Die Gentlemen von St. James’s
Wer das Viertel zwischen Piccadilly und St. James’s Park in London besucht, kann mit einem perfekt geschneiderten Herrenhemd nach Hause reisen – oder einem wunderbaren Altmeistergemälde
von Matthias Thibaut
St. James’s ist ein Hort des Wissens und der Lebensart. Hier sind die „gentlemen’s clubs“, die Weinhandlungen, John Lobb, der „Schuhmacher der Könige“, die Herrenausstatter der Jermyn Street. Die Royal Academy, die Theater am Haymarket, das Ritz Hotel sind nicht weit, und abends zischen in einigen Gassen noch die Gaslaternen. Man kann hier lernen, wie man eine Havanna Zigarre anschneidet und man sich für Ascot ausstaffiert, und man weiß hier auch, wie man ein großes Altmeistergemälde aufspürt. St. James’s ist das Viertel der Gentlemen und der Kunsthändler – gelegentlich sogar in einer Person! Nirgendwo in London drängen sich die Kunsthandlungen so dicht wie um das Hauptquartier von Christie’s in der King’s Street. Ostasiatika, alte Landkarten, englische Uhren, Silber, junge Kunst – alles ist hier zu finden. Und nirgends auf der Welt gibt es so viele Altmeistergalerien so dicht beieinander.
Viele Händler kommen aus der Christie’s-Schule, auch die Mannschaft von Simon C. Dickinson Ltd., „Agents und Dealers“, die sich gleich am Anfang der Jermyn Street hinter einem unauffälligen Eingang verbirgt. „Es ist der normale Ehrgeiz, vom Auktionshaus zum eigenen Handel voranzuschreiten“, erklärt Direktor David Ker. Hinter der gut gesicherten Tür verbirgt sich ein Schatzhaus großer Kunst. Nicht Händler wie Colnaghi oder Bernheimer, die ihren Sitz in der benachbarten Bond Street haben, seien die Konkurrenz, behauptet Ker hochgemut – die Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s seien es.
Dickinsons nehmen Kunst in Kommission und platzieren sie so diskret, dass niemand etwas davon merkt. Sogar im privaten „Viewing Room“ werden die besten Sachen in weißen Tüchern verhüllt. Nur Vincent van Goghs in Maastricht für 25 Millionen Euro angebotenes Gemälde vom Park des Saint-Paul-Hospitals steht unverhüllt auf einer Staffelei in der Ecke. Gelegentlich kauft Dickinson auf eigene Rechnung – etwa die „Beweinung Christi der römischen Schule des 17. Jahrhunderts“, die im April 2008 bei Sotheby’s auf 30 000 Pfund geschätzt wurde. Er bezahlte 288 500 Pfund, in Maastricht hing das Bild, nun Nicolò Musso zugeschrieben, für 800 000 Euro am Stand. Die Zuschreibung ist umstritten, aber nicht die Qualität. „Wer weiß“, meint Ker spitzbübisch, „ob es nicht sogar aus besserer Hand ist.“
Direkt nebenan ist die geräumige Weiss Gallery mit schickem, nacktem Dielenboden und exzentrischen Bronzemöbeln. Mark Weiss zog vor ein paar Jahren aus der Albemarle Street hierher – ein Beweis, wie sich die Galerie in über 25 Jahren konsequenter Profilschärfung hochgearbeitet hat. Auch in Maastricht ist Weiss ins Zentrum vorgerückt. Seine Spezialität sind Alte Meister „mit zeitgenössischem Flair“, wie die schöne, blasse Lady Dormer. Mit der hauchdünnen Spitzenkrause, den Juwelen, den allegorischen Goldstickereien auf der Bluse ist sie nicht nur ein Blickfang, sie könnte auch ein Oberseminar über den Symbolismus elisabethanischer Kleidung bei Laune halten.
Die Duke Street, gleich um die Ecke, ist die Seele des Viertels. Mittendrin, in der Nummer 13, schlug Johnny Van Haeften 1982 seine Zelte auf, nahm die Samtvorhänge herunter, hinter denen sich Galerien damals den neugierigen Blicken entzogen und schrieb zum Entsetzen der Kollegen nichts als seinen Namen über die Tür. Heute ist er der unbestrittene König der Niederländer-Händler. Selbstbewusst und unkompliziert ist seine Handelsmaxime. „Wenn mir ein Bild gefällt, werde ich auch einen Käufer finden.“ In Auktionen stockt dem Saal gelegentlich der Atem, wenn „Johnny“ nur mit der Augenbraue Bilder in nie gekannte Preishöhen treibt. Hinterher erweist sich dann alles meist als ganz logisch und einsichtig. Auf drei Stockwerken gibt es hier Niederländer in allen Preislagen. Die neueste Erwerbung, ein Blumenstillleben von Willem Kalf, „wird wunderbar leuchten, wenn es gereinigt ist.“
Hinter Van Haeften und seinen Nachbarn Rafael Valls Ltd., dessen Liebe dem Jagdstillleben gehört, und Derek Johns Ltd., der das „Enthüllen vernachlässigter Meisterwerke“ als Spezialität angibt, geht es durch zwei Durchgänge in den „Mason Yard“. Unübersehbar ist die High Tech-Architektur der Galerie White Cube: Hier reüssiert die ganz junge Kunst. Doch versteckt dahinter liegt gleich wieder ein ganzes Zentrum erfahrener Altmeisterhandlungen: Stephen Ongpin, spezialisiert auf Meisterzeichnungen, daneben sein ehemaliger Kollege Jean-Luc Baroni, der wichtige Altmeistersammler berät und als Handzeichnungshändler weltberühmt ist. Nun ist seine Tochter Novella eingestiegen, um den Handel in der vierten Generation fortzusetzen. „Für mich war immer klar, dass London der beste Ort für eine Altmeistergalerie ist“, sagt die junge Italienerin und bringt aus dem Hinterzimmer eine Rötelzeichnung von Parmigianino im schwarzen Holzrahmen. Nicht die als „Recto“ ausgewiesene, grazile Lesende, sondern die kraftvolle, schnell auf‘s Blatt gesetzte Genrezeichnung einer stillenden Mutter auf der Rückseite ist die eigentliche Schauseite: „Parmigianino, wie man ihn weniger kennt“, erklärt die junge Händlerin stolz.
Patrick Matthiesen, Sohn des von Berlin nach London emigrierten Kunsthändlers Francis Matthiesen, seit über 30 Jahren im Haus, macht Kataloge nur, „wenn sie etwas Neues bringen“. Das ist immer wieder der Fall – der jüngste Katalog stellt zwei neu entdeckte Gemälde von Jacques Blanchard vor, dem mit 37 Jahren verstorbenen Franzosen, der im Schatten des strengen Nicolas Poussin den Schmelz der Bologneser und die Farben der Venezianer nach Frankreich brachte. „Venus und Adonis“ hängt in der großen Galerie, eine Hommage an Tizian und eine französische Liebesgeschichte: Adonis, begierig, auf die Jagd zu gehen, löst sich entschlossen aus der Umarmung der schmachtenden Göttin.
In zwei Dutzend Altmeistergalerien findet man in St. James’s Gemälde, die unter dem Staub der Jahre entdeckt wurden. Die Trafalgar Galleries in der Bury Street ist selbst eine solche Entdeckung. Das Hinterzimmer, in dem die Brüder Alfred und Ronald Cohen in zweiter Generation handeln, erinnert an eine verstaubende Detektivagentur aus einem Humphrey-Bogart-Film. Hier erforschen die beiden inmitten beladener Bücherregale Bilder, die sie mit Kennerauge und einem „physischen Vibrieren im Körper“ aufspüren, wie Alfred Cohen den Moment beschreibt, wenn die Suche erfolgreich war. Im Oberstock hebt er triumphierend eine schwere Eichentafel auf die Staffelei: Eine Gefangennahme Christi, die dem sächsischen Meister des „Pflock Altars“ zugeschrieben werden konnte, einem der wenigen Maler seiner Zeit, die es außerhalb des Ateliers von Lucas Cranach zu malerischer Unabhängigkeit gebracht haben. Unverwechselbar sind die Farben – schwere Rottöne, ein dunkles Grün, das limonengelbe Gewand des Judas: ein gotischer Kolorist.
Nirgendwo sonst kann man die Nachhaltigkeit des Altmeistermarktes besser sehen als bei den Cohens mit ihren verborgenen Werken von Giulio Romano, Jacopo Tintoretto, Jusepe de Ribera oder Francisco de Zurbarán. Ob die altdeutsche Malerei durch den Aufschwung Lucas Cranachs teurer geworden ist oder die Wirtschaftskrise den Markt mehr oder weniger belastet – das spielt hier keine so große Rolle. Die Trafalgar Galleries sind seit 53 Jahren hier. Altmeisterhändler sind über Tagesmoden und schnelle Finanzspekulationen erhaben. Sie kaufen mit Auge und Instinkt und wissen, dass sich gut recherchierte Altmeistergemälde von herausragender Qualität früher oder später bewähren. Auch deshalb sind Altmeisterhändler echte Gentlemen: Sie haben Zeit.
WELTKUNST Heft 6 / 2009
Adressen und Tipps zu Kunst in London finden Sie in der Juni-Ausgabe von WELTKUNST



