Kunstpreis, Jahrbuch, Auktionsergebnissse, 2009, Auktionen

KUNST UND AUKTIONEN

HAND AUFS HERZ

Nun also die ominöse Sammlung Jägers. Ein Aufreger sondergleichen, der reflex-artig eine ganze Reihe von Sachverständigen zu Kommentaren förmlich zwingt. Den meisten davon ist völlig klar, dass dubiose Geschäfte in der Natur der Sache, genauer: des Geschäfts mit der Kunst liegen. Man muss den Leuten nur auf die Schliche kommen. So schwer kann das doch gar nicht sein, wenn zum Beispiel eine sich ganz normal benehmende Person in einem Auktionshaus auftaucht, die Photographie eines Gemäldes vorlegt, das angeblich von Hans Purrmann ist und durchaus auch so aussieht; und wenn diese Person dann erklärt, das Bild stamme aus der Sammlung des kürzlich verstorbenen Großvaters. Nach Meinung der selbsternannten Experten und Fälschererkenner müssten umgehend und sofort Alarmglocken schrillen. Nach Meinung jedes guten Mitarbeiters eines guten Auktionshauses muss – wie bei Lempertz vor Jahren geschehen – erst einiges geklärt werden, was mit dem Bild selbst zu tun hat. Nach der Äußerung gewisser Zweifel an der Authentizität des Kunstwerks bot die zur Einlieferung entschlossene Miterbin der Sammlung Werner Jägers umgehend an, das Bild selbst beim einschlägigen Experten prüfen zu lassen. Ein Vorgang, der so oder so ähnlich zur täglichen Praxis eines Hauses gehört. Das Bild mit dem rückseitig aufgeklebten Etikett der Galerie Flechtheim war daraufhin nicht mehr angeboten worden. Dass bei der Einlieferung eines im Werkverzeichnis Campendonk ohne Bild aufgeführten Gemäldes nicht sofort Betrugsverdacht, sondern lieber doch Entdeckerfreude, gekoppelt mit Forscherdrang, aufkommt, ist, wenn nicht tägliche, so doch geübte Praxis eines guten Auktionshauses. Die Befragung der Experten gehört da zum Kleinen Einmaleins. Die physikalisch-technische Analyse nicht, vor allem nicht bei einem Kunstwerk der Klassischen Moderne. Diese Untersuchungen werden vielmehr bei wertvollen Altmeistergemälden als zwingend angesehen. Und hinsichtlich der verdächtigen Gestaltung oder Ausführung eines Galerieaufklebers müsste sich erst einmal belegen lassen, wie ein unverdächtiger Aufkleber aussehen müsste. Man stelle sich nun mal einen Auktionshausexperten vor, der zu Zeiten des Versuchs, einen falschen Purrmann einzuliefern noch gar nicht im Haus tätig war und nun ein schönes Campendonk-Gemälde angeboten bekommt. Soll er, bevor er die üblichen sachlichen Überprüfungen anstellt, erstmal Betrugsverdacht formulieren? Hand aufs Herz, wer in einem Auktionshaus arbeitet, ist ständig mit Zuschreibungen der Einlieferer konfrontiert, die sich nicht halten lassen können. Das sind keine spektakulären Vorfälle und auch nur in wenigen Fällen Betrugsversuche, oft hat sich im Familienverbund die Meinung zu ei-nem Kunstwerk, wiewohl völlig falsch, über Generationen tradiert.

Aus der sogenannten Sammlung Jägers sind inzwischen zwölf Bilder bekannt, allesamt Fälschungen, die über Christie’s, London, über renommierte
 Pariser Händler, über das Auktionshaus Lempertz in den Markt gebracht wurden und, wie im Fall des Ölbilds „Liegender Akt mit Katze“ von Max Pechstein, schon wieder die Besitzer gewechselt haben, oder wie bei Werken von Max Ernst der Öffentlichkeit durch Ausstellungen bekannt gemacht wurden. Ohne entsprechende Fälschungshinweise zu provozieren. Im Gegenteil, Ernst-Spezialist Werner Spies hatte expertiert und die Fälschungen damit nobilitiert. Womit man unweigerlich wieder einmal zu dem Schluss kommen muss, dass eine Expertise lediglich das Gutachten eines Sachverständigen ist, der sich durchaus auch irren kann. Hier stimmt es dann doch nachdenklich, dass alle am Kauf und Weiterverkauf des Pechstein-Akts Beteiligten renommierte Fachleute für die Kunst der Brücke-Maler sind (Wolfgang Henze, Mitinhaber der Schweizer Galerie Henze & Ketterer, die den Nachlass Kirchners betreut, hatte das Bild bei Lempertz erworben und bald darauf dem Brücke-Experten Hermann Gerlinger verkauft). Viel geballter Sachverstand, der möglicherweise dadurch getrübt wurde, dass es sich um eine reichlich unerwartete Entdeckung handelt, deren Motiv durch ein Aquarell bekannt war, das augenscheinlich als Vorlage gedient hatte. Dass in der Regel eher eine Zeichnung aus dem Nichts auftaucht, die Vorlage für ein berühmtes Bild war, gemahnte keinen zur Vorsicht. Nun ist das Lamento groß und die Auguren sehen (erhoffen?) einen sich anbahnenden Riesenskandal. Wir sehen der Gerichtsverhandlung entgegen, in der wir hoffentlich erfahren, wie es dem Gaunertrio gelingen konnte, Handel und Experten so elegant und über so lange Zeit an der Nase herumzuführen, behaupten aber heute schon, dass der Skandal recht gemütlich im Sande versickern dürfte. Dafür sorgt gewiss schon die unausgesprochene aber dennoch kollektive Diskretionsverpflichtung des Kunstmarkts.

Annegret Erhard

INHALT
Ausgabe 17 / 2010

AUKTIONEN

MARKTNOTIZEN

KUNST | VORBERICHT
Was von Lehman übrig blieb kommt tranchenweise bei Sotheby’s, Christie’s und Freeman’s zum Aufruf

DESIGN | VORBERICHT
Zeugen der Gestaltungsfreiheit. Möbel bei Quittenbaum, Bonhams und Phillips de Pury

WUNSCHLOS
Massel Tov! Ein Sedler-Teller bei Kedem Auction House Ltd. in Jerusalem

TAUSEND

MALEREI | VORBERICHT
Walzer, Wasser und Hautevolee in der 80. Kunstauktion im Kinsky

PHOTOGRAPHICA | VORBERICHT
Zauberlaternen bei Auction Team Breker in Köln. Sie begeisterten einst das Publikum, vergleichbar heute in etwa mit 3D

UHREN | VORBERICHT
Patente Erfinder im Angebot bei Klöter auf Schloss Dätzingen

PREISBILD

SCHLANGENHAUTBECHER (17./18. JH.)

TISCHKABINETTE (16.–18. JH.)

MESSEN & MÄRKTE

MÜNCHEN | MUNIC CONTEMPO
MUC is so contemporary…

ST. MORITZ | ART MASTERS FAIR
Allegra

INTERNET | VIP ART FAIR
Des Kaisers virtuelle Kleider. Die VIP Art Fair kommt marktaffinen Stubenhockern wie gerufen

KUNSTMARKT | KLEINANZEIGEN

DIE INTERNATIONALEN AUKTIONS- UND MESSETERMINE

zum Herausnehmen

AUSSTELLUNGEN

BREGENZ | KUNSTHAUS
Antony Gormley auf 2039 m

FREIBURG | AUGUSTINERMUSEUM
Barbara und Katharina Grosse

BERLIN | Uferhallen
Zur Nachahmung empfohlen. Expeditionen in Ästhetik & Nachhaltigkeit

MÜNCHEN | VILLA STUCK
Uwe Lausen

AUSSTELLUNGSTERMINE – eine Auswahl

SPEKTRUM


BEWERTUNG
Nature Morte war sein Lebensthema. Juan Gris' Hauptaugenmerk galt dabei nicht dem Gegenstand an sich, sondern seiner Form

REZENSIONEN
Sammeln als Strategie
Kleidung und Mode im Mittelalter

IMPRESSUM

SCHLUSSBEMERKUNG