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KUNST UND AUKTIONEN

DAS WELTWEITE NETZ

Nun hat – spätestens in jüngster Vergangenheit – auch der letzte Kunstanbieter lernen können, dass die schlichte Offerte der Ware Kunst nicht mehr so richtig auf die Beine helfen kann. Ideen über Ideen werden entwickelt. In Berlin sieht es manchmal so aus, als hätten die Galeristen den Eindruck gewonnen, dass nur noch ein Umzug, natürlich nur mit irritierendem Stadtteilwechsel, Aufmerksam generieren (auch so ein Wort!) könne. Die Auktionshäuser schicken ihre Highlights mehr und weiter denn je durch die Lande, nein: um die Welt.

Jeder Minimalskandal, der sich für ein Kunstwerk andeuten, vielleicht sogar mit ein bisschen Phantasie herbeizaubern lässt, schlägt sich auf mediale Kommentierungsbereitschaft nieder und infolgedessen in der Regel auch auf den Preis. Wenn beispielsweise Egon Schieles „Bildnis Wally“ nach langwierigem Gezänk samt Weigerung und komplizierter Rechtslage wieder in die Sammlung des halbstaatlichen Wiener Leopold-Museums zurückkehrt, die Kompensationszahlung an die Kläger, die Erben der vormaligen Besitzerin Lea Bondi Jaray, sich auf 14,8 Mio € belaufen, so ist schon mal eine ordentliche Marke festgelegt, über die sich die Schiele-Preise hinaus entwickeln dürfen. Die nächste Gelegenheit wird es sicherlich dann geben, wenn die Stiftung Leopold einige Zeichnungen aus dem reichen Fundus entnehmen muss, um sich für die hohe Vergleichsgebühr flüssig zu machen.

Eine Neujustierung des Schiele-Marktwerts wird sich konsequent ergeben, wenn die „Häuser am Meer“, für deren Restitution an die Erben von Jenny Steiner ebenfalls eine Lösung gesucht wird, möglicherweise eine Versteigerung den Erlös bringen soll, der dann vergleichshalber aufgeteilt werden könnte. Dies sind nun die klassischen Verfahren, die einem Bild, einem Künstler Auftrieb geben. Dass Auktionen in den jeweiligen Städten eher gebündelt und bei den jeweiligen Spezialisten in gebührendem Abstand terminiert werden, um den potentiellen Käufern das Leben einfacher zu machen (was den zu versteigernden Objekten immer zugute kommt), hat sich eingebürgert. Nach längerer Anlaufzeit, zu stark ist der Konkurrenzgedanke, zu undenkbar manchem, die Hürde zum rivalisierenden Haus abzubauen. Den meisten ist es nach dem Londoner Vorbild der Superkonkurrenten Sotheby’s und Christie’s gelungen. Das Vorbild Phillips de Pury, wo viel Party angesagt war, bevor und nachdem das Kunst-event „Auktion“ lief, hat sich nicht bewährt, bald waren die Partys berauschender als die Auktionsergebnisse. Auktionswochen nach Wiener Art mit einer Versteigerungsserie zu allen Sparten, samt Ausstellungseröffnungen, Vernissagen und zahlreichen Podiums- und anderen -diskussionen bringen Leben in die Szene, tragen freilich die Gefahren des Overkills, der zu unerwünschten Übersprungshandlungen führen könnte. Die Messen machen es (manchmal) ähnlich, hätten aber mehr davon, wenn sie ihre Offerte und deren Auftritt ein wenig verjüngen könnten. Die Munich Highlights verabschieden sich bei ihrer ersten Zusammenkunft im Münchener Haus der Kunst von dem oft einschüchternden Kojenkonzept. Es ist wirklich nicht jedermanns Sache. In kostbar arrangiertem Ambiente tapfer auf einen nach Habitus und Attitüde grandseigneuralen Alten zuzugehen und Fragen, wahrscheinlich sehr blamable Fragen, zu stellen. Da ist auch das gut ausstaffierte Konto erstmal nicht hilfreich. Es sind die jungen Händler, die mit innovativen Ideen, generationsbedingt verwandtem Lebensgefühl und einer, bei allem Geschäftssinn, gewissen Nonchalance mit ihren gleichaltrigen Kunden quasi auf Augenhöhe plaudern und dabei sehr erfolgreich sind. Derzeit gibt es noch eine neue Geschäftsidee: die virtuelle Messe. Und, man muss es leider konzedieren, ihre vermeintlichen Vorteile erschließen sich nicht auf den ersten Blick, scheinen sich aber nach Besichtigung von online-Auktionen herausgebildet zu haben. Erster Schritt: Sie bleiben daheim. Zweiter Schritt: Sie haben einen kostenlosen Zutritt zu virtuell aufgebauten Messekojen, bestückt von bedeutenden Galeristen der Gegenwartskunst. Dritter Schritt: Sie bekommen gegen einen Obolus von 100 $ Zutritt zu den Private Rooms des jewiligen Galeristen und können dort stöbern; wollen Sie sich mit ihm lediglich ein bisschen unterhalten über Instant Messaging zum Beispiel, über Skype oder einfach per Telefon, dann kostet das 20 $. Der Clou: Die ganze Geschichte spielt sich, wiewohl virtuell, irgendwie in New York ab und hat, wie jede Messe, eine kurze Laufzeit, dann ist der Spuk vorbei. Für den versierten User ist das weder revolutionär noch spannend. Dass die Aussteller die Preise oder zumindest eine Preisspanne für ihre Bilder über das weltweite Netz verkünden müssen, das dürfte für sie ausgesprochen gewöhnungsbedürftig sein (www.vipartfair.com, 22.–30.1.2011).

Annegret Erhard

INHALT
Ausgabe 16 / 2010

AUKTIONEN

MARKTNOTIZEN

MODERNE | VORBERICHT
Südwestdeutsch gefärbte Internationalität mit Potential beim Gastspiel Irene Lehrs in Stuttgart

UNIFORMEN | VORBERICHT
Als Zeichen der Elite wurde die Mütze der Grenadiere beibehalten, obwohl sie ihren ursprünglichen Zweck verloren hatte. Fischer, Luzern, bringt drei Exemplare zum Aufruf

MÖBEL UND EINRICHTUNG | VORBERICHT
Interior-Design mit Objekten aus der Zeit Ludwigs XV. aus dem Angebot von Koller, Zürich

TAUSEND

ORIENTTEPPICHE | VORBERICHT

Zur Premiere bleibt das Dorotheum in Wien vorerst auf dem Teppich

TONPLASTIK | VORBERICHT
Aus gebrannter Erde formen Bildhauer vielerorts ihre Arbeiten – bei Hampel in München gibt es interessante Beispiele aus Italien

AUKTIONSTERMINE

PREISBILD


RAHMEN (16.–18. JH.) Wechselspiele

SCHREIBKOMMODEN (18./19. JH.) Schräg und praktisch

MESSEN & MÄRKTE

PARIS | BIENNALE DES ANTIQUAIRES

Viel Prestige und ein kleines Signal der Öffnung auf der 25. Biennale des Antiquaires im Grand Palais

MESSENOTITZEN

KUNSTMARKT | KLEINANZEIGEN

TERMINE

DIE INTERNATIONALEN AUKTIONS- UND MESSETERMINE

zum Herausnehmen

AUSSTELLUNGEN

LONDON | THE NATIONAL GALLERY

Echt falsch. Close examination – Fakes, Mistakes & Discoveries

BERLIN | C/O BERLIN

Foto bei Magnum. Rund zweihundert Werke machen auf einen eklatanten Paradigmenwechsel im Fotojournalismus aufmerksam

WALDENBUCH | MUSEUM RITTER

Quadratur des Sammelns. Timm Ulrichs & Camille Graeser

STRASSBURG | MUSÉE D’ART MODERNE ET CONTEMPORAIN

Interaktion bei Deacon

AUSSTELLUNGSTERMINE – eine Auswahl

SPEKTRUM


FÄLSCHUNGEN | ROZENBURG
Sinn und Verstand zu Rate zu ziehen, kann Original von Fälschung unterscheiden helfen

RESTAURIERUNGSPROJEKT | SERIE (TEIL V)

Konservierungsmethoden an Puchwisermöbeln

REKONSTRUKTION | SKULPTUREN
Millimeterarbeit am Französischen Rondell von Schloss Sanssouci. Das Französische Rondell ist das beste Argument dafür, Originale durch Kopien zu ersetzen und den Verfallsprozess der Kunstwerke auszublenden

IMPRESSUM

SCHLUSSBEMERKUNG