KUNST UND AUKTIONEN
Die Neunte Kunst
Mickey Mouse und seine Dauer-Verlobte Minnie, Donald Duck mit fiancée Daisy, natürlich Asterix und Obelix, Fix & Foxi, Tim und Struppi … Jeder von uns hat zumindest eines der bunten Heftchen, die in einer Folge von Bildern einen Vorgang beschreiben oder eine Geschichte erzählen – in Kombination mit erzählendem Text und/oder wörtlicher Rede (häufig als Sprechblase) –, in seiner Kindheit und Jugend in der Hand gehabt und irgendwann das dann meist ziemlich zerfledderte Druckwerk entsorgt. Manch einer aber kommt sein Leben lang nicht davon los, vom Comic, wie der gängige Begriff für diese ganz spezielle Form der „sequenziellen Kunst“ lautet. Er leitet sich vom englischen comic strip (in etwa „komischer Streifen“) ab, wobei Comics nicht zwangsläufig komisch sein müssen. Im Gegenteil, sex & crime versammeln sich hier ebenso gern.
1971 hat der französische Literaturwissenschaftler, Journalist, Schriftsteller und Drehbuchautor Francis Lacassin (1931–2008) mit seinem Essay „Pour un neuvième art: La bande dessinée“ den Comic gar als die „Neunte Kunst“ in den Kanon der bildenden Künste eingeordnet. Sein Leben lang nicht vom Comic lassen zu können, kann sich durchaus lohnen – oder teuer werden. Während sich die Preise auf dem internationalen Kunstmarkt nur langsam erholen und etwa die US-Immobilien-
makler es nach wie vor sehr schwer haben, während durch den Niedergang der nordamerikanischen Autoindustrie, um ein weiteres Beispiel zu nennen, Hunderttausende Stellen wegfallen, haben im Februar innerhalb von vier Tagen zwei Vertreter der „Neunten Kunst“ auf verschiedenen Versteigerungen jeweils einen Preis von über einer Million Dollar brutto erzielt – und damit rund das Dreifache der bisherigen Höchstsummen auf dem Auktionsmarkt.
Erst wurde auf der einschlägigen Internet-Auktionsplattform ComicConnect.com für eine runde Million „bucks“, wie der Dollar im Genre gern genannt wird, das allererste Superman-Comic von 1938 versteigert. Das Exemplar des Action Comic No. 1 ist besonders gut erhalten – auf einer Skala bis Zehn wurde es mit Acht bewertet – und zeigt auf dem Titelbild den ersten Superhelden der Comicgeschichte im Begriff, leicht und locker ein Auto in die Luft zu heben. Die Ausgabe war über 15 Jahre Teil einer privaten Sammlung, der Einlieferer ist laut Auktions-Website ein bekannter New Yorker, die Versteigerung ein „Meilenstein“, das Heft gilt als „Heiliger Gral“ der Comics.
Es soll nur noch knapp hundert Exemplare davon geben, seit langem werden sie von Sammlern auf der ganzen Welt gejagt. Schließlich handelt es sich nicht nur um das Debüt des Helden, Action Comic No. 1 ist vielmehr der Wegbegründer für das gesamte Genre des Comic-Books. Gezeichnete Geschichten für Kinder und Teenager gab es zuvor nur in Zeitungen.
Superman, der Mann aus Stahl, im Alltag alter ego-mäßig als vermeintlich tollpatschiger Reporter Clark Kent für den Daily Planet tätig, die wichtigste Zeitung seiner Heimatstadt Metropolis, erkennt schon bald seine besonderen Kräfte und beschließt, das Verbrechen zu bekämpfen. Die Figur zählt zum Kreis der fiktiven Charaktere mit dem weltweit höchsten Wiedererkennungswert. Auch Batman, der „Fledermausmann“, als dessen zweite Identität der Milliardär Bruce Wayne fungiert, ist kein Unbekannter. Ganz im Gegensatz zu dem Bieter, der bei den Heritage Auction Galleries in Dallas, nur einige Tage nach dem Superman-Zuschlag, ein seltenes Exemplar der Detective Comics (Nr. 27, 1939) für knapp 1,08 Mio $ ersteigerte. In jenem Heft, wen wundert’s, trat erstmals die Figur von Batman in Aktion.
Dass die Fledermaus ihren Super-Kollegen überflügeln konnte, mag auch damit zusammenhängen, dass Batman aufgrund der zahlreichen Kinoauftritte in den letzten Jahren deutlich an Popularität gewonnen hat. Dass Comics hierzulande vergleichbare Preise erzielen, ist (noch) ziemlich unvorstellbar. Vincent Zurzolo, Miteigentümer von ComicConnect.com, sieht im Rekordergebnis des Superman-Loses gar einen Zusammenhang mit der Finanzkrise. Im Interview mit Comicbook.com erklärte er, Comics mauserten sich in zunehmendem Maße zu Anlageobjekten: „Mit den Banken verdienen die Leute kein Geld mehr, Immobilien sind unsicher, und die Börse ist wie ein Roulettespiel. Bei Comic-Heften sind die Anleger zuversichtlicher.“
Thomas Kamm
INHALT
AUKTIONen
MARKTNOTIZEN
GEMÄLDE ALTER MEISTER | Cranach bei Hampel
In München werden am 23. März drei der Cranach-Werkstatt zugeschriebene Gemälde versteigert
KERAMIK | Kuhn bei Siebers
Heiter gestimmte Objekte der österreichischen Künstlerin am 25./26. März in Stuttgart
KAMINVERKLEIDUNG | Neue Fakten
Ein Wienerberger Terrakotta-Ensemble kommt am 31. März bei Sotheby’s in Paris zum Aufruf
DESIGN | Peder Moss bei Bruun Rasmussen
Markante Unikate der Danish Modern-Bewegung von 8. bis 12. März in Kopenhagen
TASCHENUHREN | Frühe Exemplare bei Art & Auktionen Scheublein
In München ist am 19. März noch reichlich Spielraum bei den Schätzungen
AUKTIONSTERMINE
PREISBILD
BABYRASSELN UND ZAHNHILFEN
MEISSENER TIERFIGUREN DES 18. JAHRHUNDERTS
messen & Märkte
MAASTRICHT | Tefaf on paper
Das jüngste Kind der weltweit etabliertesten Messe für Kunst und Antiquitäten
MESSETERMINE
KUNSTMARKT | KLEINANZEIGEN
AUSSTELLUNGEN
WIEN | Unteres Belvedere und Orangerie
Prinz Eugen – Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
HAMBURG | Ernst Barlach Haus
Zwischentöne. Otto Meyer-Amden wird 125
LONDON | Victoria & Albert Museum
Mixed Emotions
AUSSTELLUNGSTERMINE
SPEKTRUM
BEWERTUNG | Bernhard Hoetger
Für die einen ein Universalgenie, für die anderen bestenfalls Frühvollendeter, mittlerweile interessiert sich auch der internationale Kunstmarkt für ihn
REZENSION | Theatralischer Auftritt
Taufengel in Mitteldeutschland
SYMPOSIUM | Restitution im Städel
Widersprüchliches entdeckte die erste externe Forschergruppe an einem deutschen Museum
IMPRESSUM
SCHLUSSBEMERKUNG

