Zurück in die Zukunft

Gefällt auch der Queen: Elisabeth II. besuchte im Jahr 1965 die Porzellan Manufaktur Nymphenburg; Foto: Porzellan Manufaktur Nymphenburg, © BILD-Zeitung, Hamburg

Meißen, Nymphenburg, Sèvres, Ginori: Junge Designer bringen frisches Blut in Europas alte Porzellanmanufakturen

von Susanne Lux

Die Nachricht erschütterte vor einem Jahr die Traditionalisten. Der irische Kristall- und Porzellanwarenkonzern Waterford Wedgwood, zu dem auch der größte deutsche Porzellanhersteller Rosenthal gehört, meldete Konkurs an. Damit erreichte die Krise der Porzellanindustrie, die seit den 1990er Jahren nicht mehr zu übersehen war, ihren vorläufigen Höhepunkt. Inzwischen ging Wedgwood in den Besitz der amerikanischen Private-Equity-Firma KPS über, die seither einen harten Sanierungskurs einschlägt: Ein Teil der Produktion wird in Billiglohnländer wie Indonesien verlagert, gleichzeitig sollen neue Märkte in den Schwellenländern erschlossen werden. Nur die künstlerisch hochwertigsten Produkte sollen noch in Irland gefertigt werden. Während Wedgwood und Rosenthal von neuen Käufern aufgefangen wurden, scheinen andere Porzellan-Manufakturen fast unberührt von der Krise zu sein. Jede sucht ihren eigenen Weg. Die WELTKUNST hat sich umgehört, mit welchen Strategien die Porzellan-Hersteller ihre große Vergangenheit in die Zukunft hinüberretten wollen.

Nymphenburg: Mit Geduld durch die Krise
„Zeit ist etwas, was die meisten Menschen heutzutage nicht haben. Wir nehmen sie uns – denn Dinge, die wir herstellen, brauchen Zeit. Was wir machen, ist auf Beständigkeit ausgelegt, nicht auf Schnelllebigkeit“, charakterisiert Jörg Richtsfeld, seit 2005 Geschäftsführer der Porzellan Manufaktur Nymphenburg, sein Unternehmen. „Wir stellen keine Konsumgüter her, wir schaffen Klassiker.“
Seit Gründung der Manufaktur im Jahr 1747 werden in nur einer Produktionsstätte, im nördlichen Schlossrondell in Nymphenburg, Service, Figuren und Objekte aus Porzellan gefertigt – in reiner Handarbeit. Jedes Stück ist ein Unikat, Teller werden sowohl handgedreht hergestellt als auch von Hand bemalt. Die Lieferung eines vielteiligen Services kann daher bis zu zwei Jahre beanspruchen. „Dadurch unterscheiden wir uns von anderen Firmen, die den Weg der maschinellen Herstellung eingeschlagen haben. Diese produzieren Teller maschinell und verzieren sie dann mit Handmalerei.“ Auch die Krise der Porzellan-Hersteller beruht seiner Ansicht nach auf diesem Aspekt: „Viele sind auf den Zug der Industrialisierung aufgesprungen, aber haben das nicht konsequent durchgezogen, wie Rosenthal. Firmen wie Villeroy und Boch, die von Anfang an industrialisierte Produkte herstellten, waren da weit voraus.“ Daneben muss berücksichtigt werden, dass sich die Tischkultur geändert hat: In der bürgerlichen Alltagskultur finden heute weniger inszenierte Essen statt, dennoch legen vermögende Familien, Sammler oder Liebhaber von Porzellan wert auf Tischkultur. „Zu unseren Kunden zählen das Thailändische Königshaus und die deutsche Bundesregierung. Die deutschen Botschaften im Ausland sind mit unserem Porzellan ausgestattet“, so Richtsfeld. Sammler sind besonders auf der Suche nach seltenen Objekten aus dem 18. Jahrhundert. In Auktionen erzielt Nymphenburger Porzellan allerdings kaum Höchstpreise. „Hier steht Nymphenburg hinter Meißen zurück“, so van Mierlo, Experte für Porzellan beim Auktionshaus Sotheby’s in Köln.

Die Geschichte von Nymphenburg ist eng mit der des Hauses Wittelsbach verwoben. In der Regierungszeit des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph wurde 1747 in Neudeck bei München die erste Manufaktur eröffnet, erst 1761 zog sie in das Schlossrondell in Nymphenburg ein. Um die Produktion voranzutreiben, holte man Fachleute nach München. Joseph Jakob Ringler gelang es, die Porzellanproduktion in Nymphenburg umzusetzen. Berühmte Modellmeister wie der Tessiner Franz Anton Bustelli verhalfen der Manufaktur zu Weltruhm. Bustellis Rokoko-Entwürfe, vor allem sein Hauptwerk – die 16 Figuren der Commedia dell’Arte –, zählen zu den kunstvollsten Produkten seiner Zeit. Später, im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, waren es der Baumeister Friedrich von Gärtner oder Josef Wackerle, die das Ansehen der Manufaktur auch in finanziell schwierigen Zeiten förderten. Ab 1887 wurde die Manufaktur von Albert Bäuml gepachtet und als offene Handelsgesellschaft geführt. 1975 wurde sie dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds übertragen und untersteht seitdem wieder dem Patronat der bayerischen Königsfamilie mit S.K.H. Herzog Franz von Bayern als Chef des Hauses Wittelsbach.

Die Couture-Edition der Commedia dell‘Arte-Figuren: Naoki Takizawa‘s Scaramuz; Abbildung: Porzellan Manufaktur Nymphenburg, München

Heute verbindet Nymphenburg 260 Jahre Erfahrung mit der Kreativität herausragender Künstler. Und das ist auch die Strategie des Unternehmens, unbeschadet durch die Krise zu kommen: „Wir greifen einfach auf die Vergangenheit zurück und arbeiten weiterhin eng mit Künstlern und Designern zusammen.“ Darunter befinden sich viele bekannte Namen. Um nur einige zu nennen: Konstantin Grcic, Hella Jongerius oder Ted Muehling. Unter der Leitung von Geschäftsführer Jörg Richtsfeld wurde eine Brücke zur Haute Couture geschlagen: Die Rokoko-Figuren Bustellis wurden von Modedesig­nern wie Christian Lacroix, Victor & Rolf, Gareth Pugh und Vivienne Westwood in neue Gewänder gekleidet. Der liebeskranke „Capitano“ wurde von Gareth Pugh mit einem Schwarzweißmuster überzogen. Der lüsterne Kaufmann Pantalone von Ralph Rucci zart marmoriert. Die Figuren sind nun in limitierter Edition (Auflage 25) zu erwerben, für 160 000 Euro ist die komplette Kollektion von 16 Stück zu erstehen. „Das wird als Wertanlage verstanden – und mehr als die Hälfte ist bereits verkauft“, betont Richtsfeld. Wem diese Investition zu kostspielig ist, kann die neuen Masken der Commedia dell’arte auch in dem gerade erschienen Bildband „Commedia dell’Arte – Couture Edition Collector’s Book“ von Florian Böhm bewundern – allerdings hat auch dieser in einer Auflage von 400 Stück seinen Preis: 750 Euro kostet der Band im Leinenschuber.

Lesen Sie in der WELTKUNST Februar die Geschichten sowie die neuen Ideen und Perspektiven der Porzellanmanufakturen Wedgwood, Sèvres und Limoges, Meißen, Richard Ginori und Rosenthal, der Autoren Luise Aengeneyndt, Gloria Ehret, Susanne Lux und Matthias Thibaut