Auf eine letzte Zigarette
Sotheby’s Amsterdam versteigert die bedeutende Kunstsammlung des Tabak-Riesen Peter Stuyvesant, mit der den Fabrikarbeitern einst der Alltag versüßt werden sollte
von Dorothee von Flemming
Kunst am Arbeitsplatz ist aus erfolgreichen Unternehmen nicht mehr wegzudenken und viele, oft namhafte Sammlungen werden heute in Büroräumen, Kantinen, Schalterhallen, Konferenzsälen, vielleicht nicht immer mit voller Zustimmung der Arbeitnehmer, zur Schau gestellt. Als einer der Pioniere begann die 1919 als Turmac gegründete, mittlerweile in British American Tobacco, kurz BAT, umgetaufte Zigarettenfabrik im niederländischen Zevenaar nahe der deutschen Grenze Ende der 1950er Jahre zeitgenössische Kunst zu sammeln und schlug damals bereits außergewöhnliche Wege ein. Unter der Devise „Lebe auch bei der Arbeit“ wagte der damalige Direktor Alexander Orlow das Experiment, mit großformatigen Gemälden in bunten Farben über den Maschinen die Monotonie der Produktionshallen zu durchbrechen. Die Arbeiter sollten sich in einer angenehmen, anregenden Arbeitsumgebung wiederfinden, die auch deren Gefühlswelt stimuliert und die Kommunikation fördert. Den Anfang der mittlerweile auf 1700 Werke angewachsenen und international ausgerichteten Sammlung machten bei dreizehn Künstlern aus verschiedenen europäischen Ländern in Auftrag gegebene Arbeiten zum Thema „Joie de vivre“, Lebensfreude.
Nicht alle Kunstrichtungen seien für lärmende Hallen geeignet, befand man damals in Zevenaar, sah von Werken des Surrealismus oder der zerebralen Konzeptkunst ab und konzentrierte sich auf alle Formen der abstrakten Kunst, von der geometrischen bis zur lyrischen, wobei expressionistische Gemälde in starkem Kolorit in der Sammlung den Ton angeben. In den 1970er Jahren folgte die Pop-Art, später kamen die Neuen Wilden – und bis hin zur Neuen Leipziger Schule wurde die Sammlung stets mit Werken der aktuellen Kunst ausgebaut. Stets betreuten renommierte Kunstkenner diese Sammlung auf höchstem Niveau. Willem Sandberg und Wim Beeren, beide ehemalige Direktoren des Stedelijk Museum Amsterdam, und zuletzt Martijn Sanders, Vorsitzender der Vereiniging Rembrandt, selbst engagierter Sammler zeitgenössischer Kunst, brachten das Experiment zum Erfolg, sammelten kenntnisreich und konnten oft Arbeiten von Künstlern, die sie persönlich kannten, direkt erwerben.
Mit der Ankündigung der Geschäftsführung der BAT, das Werk in Zevenaar zu schließen, brachen heftige Diskussionen um die Zukunft der Sammlung aus. Die Gemeinde plädierte für den Erhalt am angestammten Ort als Museum, andere forderten die Schenkung an ein Museum des Landes. Einigkeit schien allein darüber zu herrschen, dass die Sammlung als Ganzes erhalten werden müsse, auch im Falle eines Verkaufs. Doch nachdem alle Bemühungen in dieser Richtung gescheitert waren, wurde zum Leidwesen vieler die Versteigerung der einmaligen Fabrik-Kollektion beschlossen und Sotheby’s mit der Durchführung beauftragt. Vom Verkauf ausgeschlossen sind lediglich die speziell für die Arbeitnehmer geschaffenen grafischen Blätter.
Im Oktober 2008 kamen die ersten vier Werke unter den Hammer, und am 8. März werden die 163 Spitzenwerke der Sammlung bei Sotheby’s in Amsterdam verkauft. Aus der Ära Willem Sandberg, dessen besonderes Interesse den Cobra-Künstlern galt, stammen die direkt bei Karel Appel erworbene Komposition „Tête tragique“ (Taxe 120/180 000 Euro) oder das Aquarell in Blautönen des etwas in Vergessenheit geratenen Simon Hantaï (50/70 000).
Wim Beeren erwarb die „Prähistorische Hand“ von Albert Oehlen (Taxe 150/180 000 Euro) sowie Mike Kelleys „#7, the Descent“ von 1994 (100/150 000). Die jüngsten Kunstwerke fallen in die Epoche von Martijn Sanders, der die Führung der Peter-Stuyvesant-Sammlung im Jahr 2001 übernahm. Dazu gehören „Interior No. 95“ von Anton Henning (30/40 000) oder Andreas Gurskys C-Print „Taipeh“, 2000 datiert (20/30 000). Zur ansehnlichen Gruppe von Werken deutscher Künstler gehört auch das „Dinosaurierei“ von Martin Kippenberger (100/150 000). Wofür die fröhlich bunte „Tony“ von Niki de Saint-Phalle, die jahrelang über den Häuptern der BAT-Zigarettenarbeiter schwebte, ihren Platz vertauscht, bleibt abzuwarten. 250/350 000 Euro soll sie zum Ergebnis der Versteigerung beitragen, von dem ein Teil niederländischen kulturellen Institutionen zugute kommen wird. Mag die Zerschlagung der Peter-Stuyvesant-Sammlung auch bedauerlich sein – die einzelnen Werke werden durch ihre Provenienz die Geschichte der Sammlung lebendig erhalten.


