durchschnitt weiblichen Kunstschaffens sehr beträchtlich hinaus. Sie versteht es, aus einer Landschaft das Charakteristische sicher herauszuholen und es, leicht idealisiert, mit gediegenen technischen Mitteln wiederzugeben.“ Einige Kritiker nennen sie bereits „Die Eicken“. Etliche Motive malt sie aufgrund der Nachfrage mehrfach. Leider mehren sich in dieser Zeit erste gesundheitliche Probleme. Sie ist übergewichtig und leidet unter Kreislaufproblemen. Die verordneten Wasserkuren helfen nicht. Doch selbst vom Krankenbett aus organisiert sie ihre Ausstellungsbeteiligung.
Seit 1900 ändert sich ihre Malweise mit einem sichtbaren Stilwandel. „Sie geht danach mit Wissen und Können etwas verschwenderisch um. Es ist aber – am Ende weiß sie’s selber – ein gefährlicher Weg, der zur Verflachung führt; das einzelne Werk versinkt auf die Weise in der Flut. Nichts hebt sich mehr heraus“, meint die Kunstkritik zu beobachten. Doch der Kritiker verwechselt ihre neue Malweise mit Verflachung und Flüchtigkeit. Es ist der reduzierte, kraftvolle Pinselstrich, den sie jetzt bevorzugt. Der Farbauftrag wird immer pastoser. Sie fasst ganze Flächen in ihren Bildern expressiv zusammen und legt sie mit breitem Strich an. Ahrenshoop bleibt ihr beliebtestes Motiv. Dort erlebt sie vom Hohen Ufer aus die Gewalt des Meeres bei Sturm und bringt ihre Gefühle auf die Leinwand.
Doch ihre teilweise spekulativen wirtschaftlichen Unternehmungen laufen aus dem Ruder. Die Probleme drücken. Im Jahr 1909 muss sie das Anwesen in Ahrenshoop mit dem gesamten Inventar „sowie Gemälden“ verkaufen. Ihr Wohnrecht behält sie. Elisabeth von Eicken ist nun 50 Jahre und meidet immer mehr das Ausstellungsgetümmel. Im Jahr 1912 veranstalten die Neubrandenburger Kunstsammlungen eine Personalausstellung mit ihren Arbeiten. Die örtliche Presse entdeckt: „einige mit einem gewissen mystischen Dunkel und einem etwas reichlich vorherrschenden Blau. Entzückend aber versteht die Künstlerin mit kräftigem breiten Pinsel reizvolle landschaftliche Motive Norddeutschlands auf die Leinwand zu bannen.“ In ihrer euphorischen Art sucht sie nach Deutungen und Ursachen für ihre Probleme.
Immer mehr wächst der Druck, ihre Familie, die Verwaltung ihrer Immobilien und ihre Kunst unter einen Hut zu bringen, hinzu kommen weitere finanzielle Probleme. Außerdem suchen sich die traumatischen Belastungen aus ihrer Kindheit und Jugend ihren Raum. Sie leidet unter Halluzinationen und flieht in eine irreale Welt. Noch während der Ausstellung in Neubrandenburg erfolgen ihre Entmündigung und Einlieferung in eine Klinik wegen „wahnhafter Ideen“. Nach einigen Monaten wird sie entlassen, bleibt aber unter Kuratel. Die Familie zieht sich während des Ersten Weltkrieges nach Ahrenshoop zurück. Doch die Künstlerin malt weiter. Offenbar entstehen in der Zeit Werke mit einer ungeheuren Energie, die sie aber nicht ausstellt. Im letzten Kriegsjahr ist noch einmal eine Arbeit von ihr in Rostock zu sehen. Auf weiteren Ausstellungen ist sie danach nicht mehr präsent.
Elisabeth von Eicken bleibt in Ahrenshoop als eine der letzten Mitgründerinnen der Künstlerkolonie. 1921 erreicht sie wieder volle Rechtsfähigkeit und tilgt durch die Inflation sämtliche Schulden. Sie erhält ihr „Haus Elisabeth“ zurück. In Berlin erwirbt sie zwei Mietskasernen, „richtige Proletenhäuser“ und sichert „eine gute Existenz für ihre Familie“, so zitiert sie ihre Patientenakte. Andere Projekte scheitern. 1927 tritt sie aus dem Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen aus.
Doch ihre „Wahnideen religiösen Inhalts“, wie es heißt, nehmen wieder zu. 1931 wird sie erneut entmündigt, zu ihrem Vormund wird der spätere Widerstandskämpfer Klaus Bonhoeffer ernannt. Sie kommt zu zwei Schwestern in Michendorf in private Pflege. 1940 stirbt Elisabeth von Eicken in Potsdam. Auf ihren Wunsch erfolgt die Beisetzung in Ahrenshoop. Sie kehrt zurück in ihre geliebte Ostseelandschaft.
„Die Eicken – Malen gegen männliche Vorurteile“,
Kunstmuseum Ahrenshoop,
bis 16. Juni
„Elisabeth von Eicken“,
von Wolf Karge
Edition Fischerhuder Kunstbuch,
Verlag Atelier im Bauernhaus, 2021
160 Seiten, 26,80 Euro