05.07.2018 Tim Ackermann

Côte d'art: Die Fondation Carmignac auf Porquerolles

Auf der Insel Porquerolles verwirklichte ein französischer Sammler seinen Traum. Er ließ ein Museum bauen, so berauschend wie die Natur, die es umgibt

Die Fahrt ins Glück dauert fast 23 Minuten. Länger als sonst. Wahrscheinlich wegen der Wellen, die unregelmäßig vorn ans Taxiboot knallen. Normalerweise zählt man an der französischen Côte d’Azur pro Jahr über 300 Sonnentage. Doch an diesem Morgen hat es geregnet, und auch jetzt raubt ein diesiger Schleier über dem gar nicht mehr so blauen Meer die Sicht. Erst nach zehn Minuten meint man, sie erstmals zu erkennen – die Insel, deren bewaldeter Hügelrücken sich dunkel aus dem Wasser hebt. Im Dunst hat ihr Anblick etwas Außerweltliches: So, als wolle sie für immer Sehnsucht bleiben. Doch wenige Minuten später gelangt das Boot in ruhiges Wasser. Die Wolkendecke reißt auf, und plötzlich liegt es vor einem – mit seinem Hafen, den Booten und bunten kleinen Häusern. Das Glück in Gestalt einer Insel. Oder auch: Porquerolles. Sieben Kilometer lang und nur drei Kilometer breit. Geformt wie ein Croissant. Ein Eiland in der Sonne, dessen erster Anblick vom Boot aus den Schriftsteller Georges Simenon „tief bewegte“. Und nicht nur ihn, sondern 1,4 Millionen Tagestouristen in den Sommermonaten. Es gibt eine pittoreske Steilküste im Süden, Traumstrände im Norden.

Braucht dieses Paradies ein Kunstmuseum?

Um diese Frage zu klären, bin ich hier: Die private Kunststiftung Fondation Carmignac aus Paris eröffnet auf Porquerolles ihr Museum. Doch zuerst nehme ich den Weg zum Dorfplatz, um im Hotel Villa Sainte Anne einzuchecken. Die Chefin Adèle Le Ber, vor 31 Jahren auf der Insel geboren, ist eine Urenkelin von François Joseph Fournier, der als Abenteurer in Mexiko mit einer Goldmine ein Vermögen anhäufte und 1912 einen Großteil des noch verschlafenen Porquerolles als Hochzeitsgeschenk für seine junge Frau Sylvia ersteigerte. Die beiden zogen hierher, bekamen sieben Kinder und öffneten die Insel behutsam für den Tourismus. Am Ende ihres Lebens sorgte sich Sylvia Fournier um die Zukunft: „Meine Urgroß­mutter ahnte, dass es nur zwei Möglichkeiten gab“, erzählt Adèle Le Ber: „Entweder Immobilieninvestoren zu holen, die hier riesige Hotelklötze errichtet hätten, oder Porquerolles an den Staat zurückzugeben.“ Glücklicherweise entschied sie sich für die zweite Option: Seit 1971 ist die Insel Naturschutzgebiet, nahezu autofrei und die Bevölkerung mit 300 Einwohnern überschaubar.

Miquel Barceló, L’Alycastre, 2018 - Bronze avec patine © Fondation Carmignac - Photo Marc Domage
Miquel Barceló, L’Alycastre, 2018 - Bronze avec patine © Fondation Carmignac - Photo Marc Domage

„Das Besondere an Porquerolles sind die Natur und die Menschen, die hier leben“, erklärt Adèle Le Ber. Respekt für beide schärft sie ihren Gästen ein. Zur Fondation Carmignac geht es also zu Fuß – auf einem der typischen Sandwege, unter Kiefern und Schirmpinien, bis man vor einem großen Metalltor steht, das am Tag ins Gebüsch zurückgezogen wird. Wer seine Tasche im Garderobenschrank einschließen möchte, findet ihn versteckt in einem Hain junger Steineichen. Auf dem Hauptweg serviert Charles Carmignac, 39 Jahre alt und neuerdings Museumsdirektor, einen Becher geheimnisvollen Kräutersud, um die „Aufnahmefähigkeit des Besuchers zu unterstützen“. In wenigen Minuten wird er mich noch bitten, im Museum die Schuhe und Socken auszuziehen, um die Energie des Steinbodens besser zu spüren.

Doch für den Moment setzt sich Carmignac auf eine Mauer in die Abendsonne. Seine braunen Augen blinzeln unter dem dunklen Lockenschopf. „Unser Projekt ist komplett in die Landschaft integriert“, sagt er und lässt den Blick zur Villa auf dem kleinen Hügel wandern. In diesem steckt – gut verborgen – die Kunst. Das alte Bauernhaus inmitten von 35 Hektar Weinstöcken baute der Architekt Henri Vidal in den Achtzigerjahren zu seinem Landsitz um. Als eine seiner Töchter dort den Schauspieler Jean Rochefort ehelichte, war auch der Fondsmanager Édouard Carmignac eingeladen. Vielleicht hat die Magie jener Nacht, in der Jean-Paul Belmondo per Hubschrauber einflog, eine Rolle gespielt: Édouard Carmignac jedenfalls signalisierte sofort Kaufbereitschaft für die Villa – und musste doch noch Jahrzehnte warten.

2000 Quadratmeter unter der Erde

2012 verkündete er den Plan für das Museum. Doch die Lage kam mit Auflagen: „Wir durften keinen Meter Erdboden für die Erweiterung der Villa aufwenden“, erzählt sein Sohn. „Also haben wir unter der Erde gebaut.“ Rund 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche unterirdisch zu verstecken hatte seinen Preis. Über den bei den Carmignacs – wie bei so vielen Privatsammlern – diskret geschwiegen wird. Geld dürfte kaum zu den Sorgen von Édouard Carmignac zählen. Der 70-Jährige verwaltete im ersten Quartal dieses Jahres mit seiner Firma Carmignac Gestion Anlagen im Wert von 55 Milliarden Euro. Sein privates Vermögen schätzt Forbes auf 1,8 Milliarden Dollar. Und als er im vergangenen Jahr mit seinem Sohn die Kunstmesse Art Basel besuchte, kehrten die beiden leichterhand mit dem Gerhard-Richter-Gemälde „Horst mit Hund“ (1965) zurück, dessen Anfragepreis nach Medienberichten bereits 2014 bei 6 bis 7 Millionen Dollar lag. Ansonsten wusste man bisher eher wenig über die gut 300 Werke zählende Carmignac-Kollektion, die auf die Firmensitze in Paris, London, Miami oder Luxemburg verteilt war.

© Fondation Carmignac – Photo Marc Domage

Der Weg in die Schatzhöhle führt jetzt nicht nur durch den ebenerdigen Museumsshop, dessen Panoramafenster einen fantastischen Blick auf den Garten und die dahinter liegende Bucht La Courtade gewähren, sondern auch vorbei am „Alycastre“, der den Eingang der Villa bewacht. Der spanische Künstler Miquel Barceló hat die Kopffüßlerfigur aus Bronze nach dem legendären Drachen von Porquerolles benannt. Mythologische Stimmungen ereilen den Besucher auch im Inneren, wenn er – jetzt barfüßig – die Steintreppe ins schummerige Untergeschoss hinabsteigt. Denn das blaue Seil, das der Hand zunächst als Sicherung dient, entpuppt sich als trügerischer Ariadnefaden: Schon bald teilt es sich in feine und immer feinere Fäden auf, die jeweils in einem einzelnen Nagel enden. Am Schluss überzieht ein dichtes blaues Netz die Treppenwand. Geschaffen wurde die wundervolle Arbeit mit dem Titel „Ciclotrama 50 (wind)“ von der kaum bekannten brasilianischen Künstlerin Janaina Mello Landini – was auch schon auf ein Merkmal der Kollektion hinweist: „Es ist eine eklektische Sammlung“, so Charles Carmignac. „Neben wichtigen Werken von Warhol, Lichtenstein oder Richter finden sich genauso Arbeiten von weniger berühmten Künstlern, die mein Vater auf seinen Reisen in Asien und Lateinamerika entdeckt hat.“ Diese Sammlung, erläutert er, sei wie ein Orchester. „Ich habe jetzt die Aufgabe, es zum Spielen zu bringen.“

Kunst trifft Musik

Charles Carmignac war lange Gitarrist bei der frankoamerikanischen Folkrock-Band Moriarty. Seit er vor 18 Monaten die Kunststiftungsdirektion übernahm, pausiert er mit der Musik. Obwohl: „Unser Kunstparcours ist ziemlich musikalisch“, erklärt er. „Ich habe eigens eine Partitur für die Ausstellung geschrieben – eine Intensitätskurve mit Höhen und Tälern.“ Bei Moriarty hätten sie das vor jedem Konzert so gemacht. „Und der Rundgang ähnelt jetzt einem Tanz um die Linie der Erdoberfläche herum.“ Den architektonischen Einfällen des Genfer Büros GMAA ist es zu verdanken, dass die unterirdische Kunstpromenade wirklich keinerlei Maulwurfsgefühle aufkommen lässt. Nach dem eher schummerigen Entree folgt hinter einer Tür gleich ein durch künstliches Licht hell erleuchteter Raum. Bei Bruce Naumans großflächiger Installation „One Hundred Fish Fountain“ (2005), die Édouard Carmignac in der Gagosian Gallery gekauft hat, prasselt Wasser aus hundert Mündern von Bronzefischen in ein Bassin und erzeugt dabei einen ohrenbetäubenden Lärm.

Schlagartig aufgerüttelt, ist man danach besonders aufnahmebereit für die meditative Leere des zentralen Raums im Untergeschoss, den man als Geniestreich der Architekten bezeichnen muss: Hier wurde die Decke durch eine Glasscheibe ersetzt, die gleichzeitig den Boden für das Zierbassin auf der Villenterrasse bildet. Vom Wasser gefiltertes Tageslicht streut in die benachbarten Ausstellungskabinette. Die Kunst, so stimmungsvoll in Szene gesetzt, hat hohen Wiedererkennungswert wie die zwei Kommunistenporträts von Warhol (ein Lenin, ein Mao). Man bewundert ein abstraktes Werk von Gerhard Richter von 1982 und ein figurativ verwischtes, „Evelyn (blau)“, aus dem Jahr 1964. Farblich kontrastiert wird Letzteres von einem zwei Jahre früher entstandenen titellosen Frauenporträt in Rot, das der französische Popkünstler Martial Raysse gemalt hat.

Joe Goode, Shark Bite, 2014
Joe Goode, Shark Bite, 2014

Und das motivische Dialogprinzip setzt sich fort: Im nächsten Kabinett beäugen vier blonde Comic-Ladies von Roy Lichtenstein die Neue in ihrem Kreis: Sandro Botticellis „Madonna mit dem Granatapfel“ – eine Gemeinschaftsarbeit (um 1487) von Künstler und Werkstatt, die im vergangenen November bei einer Auktion im Hôtel Drouot in Paris für 500000 Euro zugeschlagen wurde. Dieser Exkurs in die Hochrenaissance überrascht. Planen die Carmignacs, noch andere Altmeister zu erwerben? „Ich glaube nicht, denn nur die Malerei Botticellis entspricht dem Esprit meines Vaters“, sagt Charles Carmignac. „Er schätzt an Botticelli, dass dieser die Kunst des Mittelalters überwunden und den weiblichen Figuren die Sinnlichkeit zurückgegeben hat. Genauso wie Lichtenstein: Seine Frauenmotive sind sehr sinnlich, obwohl er mit seinen Rastermustern Gestaltungsprinzipien der Industrie verwendet.“

Was gibt es sonst noch zu sehen?

Jeweils ein Bild von John Baldessari, Marlene Dumas, Alexander Calder, Yves Klein, Willem de Kooning, Cindy Sherman, Günther Uecker. Bisweilen wirkt es, als habe hier jemand mit dem Lexikon der wichtigsten Künstler des späten 20. Jahrhunderts in der Hand gesammelt. Ober eben mit Sinn für Investment. Dieses Gefühl legt sich allmählich, sobald man durch den Garten spaziert, an Olivenbäumen und Kaktusfeigen vorbei, und die Skulpturen betrachtet, die Künstler im Dialog mit der Umgebung geschaffen haben. In einem Kiefernwäldchen stößt man auf ein Nest gigantischer Marmoreier von Nils-Udo („La couvée“). Auf einer Wiese hat Olaf Breuning sein Skulpturmonster „Mother Nature“ aufgestellt, das mit roten Stahlzähnen in Buchstabenform verkündet: „I am Mother Nature and I will eat you!“ Das ist, gerade an diesem Ort, eine Warnung vor der menschlichen Hybris.

Um das Spiegellabyrinth von Jeppe Hein am Ende des Gartens habe man als Auflage Schilfrohr pflanzen müssen, damit keine Vögel gegen die spiegelnden Stehlen flögen, erzählt Charles Carmignac: „Ein Naturschutzgebiet bringt eben Zwänge mit sich. Aber als Musiker weiß ich: Erst durch Zwänge wird man richtig kreativ.“ Eine feine Dramaturgie hat der Kunstgartenrundgang – da spielte wohl die Inszenierungserfahrung des Sammlersohns ihre Rolle. „Mein Vater und ich haben komplementäre Persönlichkeiten. Er schätzt starke Bilder“, sagt Charles Carmignac. „Und mich interessieren auch Dinge, die stärker im Inneren wirken und ein bisschen unsichtbarer sind. Von der Schönheit eines Konzepts fühle ich mich angezogen.“

Bleibt die Frage, wie er als Direktor das Museum prägen wird. Konzerte, Tanz- und Theateraufführungen würde er gern stattfinden lassen, erzählt er. Den Ort öffnen. Auch über die Insel hinaus, mit internationalen Kooperationen: „Ich bewundere das Museum Insel Hombroich bei Neuss. Die Familie Müller hat mit den Pavillons von Erwin Heerich inmitten der Natur einen Ort geschaffen, an dem die Kunst wunderbar rein und frei erscheint.“ Und was würde er selbst gern kaufen, für das Museum? „Ich verehre den Lichtkünstler James Turrell. Aber noch lieber würde ich der Zukunft begegnen. Den bisher noch unbekannten künftigen Schülern von Turrell.“ Er sagt es leise und ein wenig, als würde er träumen. Die Abendsonne schwindet.

Nachts auf Porquerolles

Bald senkt sich die Nacht über Porquerolles. Am Hafen haben die Dorfjugendlichen eine Barterrasse geentert. Zwei Mädchen tanzen zwischen den Stühlen Salsa. Sonst ist alles ruhig. Beim Abendessen treffe ich Adèle Le Ber und frage sie, was sie vom neuen Museum hält. „Wir haben mehr als genug Touristen im Sommer“, entgegnet die Hotelchefin. „Wenn die Carmignacs also Porquerolles helfen wollen, müssten sie ihr Museum auch im Winter öffnen und durch Aktivitäten beleben.“ Das allerdings ist bisher nicht geplant. Die Fondation Carmignac wird vom 4. November bis Anfang April 2019 geschlossen bleiben. Am Morgen vertreiben Hahnkrähen und Taubengurren noch vor Tagesbeginn den Schlaf. Beim Spaziergang über den Dorfplatz begegnet mir keine Menschenseele.

In der Dämmerung laufe ich den Hügel hinauf. Über dem Strand von La Courtade geht die tiefrote Sonne auf und steigt weiter hinein in die letzte verbliebene Regenwolke. Das gedämpfte Licht taucht die Bucht, die Schirmpinien und den kleinen Tafelberg an der Inselspitze in zartes Rosa. Ich wähne mich in den Tropen, in Afrika. Weiter gehe ich den Weg entlang, eine ganze Weile und erreiche den Strand Notre Dame. Zwischen den Kiefern leuchtet das Meer azurblau. Ich tauche ins Wasser und schwimme hinaus in die Bucht, zwischen einigen kleinen Segeljachten hindurch, die hier ankern. Als ich mich umdrehe, liegt der Strand still und einsam da. Hat dieses Paradies ein Kunstmuseum nötig? Nicht unbedingt. Aber wenn man den schönsten Ort für ein Museum wählen dürfte, es müsste Porquerolles sein.

Service

Anreise

Der Weg zur Fondation Carmignac 

Man fliegt nach Marseille oder Nizza und fährt dann mit dem Auto oder Taxi in eineinhalb bzw. eindreiviertel Stunden zum Hafen La Tour Fondue auf der Halbinsel Giens.
Das Boot legt in der Hochsaison 18-mal am Tag ab.

 

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 145 / 2018