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LEBEN MIT KUNST | Aufbau einer Sammlung

Ein kleines Glück


Wie baut man eine Sammlung auf? Wir haben Siegfried Grauwinkel aus Potsdam gefragt. Seit 28 Jahren sammelt er Kunst. Anfangs entschied
Grauwinkel noch aus dem Bauch heraus, mittlerweile konzentriert er sich
vor allem auf Konkrete Kunst nach 1960

das Interview führte Annette Wild

Weltkunst: Herr Grauwinkel.
Was sammeln Sie genau?
SIEGFRIED GRAUWINKEL: Ich konzentriere mich mittlerweile auf zeitgenössische Kunst nach 1960 aus den Bereichen Konkrete Kunst, Minimalismus, Konzeptkunst und Konstruktivismus. Einen besonderen Stellenwert in meiner Sammlung nimmt die Gruppe ZERO ein.
Die Konkrete Kunst ist ja eine Kunstrichtung, die im Idealfall auf mathematisch-geometrischen Grundlagen beruht. Was fas­zi­niert Sie an dieser Art von Kunst?
Mein Beruf war sehr hektisch. Ich hatte eine Handelsvertretung für Leuchten und Lichtideen, heute bin ich im Ruhestand. In letzter Zeit habe ich nach Ruhe gesucht und sie in Werken der Konkreten Kunst gefunden. Obwohl natürlich auch eine gewisse Spannung in ihnen enthalten ist, aber eine Spannung, die man erträgt.
Haben Sie schon immer in diese Richtung gesammelt?
Nein, am Anfang habe ich wild durchei­nander gekauft. Die ersten zwölf, 13 Jahre habe ich nur aus dem Bauch heraus entschieden. Irgendwann wurde mir klar: Das ist keine Sammlung, sondern ein Konglomerat. Dann begann ich, mich auf Konkrete Kunst zu konzentrieren. Einiges, was nicht in dieses Konzept passt, wie etwa Werke des Informel oder von A. R. Penck, habe ich mittlerweile abgestoßen.
Investieren Sie vor allem in bekannte oder auch in noch relativ namenlose Künstler?
Junge Künstler habe ich mir abgewöhnt. Ich möchte ja gerne erleben, wenn der Künstler sich etabliert hat. Das dauert bei den jungen meist zu lang. Dafür bin ich mit 65 zu alt.
Wie viele Stücke umfasst Ihre Sammlung?
500 Originale und 1800 Grafiken.
Wo befinden sich die Werke?
Die Highlights sind bei mir zu Hause.Die Bilder hängen hier so eng, dass die Künstler manchmal beleidigt sind. Ein paar Bilder habe ich dem Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt geliehen. Außerdem sind einige Werke in einem speziellen Lager untergebracht.
Wie gehen Sie beim Kauf vor?
Ich kaufe auf Auktionen, in Galerien und bei den Künstlern selbst. Das nötige Wissen habe ich mir mittlerweile angeeignet. Ich bin Mitglied in acht Kunstvereinen, lese Fachzeitschriften und gehe auf Messen und Vernissagen. Es gibt bestimmte Merkmale, auf die ich achte: Welche Galerie vertritt den Künstler? Auf welchen Auktionen wird sein Werk gehandelt? Wie wird er in der Presse besprochen? Aber auch: Wie ist der Künstler selbst? Was ist er für ein Typ?
Wie erkennen Sie Fälschungen?
Trotz einiger Erfahrung bin ich schon zweimal reingefallen. Einmal bei einem Werk von Roy Lichtenstein und das ande­re Mal bei einem von Joan Miró. Dass bei­de Bilder Fälschungen waren, wurde erst of­fenkundig, als ich sie auf einer Auktion ver­kaufen wollte. Das hat mich hochsensi­bel gemacht.
Was muss man beim Aufbau einer Sammlung beachten?
Ein Sammler sollte ein eigenes Konzept haben und diesem systematisch und stringent folgen. Sonst sind Bilder nur Wandschmuck und keine Sammlung. Jeder muss sich seine Quellen selbst suchen. Dabei sollte man als Sammler von der Seriosität der Galerien, in denen man kauft, überzeugt sein. Und natürlich sollte man immer das Gespräch über die Preisgestaltung suchen. Gerade der Wert eines neu geschaffenen Kunstwerkes lässt sich sehr schwer bestimmen.
Haben Sie schon mal einen Fehler begangen, den sie später bereut haben?
Ich habe mal ein Werk von A. R. Penck gekauft, das viel zu teuer war. Damals habe ich 50 000 Mark für das Bild bezahlt, doch die Versicherung hat es nur für 35 000 Mark versichert.
Geht es Ihnen beim Sammeln auch um Ren­dite?
Rendite ist das falsche Wort. Ich freue mich natürlich, wenn eines meiner Bilder im Preis steigt. Ein Gemälde von François Morellet, das ich vor einem halben Jahr gekauft habe, ist mittlerweile doppelt so viel wert. Aber als Sammler will ich natürlich nichts wieder weggeben.
Was ist Ihr wertvollstes Stück?
Ein Bild von Daniel Buren im Wert von etwa 200 000 Euro. Es hängt im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt.
Was haben Sie mit Ihrer Sammlung in Zukunft vor?
Mir schwebt eine Art Schaulager vor, in dem einige Werke präsentiert werden, andere verpackt bleiben. Ausstellungen nach bestimmten Motti wären denkbar. 
Können Sie sich vorstellen, Ihre Sammlung zu verkaufen?
Im Leben nicht! Ich liebe jedes der Werke und empfinde stets aufs Neue ein kleines Glück, wenn ich sie betrachte.

WELTKUNST, Heft 8 / 2009