16.08.2017 Lisa Zeitz

Missklänge aus dem Cellokasten

Der jüngste Fälschungsskandal betrifft renommierte Museen ebenso wie den Kunstmarkt. Es geht um viele Millionen Euro

Sammler und Kunsthändler, aufgepasst! Ein neuer Betrugsfall erschüttert die Kunstwelt, und seine Aufdeckung hat gerade erst begonnen. Ende Juli hat Tobias Timm in einem ZEIT-Dossier seine über zwei Jahre laufenden Recherchen zu einem der „größten Fälschungsskandale der Nachkriegszeit” veröffentlicht. Jetzt sind Sie gefragt: Befindet sich der Stempel „Kurt Benedict” auf einem Ihrer modernen Kunstwerke?

Verdächtiger Stempel
Verdächtiger Stempel "Kurt Benedict" auf dem Relief, das laut Berlinischer Galerie eine Fälschung ist

Ein Kunstwerk aus der Berlinischen Galerie hat den Stein ins Rollen gebracht

Wie im Fall Beltracchi ist wohl nicht nur Kunst gefälscht worden, man suchte sich auch gleich noch die passende Geschichte zu ihrer Herkunft. Wolfgang Beltracchis gefälschte Aufkleber mit dem Porträt des Galeristen Alfred Flechtheim gaukelten den Sammlern eine historische Provenienz vor – bis sie zum Alarmsignal wurden. Ähnlich könnte es sich jetzt verhalten. Über Jahre hat die Provenienz „Kurt Benedict” Objekten Glaubwürdigkeit verliehen. Einen Kunsthändler Dr. Curt Benedict – er schrieb seinen Namen selbst mit C, nicht mit K – gab es tatsächlich in Berlin. Als Jude emigrierte er 1933 nach Frankreich, später in die Schweiz. Doch war er als Altmeisterhändler bekannt, nicht als Sammler moderner Kunst. Angeblich wäre er in den Zwanzigerjahren nach Russland gereist, um Kunst der Avantgarde einzukaufen, doch dieses Kapitel in seiner Vita ist sehr fraglich.

Laut der Berlinischen Galerie nicht authentisch: Wladimir Wassiljewitsch Lebedew,
Laut der Berlinischen Galerie nicht authentisch: Wladimir Wassiljewitsch Lebedew, "Ohne Titel (Synthetisches Musikinstrument)", Holzrelief (Foto: Postkarte der Berlinischen Galerie)

Ein Werk aus der Berlinischen Galerie, dem Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, hat den Stein ins Rollen gebracht: Jahrzehntelang galt das Holzrelief „Ohne Titel (Synthetisches Musikinstrument)” (Abb.) als Werk von Wladimir Lebedew, der Werke dieser Art nur in den Zwanzigerjahren schuf. Seit Dezember 2015 wurde das einst auf 300 000 Euro geschätzte Objekt von Spezialisten untersucht. Bei der Analyse der Pigmente fanden sie Titanweiß in der Rutilform, das es erst viele Jahre nach dem vermeintlichen Entstehungsdatum gab. Könnte es sein, dass der Künstler selbst später Retuschen an seinem Werk vorgenommen hat? Die Konservatoren verneinen dies, und es passt auch nicht zu der Geschichte, dass das Relief schon in den Zwanzigerjahren in den Besitz von Benedict gekommen sein soll. „Zweifelsfrei eine Fälschung,“ so Thomas Köhler, der Direktor der Berlinischen Galerie. Als Fälschung enttarnt, macht das Relief mit dem Stempel „Kurt Benedict“ auf der Rückseite auch alle anderen Werke mit diesem Stempel verdächtig. Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Albertina in Wien, die ein vermeintliches Gemälde von Alexandra Exter mit Benedict-Stempel als Leihgabe ausstellte, stuft die Sammlung von Kurt Benedict mittlerweile als reine Erfindung ein.

Als Fälschung enttarnt, macht das Relief mit dem Stempel „Kurt Benedict“ auch alle anderen Werke mit diesem Stempel verdächtig

Ausstellungen in anerkannten Institutionen wiegen den Kunstmarkt in Sicherheit, und mit ihrem Gütesiegel werden zweifelhafte Werke oder gar ganze Sammlungen in Umlauf gebracht. In einem Ausstellungskatalog der Berlinischen Galerie von 1988 fand Tobias Timm die Information, die Sammlung „Kurt Benedict“ hätte während des Zweiten Weltkriegs in einem Versteck im Berliner Scheunenviertel überdauert. 1990 wurden einige Werke der russischen Avantgarde bei Christie’s angeboten, mit Vermerk „ehemals im Besitz von Kurt Benedict“ und sogar mit einem Foto der Kisten, in denen Benedicts Werke den Krieg überdauert haben sollen. Mit dieser Provenienz erzielte ein Relief von Lebedew 308 000 Pfund, ein Gemälde von Alexandra Exter 506 000 Pfund. Eingeliefert hatte die Werke eine Dame namens Wally Koretzky (1922 – 1999), die auch das inzwischen als nicht authentisch entlarvte „Synthetische Musikinstrument“ an die Berlinische Galerie schenkte. Die gebürtige Lettin war im Lauf ihres Lebens immer wieder in Kriminalfälle verwickelt und wurde mehrfach wegen Betrugs in Deutschland und der Schweiz zu Haftstrafen verurteilt – auch wegen des Handels mit zweifelhaften Bildern und Antiquitäten. Sie war es wohl, die die Geschichte der Avantgarde-Sammlung „Kurt Benedict” verbreitete. Nun beginnt die Suche nach den Werken, die sie in Umlauf gebracht hat, und nach weiteren möglichen Opfern. Der Fall betrifft altehrwürdige Institutionen, die Villa Stuck in München, das Lehmbruck Museum in Duisburg, Galerien und Sammler. Schon wenige Fälschungen färben auf die solide Arbeit von Kunsthändlern und Museen ab und bringen ganze Branchen in Verruf, indem sie das Vertrauen von Kunstliebhabern zerstören. Umso mehr Grund, diese Fälschungsserie schleunigst aufzuklären.

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Abbildung:

Postkarte der Berlinischen Galerie

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Kunst und Auktionen 13/2017