Der perfekte Schliff?

Laurence Graff

Der Londoner Juwelier Laurence Graff hat den „Blauen Wittelsbacher“, einen der bedeutendsten Diamanten der Geschichte, umgeschliffen. In der WELTKUNST verteidigt Graff seinen Schritt gegen seine Kritiker

von Irina Meinschien

Es war der größte Coup in seiner Laufbahn als Juwelenhändler: Im Dezember 2008 ersteigerte der Londoner Laurence Graff für knapp 19 Millionen Euro bei Christie’s den „Blauen Wittelsbacher“, den zweitgrößten blauen Diamanten nach dem Hope-Diamanten (vgl. WK 14/08, S. 82). Mit dem Stein, der lange Zeit der Hauptstein in der bayerischen Krone war, habe er einiges vor, ließ Graff gleich nach dem Kauf verlauten. Die Frage, was genau Graff vorhabe, stellte sich in Fachkreisen gar nicht erst: „Als wir hörten, dass Graff den Stein gekauft hat, war uns klar, dass er ihn umschleifen lassen würde“, sagt Friederike von Truchsess, Expertin für Schmuck beim Kölner Auktionshaus Lempertz.

Graff verpasste dem Stein jetzt tatsächlich einen neuen Schliff – und einen neuen Namen: Der „Blaue Wittelsbacher“ heißt nun „Wittelsbach-Graff“. Fachleute kritisieren, dass an einem Stück mit derartiger historischer Bedeutung Veränderungen vorgenommen wurden. Hans Ottomeyer, Präsident des Historischen Museums in Berlin, sagte der FAZ, Graff habe den Stein „vandalisiert“, ihn „wie ein Lutschbonbon flach gemacht“. Im Gespräch mit der WELTKUNST verteidigt Laurence Graff seinen Schritt. Er nennt die Kritik „Nonsens“. „Ich begreife mich natürlich als Juwelier und nicht als Historiker, und aus der Sicht des Juweliers habe ich gehandelt. Aufgrund der veralteten Schlifftechnik kamen die natürliche Farbe und die Leuchtkraft des Steins vorher kaum zur Geltung.“ Auch Truchsess räumt ein, dass der Stein Nebel hatte und fast grau aussah. „Ich habe den antiken Schliff respektiert und bin sehr behutsam vorgegangen. Ich habe den Diamanten kaum verändert“, sagt Graff. „Dank modernster Schliff-Technik kommen die blaue Farbe und die Leuchtkraft des Edelsteins jetzt viel besser zur Geltung. Er ist jetzt ein reiner Diamant“.

Der Wittelsbacher Diamant nach dem Umschliff
Der Diamant vor dem Umschliff



Für den Marktwert eines Diamanten sind Karat, Reinheit, Schliff und Farbe entscheidend. Nach diesen Kriterien, darin stimmen die Experten überein, hat der Edelstein an Wert gewonnen. Laurence Graff vermutet, dass der Diamant jetzt „rund 100 Millionen US-Dollar“ wert ist. Friederike von Truchsess kritisiert als Kunsthistorikerin dennoch den Eingriff bei einem Stück mit historischer Schlüsselfunktion. Graff habe ein Unikat verändert, das sei „ein Sakrileg“. Der Wittelsbacher stammt vermutlich wie auch der Hope-Diamant aus der historisch wichtigsten Diamantmine im indischen Golkonda. 1664 schenkte ihn Philipp IV., König von Spanien, seiner Tochter Margarita Teresa für ihre Mitgift. Nach ihrer Vermählung mit Kaiser Leopold I. ging er in den österreichischen Kronschatz ein. 1722 fiel er durch die Heirat von Erzherzogin Maria Amalia von Österreich mit dem bayerischen Kronprinzen Karl Albert dem Hause Wittelsbach zu. Bis 1918 schmückte er die bayerische Krone. Nach dem Ende des Königreichs und der Gründung des Freistaates ging er in den Besitz des Wittelsbacher Ausgleichsfonds über. 1951 wurde er verkauft, danach verlor sich seine Spur, bis er einer österreichischen Millio­nenerbin in die Hände fiel, die ihn Ende 2008 bei Christie’s veräußerte. In der bayerischen Krone, die bis heute in der Münchner Residenz zu bewundern ist, glitzert heute ein Glas-Ersatzstein. Bis zum 1. August stellt Laurence Graff den Wittelsbach-Graff-Diamanten im Smithsonian Museum of Natural History in Washington aus, zusammen mit dem Hope-Diamanten. Er will es allen zeigen: „Schauen Sie sich den Stein an. Sie werden sehen, dass er nur schöner geworden ist“.